Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Weltensichten

20. Dezember. Donnerstag. Es lief doch alles so schön, warum muss ausgerechnet jetzt, kurz vor der Ziellinie, die Kundin quertreiben? Das ist ja so ein Problem: Da beauftragt jemand eine Website, erklärt sich einverstanden, alles nach aktuellem technischen Stand zu entwickeln, schaut selbst das Internet aber mit einem fünf Jahre alten Gerät mit exotischer Bildschirmauflösung an, das natürlich in den fünf Jahren weder das Update des Betriebssystems noch des vorinstallierten Browsers gesehen hat. Ausgerechnet auf diesem Gerät nun sieht die eigene, neue Website nicht so aus wie in den vorgelegten Entwürfen der Designerin. Da sind Abstände, wo keine sein sollen, Bilder stehen über dem Text statt daneben, Schriften sehen „komisch“ aus, weil der Browser seine eigenen Theorien zur Darstellung von Webfonts hat. Das alles wäre ja zu verschmerzen, wenn die geneigte Entwicklerin einfach sagen könnte, „Sie schauen da mit Browser XY, der ist von 2012, das kann heute nicht mehr funktionieren“. Aber zum einen kontert die Kundin, es sähen ja „alle Seiten im Internet“ richtig aus bis auf die eigene, neue, zum anderen weigert sie sich, mir die verwendete Browserversion überhaupt mitzuteilen, sei es, weil sie zu Recht befürchtet, sich von mir eine Abfuhr ihres Wunsches der kostenlosen Anpassung zu holen, sei es aus Unkenntnis, wie sie sich diese Information verschaffen kann, sei es aus Sturheit: Ich habe ‚dafür‘  bezahlt und nun will ich das auch haben. Die zwischengeschaltete Designerin versucht, beiderseitig zu besänftigen und zu vermitteln und ist in dieser Position auch nicht zu beneiden, schon gar nicht am vorletzten Werktag vor Weihnachten. Seufz. Das brauche ich alles nicht.
Dennoch fahre ich mittags gutgelaunt „in die Stadt“ (wo das genau ist, variiert in Berlin ja abhängig vom eigenen Standort, von den eigenen Präferenzen und dem konkreten Vorhaben), um mir die Weihnachtsschaufenster und den „Weihnachtsmarkt“ im KaDeWe anzuschauen. Hach. Die KaDeWe-Wichtel gehen dieses Jahr auf Weltreise, machen Selfies vor der kleinen Meerjungfrau, fahren Riesenrad im Prater, stehen mit Karl Lagerfeld in Mailand am Laufsteg, fahren U-Bahn in Berlin und TukTuk in Bangkok. Es ist wie immer so schön anzusehen…
Alle Wiehnachtskarten sind geschrieben  und auf den Weg gebracht, alle Geschenke (bis auf ein paar ergänzende Kleinigkeiten) besorgt, und jetzt muss ich nur noch eine Lösung für die anstrengende Kundin (siehe oben) finden und die Wohnung auf Vordermann bringen, ein paar Kekse backen und dekorieren, den Baumersatz besorgen und zwei, drei Geschenke einwickeln. Das sollte in dreieinhalb Tagen eigentlich zu schaffen sein…

Woran ich mich erinnern will:
Der KaDeWe-Mitarbeiter, der in Hemd und Krawatte einen Handhubwagen, beladen mit einer Holzpalette und darauf ungefähr hundert Kartons mit der Aufschrift „Fragile“, alles zum Transport mit Klarsichtfolie umwickelt, aus dem Haupteingang zur Straße und einem wartenden Transporter hinauszieht, dahinter trippelnd zwei sehr junge, sehr zart und sehr reich aussehende Chinesinnen in Designerklamotten und -Handtäschchen, die anscheinend gerade für ein paar tausend Euro europäischen Christbaumschmuck eingekauft haben. Während ich mir als „Jahresgabe“ eine zarte Glocke aus weißem Porzellan geschenkt habe, in die man ein Teelicht stellen  kann. Made in China, herabgesetzt von 19,90 Euro auf zehn Euro. Welten.

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Ein Gedanke zu “Weltensichten

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