Reihenhäuser
Anna schreibt, Texte

Die Abreise

Ich stoße mich vom Bordstein ab.
Springe hoch in die Luft, weit über die Straße.
Schwebe über einem Abgrund, einem tiefen Tal, baumbestanden.

Woher? Wohin? Eine Antwort beginnt sich zu formen, als das Gedudel meines Handys mich abrupt aus dem Flug reißt und in eine dunkle Leere stürzen lässt.

Ich taste nach dem Ding, starre aufs Display, weiß, ich muss jetzt irgendwo drücken, damit der Lärm aufhört und ich die Antwort festhalten kann auf die in diesem Moment wichtigste Frage: „Wohin?“. Unter der Uhrzeit, 5:00 Uhr, stehen Worte, die ich nicht begreife. „Wiederholen“ steht da. Wiederholen? Was? Und „Stopp“. Das klingt gut, das begreife ich sogar mit meinem Traumkopf. Ich drücke die Taste unter dem Wort, und es wird still um mich.

Dafür setzt der Lärm in meinem Kopf ein. „Du musst!“ schreit es. „Aufstehen! Losfahren!“ Die Stimme aus meinem Traum schreit inzwischen auch: „Wohin?! Wohin schwebst Du?“ Und eine neue Stimme schreit ebenfalls „Wohin? Wohin musst Du fahren?“

Ich ignoriere sie alle. Es wird mir einfallen. Alles wird mir wieder einfallen. Jetzt ist erstmal nur der nächste Schritt wichtig. Aufstehen. Nicht zurücksinken in den Traum. Hinsetzen. Hoch.

Gut. Jetzt langsam die Augen aufmachen.

Die Stimmen kriegen sich wieder ein, murmeln nun nur noch durcheinander.
Na also, geht doch.
Gleich wird mir auch einfallen, warum ich aufstehen MUSS.
Moment, ich hab’s gleich.

Es tut gut, dieses Vertrauen in mich selbst, diese Sicherheit: Es wird kommen. Die Antworten werden kommen. Gleich werde ich wissen, warum ich den Wecker auf diese Zeit gestellt habe, was ich heute vorhabe, wo ich hinfahren muss.

Während ich noch auf der Bettkante sitze und mich mit einem debilen Grinsen im Gesicht darüber freue, dass mir auf jeden Fall einfallen wird, warum ich hier eigentlich um 5 Uhr früh sitze, drängt sich einer der Wohin-Gedanken von eben wieder nach vorne. Er hat in der Zwischenzeit im Hintergrund vor sich hin gearbeitet und nun endlich eine Antwort gefunden, die er jetzt, aufgeregt wie ein eifriges Schulkind schnipsend, loswerden möchte: „Nach Arenheim! Du fährst heute nach Arenheim! Zur Beerdigung!“ schreit er, hörbar stolz auf seine Leistung.

Richtig.

Jetzt fällt es mir wieder ein. Ich fahre heute nach Arenheim zur Beerdigung meiner Schwiegermutter, die Ende April mit stolzen 95 Jahren gestorben ist. Ich werde sechs Stunden im Zug sitzen und eine halbe im Bus. Ich werde am Nachmittag dort ankommen, meinen Mann und meine Schwägerin samt ihrer Familie treffen. Ich werde morgen zur Beerdigung gehen, wo unzählige Neffen, Nichten, Freunde, Bekannte und Nachbarn der Verstorbenen anwesend sein werden, von denen ich die eine Hälfte noch nie und die andere höchstens einmal gesehen habe. Und ich werde übermorgen Mittag wieder in den Zug steigen und zurückfahren nach Berlin.

Alles klar. Ich wusste, auf die Leute hinter den Kulissen kann ich mich verlassen.

Ein anderer Gedanke meldet sich jetzt zu Wort und erinnert mich daran, warum ich mitten in der Nacht aufstehe, wenn doch der Zug erst bequem um 9 Uhr fährt: Ich muss  noch den kleinen Kundenauftrag fertig machen, bevor ich los kann. Es ist Donnerstag, und da ich ihm die Daten sonst erst Montag schicken könnte, würde er fast eine Woche verlieren. Das geht natürlich nicht.

Ein paar andere mehr oder weniger hilfreiche Gedanken sind inzwischen auch aufgewacht: Du musst noch Schuhe putzen! Du musst noch packen! Du musst Dir nachher noch ein Brötchen für unterwegs kaufen! Du musst aufs Klo! Du brauchst Kaffee!

Die Jungs und Mädels in meinem Kopf sind jetzt in Hochform und überschlagen sich fast in ihrem Eifer.
Aber eins nach dem anderen.
Bad. Toilette.
Dann in die Küche.
Espressokanne und Milchtopf füllen und auf den Herd stellen.
Zurück ins kleine Zimmer und das Fenster öffnen.

Wie riecht der Morgen?

Je nach Wetter und Windrichtung riecht es nach Butterkeks aus der Keksfabrik (Südwind), Kaffee oder Kakao von der nahegelegenen Rösterei (Ostwind), Kiefernwald  (Nordwind, direkt von der Schorfheide) oder Wasser (Westwind).
Heute riecht es nach Wasser.
Die Luft ist frisch und kühl, aber nicht zu kalt. Luft zum Trinken.
Die Spatzen tschilpen in der Platane.

Im Osten zeigt der Himmel einen unwirklich schönen Farbverlauf von Orange über Rosa und Zartviolett bis hin zu einem milchigen Türkisblau.
Ich schwelge in dem Farbspiel und beobachte, wie das Violett langsam verschwindet, während das Orange kräftiger wird und das große Zimmer in ein tieforanges Licht taucht.

Zum Schreibtisch. Computer an.
Morgenroutine.

Was anderen ihr soziales Netzwerk ist, sind mir Flickr und mein RSS-Feedreader.
In meiner Flickr-Rategruppe „Guess Where Berlin“ hat sich einer an einem meiner Bilder festgebissen und arbeitet sich Straße für Straße durch Charlottenburg, um zu erraten, wo das Foto aufgenommen wurde. Mir wäre das zu langweilig, aber er muss ja wissen, worin für ihn der Reiz besteht, systematisch Straßennamen aufzuzählen, bis er den richtigen getroffen hat. Ich gebe ihm also einen weiteren Tipp und hoffe, dass er es damit lösen kann, denn für mich ist das auch frustrierend immer nur zu schreiben, „Nein, da ist es auch nicht…“.

Im Feedreader lösche ich von gut 300 neuen Beiträgen etwa 250 und picke mir zehn als Lesestoff für den ersten Kaffee heraus. Um den Rest werde ich mich kümmern, wenn ich wieder da bin.

„Darum kümmere ich mich, wenn ich wieder da bin.“ Das Mantra der letzten Tage. Wenn alles zu viel wird, hilft nur noch filtern, aussortieren, verschieben. Alles, was nicht absolut lebensnotwendig ist – oder unangemessen großen Stress in der nahen Zukunft verursachen könnte, wenn es liegenbleibt – muss jetzt mal warten.
Energiemanagement.

Das Kundenprojekt. Eigentlich eine kleine Sache, aber gestern Abend konnte ich einfach nicht mehr.
Jetzt, mit einer guten Stunde Zeit und einem großen, heißen Latte Macchiato geht mir die Arbeit leicht und schnell von der Hand, und um 7 Uhr ist alles fertig.
Genug Zeit, um auch die anderen Sachen zu erledigen, die Schuhe zu putzen, Milchtopf und Kaffeeglas zu spülen, den Miniatur-Flachmann mit einem Schluck Single Malt als Nothelfer für die Beerdigung zu füllen, ein kleines Kissen frisch zu beziehen und einzupacken, damit ich sechs Stunden die „ergonomischen“ Sitzlehnen im ICE ertragen kann.

Ich bin eine Viertelstunde früher als geplant fertig. So gefällt mir das, denn ich hasse nichts mehr als Stress und Gehetze. Das kostet zu viel Energie. Lieber bummle ich noch ein wenig durch den Bahnhof oder setze mich auf eine Bank und lasse das Leben an mir vorbeiziehen, als dass ich schweißgebadet zum Gleis hetze, in letzter Minute in den Zug springe und dort kollabiere. Alles schon gehabt. Brauche ich nicht mehr.

Also los. Zum türkischen Bäcker am U-Bahnhof, wo es die leckersten belegten Baguettes gibt und diese mit Weißkäse gefüllten Sesamringe aus Hefeteig. Köstlich! Und idealer Reiseproviant. In die U-Bahn. Bis zum Alex, dann umsteigen in die S-Bahn. Es ist rappelvoll. Ich lasse eine S-Bahn durchfahren und nehme die nächste. Etwas besser, aber Sitzplätze sind auch hier Fehlanzeige. Also stehen. Ich sitze nachher noch lange genug.

Das Unterwegssein drückt die leise Wehmut, die mich schon den ganzen Morgen begleitet, etwas in den Hintergrund.

Mit dem Verlust eines Menschen geht ja meistens auch der Verlust anderer Dinge einher: der Verlust liebgewordener Gewohnheiten, der Verlust eines Ortes, zu dem man sich hinflüchten kann, der Verlust von Gedanken, Anregungen und Gesprächen, der Verlust der Gerichte, die der Verstorbene besonders gut kochen konnte, der Verlust des vertrauten Geruchs, der vertrauten Stimme.

In den letzten zehn Jahren war ich sicher 15 oder 20 mal in Arenheim, und das Reihenhäuschen ist mir eine Art zweites Zuhause geworden. Ich kennen seinen Geruch und seine Geräusche, ich weiß, wie das Licht am Nachmittag durch das Fenster des ehemaligen Kinderzimmers im ersten Stock fällt, und ich finde mich in den zahlreichen Fächern und Schubladen in der Küche blind zurecht, geschult durch unzähliges Spülen, Abtrocknen und Wegräumen. Die Schwiegermutter war da eigen, es durfte kein schmutziges Geschirr herumstehen.
Sie war kein Putzteufel, aber sie musste mit Platz und mit ihren Kräften haushalten. Ein großer Abwasch pro Tag hätte sie zu sehr angestrengt, und wenn sich Geschirr von drei Leuten und zwei oder drei Mahlzeiten stapelt, ist die winzige Küche voll. Also wurde nach jeder Mahlzeit schnell gespült, wobei mir dann meist das Abtrocknen zufiel.

In diesem zweiten Zuhause fühlte ich mich heimisch, so wie als Kind im Haus der schwäbischen Oma, die wir fast jedes Jahr besuchten, oder im Ferienhaus in der Lüneburger Heide, wohin wir an den schulfreien Wochenende und in den Oster- und Herbstferien fuhren.

Und ebenso wie vor vielen Jahren vom Ferienhaus oder von Omas Haus werde ich nun Abschied nehmen müssen von Arenheim, denn es ist unwahrscheinlich, dass die beiden Kinder das Haus nach dem Tod der Mutter behalten werden. Noch ist zwar nichts endgültig entschieden, aber die Zeichen stehen nicht besonders günstig.

Nach dem plötzlichen Tod meines geliebten Katers im Februar steht also erneut eine Trauerzeit an, heißt es erneut Abschied nehmen von vielen kleinen, alltäglichen, liebgewonnenen Gewohnheiten, und wieder stehen mir unzählige winzige letzte Male bevor: das letzte Mal in dem alten Ehebett aus den 1940ern schlafen. Das letzte Mal in der Morgensonne auf der Terrasse Kaffee trinken. Das letzte Mal mit den alten Pantoffeln durchs Haus schlappen. Das letzte Mal mit der sabbernden Kaffeemaschine kämpfen. Das letzte Mal in der engen kleinen Küche spülen und abtrocknen. Das letzte Mal die blau-weißen Teller in den Hängeschrank räumen. Das letzte Mal die Alpenveilchen auf der Fensterbank begutachten. Das letzte Mal abends im Garten in den Himmel schauen auf der Suche nach Sternschnuppen oder Satelliten. Oder, mit viel Glück, der ISS. Das letzte Mal.

Es kotzt mich an. Das waren in diesem Jahr schon viel zu viele letzte Male für meinen Geschmack. In mir hat sich ein tiefes Gefühl von Heimatlosigkeit ausgebreitet, von Entwurzeltsein, von Verlorenheit. Wichtige Fixpunkte in meinem Leben sind verschwunden. Was wird an ihre Stelle treten? Die Veränderung macht Angst und ist furchtbar anstrengend. Vor allem weil sie, anders als beispielsweise der Aufbruch in eine neue Stadt, einen neuen Beruf, ein neues Leben, nicht selbst gewählt, sondern aufgezwungen ist.

Ich denke an Walter, der diesen Weg vor vier Tagen gefahren ist. Wie muss er sich gefühlt haben bei dem Gedanken, jetzt in das Haus seiner Kindheit zu fahren und dies leer vorzufinden? Das ist alles so unnötig und zur Unzeit. Mein verzweifelter Schrei als ich mit dem Kater auf dem Küchenboden saß: „Es ist noch nicht die Zeit!!!“ Warum jetzt?
Zum ersten Mal verstehe ich Walters Wut dem Tod gegenüber.
Dieser verdammten Endgültigkeit. Kein Zurück, kein Weiter, nur ein Woandershin.
Wohin diesmal?

Kurz vor Hannover döse ich ein.

Ich stehe in einer Straße auf einer hohen Bordsteinkante und stoße mich ab…

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