Tür eines verlassenen Hauses
Anna schreibt, Texte

Omas Haus

Wie oft sind wir in den letzten zehn Jahren ins Dorf gefahren, um Oma zu besuchen? Sicher an die zwanzig Mal. Nun fahren wir zum ersten Mal ins Dorf, ohne dass Oma uns erwartet.
Oma ist gestorben und mit ihr ihre Erinnerungen, ihre Geschichten, ihre Alpträume.

Ihr Geruch ist noch da. Er entströmt dem Kleiderschrank, in dem noch ihre Sachen hängen. Er hängt im Bad, wo auf der Fensterbank ihr Potpourri seinen Duft verbreitet, das sie von Zeit zu Zeit mit ihrem Lieblingsparfum bestäubt hat.

Es ist seltsam, in dieses Haus zu kommen, ohne dass Oma dort ist. Nicht, weil etwas fehlen würde, sondern es ist seltsam, dass anscheinend nichts fehlt. Oma könnte genauso gut oben in ihrem Bett liegen und schlafen oder auf der kleinen Terrasse vor dem Haus sitzen, in ein Rätselheft oder ein Buch vertieft.
Obwohl das Haus ein halbes Jahr leer stand, scheint es unverändert. Man merkt ihm an, dass es geliebt worden ist.

Sollte man nicht spüren, wenn der Mensch, der einen Ort geprägt hat, nicht mehr da ist?
An diesem Ort spüre ich nichts. Weder Omas An- noch ihre Abwesenheit.
Keine Geister. Nur das Haus, das weiter atmet, still und stetig.

Aber warum sollte Omas Geist auch hier sein? Jetzt, wo sie frei ist, nicht mehr an einen kranken, alten Körper gebunden, kann sie doch überall sein, wo sie möchte. An Orten, an denen sie noch nie war, aber wo sie immer hinwollte. Oder an einem Ort, an dem sie einst glücklich war. Und wenn sie jetzt mit geliebten Menschen wieder vereint ist, die einst vor ihr gehen mussten – warum sollte sie dann hier bei uns sein, wo sie doch die anderen so lange nicht gesehen hat?

Nein, Oma hat besseres zu tun, als uns Schatten im dunklen Keller vorzugaukeln, Sachen verschwinden zu lassen oder nachts seltsame Geräusche zu machen.
Diese Dinge lassen sich sicher irgendwie erklären.

Ob es wohl Einbildung war, dass das Haus ein klein wenig missbilligend die Stirn zu runzeln schien, als wir jetzt nach einem halben Jahr das erste Mal wieder kamen? Oder waren es nur die Spinnweben in den Ecken der Fensteröffnungen?

Ich dachte, es freut sich, dass endlich wieder Leben in seinen Mauern herrscht – aber vielleicht möchte es lieber allein sein und trauern…

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Ein Gedanke zu “Omas Haus

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