Gepflasterter Vorgarten
Anna denkt nach, Anna schreibt, Texte

Die Natur

Von Natur umgeben, kommt der Dörfler doch nicht mit ihr klar, denn sie stört seinen Ordnungssinn.

Den Wald betritt der Dörfler nur, wenn er mit dem Hund spazieren geht. Niemand pflückt hier die Himbeeren und kocht Marmelade daraus, keiner streift an einem Sonntagmorgen durch die Wiesen und bewundert das taunasse Gras, das in der Morgensonne glitzert.
Die Kinder können keine fünf Bäume oder Vögel benennen, und bei den Erwachsenen sieht es nicht besser aus. Der Wald dient nur als Holzlieferant für den stylischen Glasofen im Wohnzimmer, als Hundeklo und als Lockmittel für Touristen. Sonst können sie hier nichts damit anfangen. „Es ist so schön hier, in nur fünf Minuten ist man im Wald!“ bringt einem hier nur zweifelnde Blicke ein, ob man noch alle Tassen im Schrank hat.

Der Dörfler ist von Natur im Überfluss umgeben und empfindet sie als etwas, das gezähmt werden muss. Die Natur ist für ihn das Gegenteil von Zivilisation.
Die Natur ist der Feind. Die Natur bringt Unkraut hervor, das man bekämpfen muss, und Schnecken und Blattläuse, Spinnen im Haus und Mücken auf der Terrasse.
Die Singvögel, die sich aus dem Wald in besiedeltes Gebiet gewagt haben, werden mit Katzen in Schach gehalten, die angeblich nur „wegen der Mäuse im Garten“ gehalten werden.

Nur manchmal plagt den Dörfler das Gewissen, wenn wegen einer grassierenden Amselseuche der gewohnte abendliche Gesang verstummt oder wenn sich im Winter weder Rotkehlchen noch Buchfink mehr am Futterhäuschen blicken lassen und das Futter bis zum Frühjahr vergammelt, weil es immer weniger Vögel gibt, die hier fressen wollen.
Dann beklagt der Dörfler, wie alles immer schlimmer wird, aber einen eigenen Anteil daran sieht er nicht. Und insgeheim freut er sich wohl auch ein bisschen, denn das Vordach muss nun seltener geputzt werden, seit die Vögel nicht mehr unter der Dachrinne brüten und alles vollkacken.

Und so pflastert er seinen Vorgarten oder streut zentimeterdick die Schottersteine aus, stellt einen Blumenkübel auf, den er mit sterilen Stiefmütterchen oder Petunien oder Eisblumen bepflanzt und freut sich, dass alles so schön ordentlich und pflegeleicht ist.

Und er schmunzelt, wenn er in der Zeitung von dem Fuchs liest, der wochenlang die Bewohner des benachbarten Ortes in Atem gehalten hat, indem er des Nachts immer wieder einzelne Schuhe von Höfen, Terrassen und Treppenstufen gestohlen und in seinen Bau geschleppt hatte, wo sie nun der Förster entdeckt und ausgegraben hat.
Dann ist der Dörfler erfüllt von einer Mischung aus Schadenfreude und Angst – „die Natur ist eben doch stärker“ – und er ergötzt sich etwas an dem wohligen Schauder, wenn er in seinem geordneten Garten sitzt und sich über sein geordnetes Leben freut.

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Ein Gedanke zu “Die Natur

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