Anna denkt nach

Stichworte und Gedanken zu einer Geschichte der Anwesenheit von Fremden in Europa

Ich galube, es ist notwendig, die Geschichte der Anwesenheit der Fremden, der Schwarzen, der Asiaten in die europäische Geschichte zu integrieren.

[Alain Mabanckou in der Dokumentation Die Macht der Bücher – Französischsprachige Literatur heute (2017, von Stefanie Appel)]

 

Wie kann eine Geschichte der Anwesenheit von Fremden in Europa aussehen? Welche Aspekte müsste sie behandeln, welche Fragen stellen und eventuell sogar beantworten?

Zu Beginn müsste in jedem Fall eine Begriffsklärung stehen. Wie fasst man die Begriffe „Fremder“ und „Europa“? Welchen historischen, geographischen, kuluturellen, psychologischen und soziologischen Raum betrachtet man?

Europa – Auf welchen geographischen, kulturellen, historischen Raum bezieht sich der Begriff?

Definition laut Wikipedia:

Europa (altgriechisch Εὐρώπη, Eurṓpē) ist ein Erdteil, der sich über das westliche Fünftel der eurasischen Landmasse erstreckt. Obwohl es geographisch gesehen ein Subkontinent ist, der mit Asien zusammen den Kontinent Eurasien bildet, wird es historisch und kulturell begründet meist als eigenständiger Kontinent betrachtet. Dies verweist darauf, dass sich der Begriff „Europa“ nicht in der geographischen Definition erschöpft, sondern sich auch auf historische, kulturelle, politische, wirtschaftliche, rechtliche, ideelle und Identitäts-Aspekte bezieht.

Wie sieht „europäische“ Identität aus? Worüber definiert sich Europa selbst? Welche Werte, Erfahrungen, Gemeinsamkeiten sind wichtig?
Wo hat das europäisches Selbstverständnis als kulturelle und Werteeinheit seine Wurzeln?

Zu Beginn einer derartigen Abhandlung müsste vermutlich ein Abriss der Geschichte Europas und ein Essay über „europäische Werte“ und deren Entstehung und Ausformung stehen. Wichtig ist auch die Frage, welche Werte Europäer heute teilen und inwieweit diese Werte universell menschlich oder spezifisch europäisch sind.

 

Fremde – Welche Aspekte umfasst der Begriff der Fremdheit in Bezug auf die europäische Geschichte?

Definition laut Wikipedia:

Das Fremde bezeichnet etwas, das als abweichend von Vertrautem wahrgenommen wird, das heißt aus Sicht dessen, der diesen Begriff verwendet, als etwas (vermeintlich) Andersartiges oder weit Entferntes.

Fremdheit beinhaltet Aspekte der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, der Sprache, der Religion, des Aussehens, der Kleidung, der Bräuche und Gewohnheiten, der Werte und Traditionen, der Denkweise, der Sicht auf die Welt und vieles mehr.

Wie kann der Begriff des Fremden im Zusammenhang mit Europa sinnvoll verwendet werden?

Mabanckou verwendet den Begriff in Hinblick auf andersrassige Fremde („Schwarze, Asiaten“) und schließt damit die Beschäftigung mit Gruppen aus wie z.B. den US-Amerikanern, Kanadiern, Australiern usw., die (abgesehen von indigenen Bevölkerungsgruppen und Einwanderern aus Asien, Afrika oder Mittel- und Südamerika) zum Großteil von europäischen Auswanderern abstammen, genauso wie mit europäischstämmigen Individuen, die in anderen Erdteilen aufgewachsen sind.

Dieser Begriffsbestimmung folgend hätte sich eine derartige Arbeit auch nicht mit innereuropäischen Phänomenen des Fremdseins auf der Ebene der europäischen Volksstämme oder Nationalstaaten zu befassen (Römer und Germanen waren sich sehr fremd, auch wenn sie auf demselben Kontinent gelebt haben; Südamerikaner werden in Spanien als weniger fremd empfunden als Schweden usw.).

Ein wichtiger Aspekt ist die Beschäftigung mit soziologischen und psychologischen Aspekten der Wahrnehmung von Fremdheit und des Umgangs mit ihr bzw. ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft.

 

Anwesenheit – Was beinhaltet dieser Begriff?

„Anwesenheit“ kann sich auf physische Anwesenheit von Menschen beziehen wie auf die Anwesenheit „fremder“ oder neuartiger Ideen, Produkte, Musik, Literatur, Kunst, Wissen usw.

Anwesenheit kann friedlich oder kriegerisch sein, invasiv oder integrativ, zeitlich begrenzt oder unbegrenzt, zufällig oder bewusst…

Die Motive der Anwesenheit können unterschiedlich sein, der Fremde kommt als Eroberer, Soldat, Gefangener, Händler, Pilger, Ehegatte, Sklave, Forscher, Missionar, Gast, Flüchtling, Reisender usw.

Nicht immer liegt der Anwesenheit des Fremden Migration im Sinne eines dauerhaften Wohnortwechsels zugrunde

Wie reagiert eine Gruppe auf die Anwesenheit „des Fremden“?

Immer findet eine Wechselwirkung statt – das Fremde wirkt auf die bestehende Gesellschaft und hinterlässt Spuren (bis hin zur Indigenisierung), aber auch das Fremde nimmt etwas von der umgebenden Gesellschaft an (Integration). Beide Seiten beeinflussen sich gegenseitig und befinden sich in stetigem Wandel.

Die Reaktion kann positiv oder negativ sein (Wikipedia):

[Das Gefühl der Fremdheit] kann Abwehr im Sinn von Angst bis hin zur Aggressivität hervorrufen; allerdings je nach persönlicher oder sozialer Disposition auch Zugewandtheit im Sinne von Interesse bis hin zur Sehnsucht (vgl. Xenophilie versus Xenophobie).

 

Lektüre zum Einstieg

Geschichte Europas

  • Frédéric Delouche: Das europäische Geschichtsbuch: Von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert (Klett-Cotta 2012)
  • Wolfgang Schmale: Geschichte Europas (Böhlau 2000/2014, https://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/438679)
  • Harald Haarmann: Auf den Spuren der Indoeuropäer: Von den neolithischen Steppennomaden bis zu den frühen Hochkulturen (C.H. Beck 2016)
  • Siegmar Frhr. von Schnurbein (Hg.): Atlas der Vorgeschichte: Europa von den ersten Menschen bis Christi Geburt (Konrad Theiss 2.2014)
  • Peter heather: Invasion der Barbaren: Die Entstehung Europas im ersten Jahrtausend nach Christus (Klett-Cotta 2.2012)
  • Wolfgang Schuller: Das Erste Europa, 1000 v. Chr. – 500 n. Chr. (UTB 2004)
  • Hans-Werner Goetz: Europa im frühen Mittelalter 500-1050 (UTB 2003)
  • Michael Borgolte: Europa entdeckt seine Vielfalt 1050-1250 (UTB 2002)
  • Michael North: Europa expandiert 1250-1500 (UTB 2007)
  • Günter Vogler: Europas Aufbruch in die Neuzeit, 1500-1650 (UTB 2003)
  • Heinz Duchhardt: Europa am Vorabend der Moderne 1650-1800: Frühe Neuzeit II (UTB 2003)
  • Barbara Stollberg-Rilinger: Die Aufklärung: Europa im 18. Jahrhundert (Reclam 2011)
  • Luise Schorn-Schütte: Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit: Studienhandbuch 1500-1789 (UTB 2.2013)
  • Wolfgang von Hippel & Bernhard Stier: Europa zwischen Reform und Revolution 1800-1850 (UTB 2012)
  • Jörg Fisch: Europa zwischen Wachstum und Gleichheit 1850-1914 (UTB 2002)
  • Walther L. Bernecker: Europa zwischen den Weltkriegen 1914-1945 (UTB 2002)
  • Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt: Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015 (C.H. Beck 2016)
  • Die Geschichte der Europäischen Union (https://europa.eu/european-union/about-eu/history_de)
  • Wolfgang Kaschuba: Einführung in die Europäische Ethnologie (C.H. Beck 4.2012)

Über Fremdheit

Fremde in Europa

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2 Gedanken zu “Stichworte und Gedanken zu einer Geschichte der Anwesenheit von Fremden in Europa

  1. Pingback: Cogito ergo sum | Annas Miniaturen

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