Alte Frau mit Hund auf einer Parkbank
Anna denkt nach, Anna schreibt, Texte

Die Alten

Was mich im Dorf verwirrt, ist die Einsamkeit der Alten, die zum Teil eine durchaus selbstgewählte Einsamkeit zu sein scheint.

Jahrzehntelang leben sie hier, waren in Vereinen aktiv, kennen alles und jeden, jedes Kind, das in den vergangenen 70 Jahren im Dorf geboren wurde, jede geschiedene Ehe, jeden Mann, der zum Säufer geworden ist und jeden Skandal, der tatsächlich oder auch nur vermeintlich stattgefunden hat.

Nun sitzen sie zu Hause und haben nichts zu tun. Die eine liest vielleicht ab und zu ein Buch, der andere verbringt seine Tage mit Kreuzworträtseln, hier und da entstehen selbstgestrickte Socken, die niemandem passen, man buddelt ein wenig im eigenen Gärtchen, wenn man noch kann, ansonsten ist das Fernsehen das Tor zur Welt.

Und man beklagt sich: Wie einsam es zuweilen ist, wie langweilig. Nichts mehr zu tun, nicht mehr gebraucht. Aber wenn man sie einbinden will, die Alten, wenn man mit ihnen hinausgehen will, andere Menschen treffen, etwas von der Welt sehen, eine kleine Tour in die Stadt oder ins Grüne, wenn man ihnen vorschlägt, sich ein Bänkchen vors Haus zu stellen, wo sie in der Sonne sitzen und mit vorübergehenden Passanten plaudern können, wenn man sie bittet, im Verein, in dem sie vier Jahrzehnte Mitglied waren, eine kleine Aufgabe zu übernehmen, dann bekommt man nur zu hören: „Tu mir das nicht an! Das habe ich lange genug gemacht, jetzt will ich endlich mal meine Ruhe haben!“

Was denn nun? Wenn man sie in Ruhe lässt, quengeln sie, es sei zu einsam, wenn man ihnen Gesellschaft leistet, stört es ihren geregelten Tagesablauf, und wenn man sie gar zu Aktivitäten, wie gering auch immer, motiviert, ist alles zu viel und eine Zumutung.

Liegt das an der Generation der heute 80- oder 90-Jährigen, oder werden wir alle im Alter so?
Ist nichts da, ist es zu wenig, ist etwas da, ist es zu viel – ist das die altersimmanente Unzufriedenheit mit dem Hier und Jetzt?
Wird man so, weil man sich überflüssig und schwach fühlt, weil man mit der Veränderung nicht klar kommt, der eigenen und der der Welt?

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Ein Gedanke zu “Die Alten

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