Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Glück in der Arbeit

8. März. Freitag. Internationaler Frauentag. Erstmalig Feiertag in Berlin. Hier im Rheinland ist natürlich alles ganz „normal“. Man weiß, dass „Frauentag“ ist, aber man verbindet nichts damit. Man bekommt vielleicht ein paar Blümchen und macht ein paar Sprüche, aber das war es dann auch. Das große Feiern, das ich (nach der Wende) aus der DDR kennengelernt habe, ist hier völlig unbekannt.
Für mich ist es in erster Linie ein geschenkter Tag, einer, an dem ich in Ruhe arbeiten kann, ohne dass jemand anruft und ohne dass ich Mails beantworten (oder überhaupt lesen) muss.

Gestern habe ich hier über inneres Glück nachgedacht. Da ich die Fastenzeit ja auch ein wenig dafür nutzen möchte, mir Gedanken über meine Zukunft zu machen, will ich heute mal auflisten, was mich an meiner Arbeit glücklich macht:

Die Arbeitsbedingungen. Ich arbeite alleine, von zu Hause aus. Ich kann meine Arbeitsumgebung, meine Arbeitsmittel, die Arbeitszeiten, die Erreichbarkeit, Unterbrechungen, Einteilung der Arbeitsinhalte vollkommen allein bestimmen. Ich kann das Licht an- oder ausmachen, das Fenster öffnen oder schließen oder Musik hören, wann ich will. Es ist meineTemperatur, meine Lautstärke, meine Helligkeit. Als sensorisch sehr empfindlicher Mensch ist das für den Erhalt meiner Leistungsfähigkeit zwingend notwendig. Ich kann am PC essen oder im Sessel arbeiten. Ich kann morgens um sechs arbeiten oder abends um neun. Ich kann auch mal einen Tag gar nicht arbeiten. Ich kann das Wochenende durcharbeiten. Ich kann an einem Mittwoch um elf Uhr vormittags im Café sitzen und die Nase in die Sonne halten. Ich kann bis morgens um zwei an einer Sache sitzen, die fertig werden muss. Ich kann selbst entscheiden, wann ich ans Telefon gehe und wann ich e-Mails beantworte.
Natürlich muss auch ich mich äußeren Zwängen unterwerfen: Wenn in der Wohnung über mir renoviert wird, muss ich mir was einfallen lassen. Wenn ein Projekt abgeschlossen werden soll, muss ich daran arbeiten.
Aber: Ich kann selbst entscheiden, wie, wann und auf welche Weise ich das mache, und das ist eine große Freiheit.

Die Menschen. Ich habe überwiegend sehr nette und unanstrengende GeschäftspartnerInnen und KundInnen. Von den unangenehmen Menschen, die mir nicht gut tun oder die mit mir nicht gut klarkommen, trenne ich mich, bevor es zu belastend wird. Ich habe Menschen in meinem Leben, die zwar nicht verstehen, warum ich bestimmte Bedürfnisse und Grenzen habe (ich bin introvertiert und sensorisch sensibel), die diese aber respektieren und mich dafür nicht verurteilen. Ich telefoniere nicht gern, eine Kundin braucht aber praktisch täglich den „persönlichen“ Kontakt. Durch eine etwas persönlichere Gestaltung der Gespräche (und ihr sonniges Gemüt) sind die beinahe täglichen Telefonate zwar immer noch anstrengend, aber sie machen mir inzwischen Spaß.

Die Inhalte? Da bin ich ein bisschen im Zwiespalt. Es gibt viele Tätigkeiten, die mir wirklich sehr viel Spaß machen und mich auch stolz und zufrieden (und glücklich) machen: Infomationen recherchieren, sammeln, sortieren, strukturieren. Pläne und Konzepte aufstellen. Anleitungen schreiben. Sachen erklären (schriftlich!). Programmierprobleme lösen (wenn ich genügend Zeit dafür habe). Buchhaltung und Steuer finde ich nicht schlimm (abgesehen von den negativen Energien, wenn ich wieder sehe, wie wenig Geld ich mit meiner Arbeit verdiene). Es macht mir riesigen Spaß, ein neues Projekt zu beginnen. Alles scheint möglich, mit fliegenden Fahnen wische ich die Bedenken der Designer hinweg: Das kriegen wir hin! Ich plane, strukturiere, lege los.
Aber es gibt auch Dinge, die fallen mir schwer und blockieren mich: Sachen, die ich im Kopf fertig habe und die dann in der Umsetzung gefühlt ewig dauern (und meinen Kopf damit zu Tode langweilen). Überhaupt: Langweilige Routinearbeiten, die sich endlos in Details verlieren (hier noch ein Pixel größer, dort noch einen Millimeter nach rechts, das Blau noch einen Tick heller). Telefonische oder persönliche Kontakte mit gänzlich oder relativ unbekannten Menschen. Situationen, die mir Angst machen (und die fast immer mit Menschen und ihren Erwartungen zu tun haben). Aufgaben, an denen ich scheitern könnte.

*******

EIgentlich sehr gut motiviert und mit prall gefüllter To-Do-Liste in den Tag gestartet. Dann bittet H., nach dem Frühstück in den Nachbarort zum Einkaufen zu fahren.
Nach Sektfrühstück, allerlei Kleinkram und einem Überraschungsbesuch von einem Nachbarn brechen wir kurz nach 12:00 Uhr auf, laufen durchs Dorf zum Geldautomaten und steigen dort in den Bus. Unten angekommen spazieren wir eine gute halbe Stunde am Rhein, beobachten Enten und Schwäne und wundern uns, dass in dieser Zeit nur ein Schiff vorbeifährt. Auch die Anleger der Ausflugsdampfer und Kreuzfahrtschiffe sind leer. Die Stadt wirkt ausgestorben. Wo sind denn alle? Nur auf der Brücke rollt der Verkehr.
Kurzer schneller Einkauf, dann Heimfahrt. Der Bus ist voll mit heimkehrenden Schülern; um zwei sind wir wieder im Dorf.

Dann: HungerHungerHunger. Nach dem Essen: MüdeMüdeMüde.
Ich lege mich zwei STündchen aufs Sofa, kann aber nicht richtig schlafen, schrecke immer wieder hoch: Du musst heute wenigstens noch x und y machen, vielleicht auch noch z! Aber der Kopf will nicht, ist zu müde, lässt immer wieder die Augen zufallen, wenn solche Gedanken kommen. Es ist eine Schiffsschaukel: Müde, einschlafen, hochschrecken, erschöpft von den Gedanken einnicken.

Um halb sechs quäle ich mich hoch, Kaffe, kaltes Wasser ins Gesicht. Kleinkram für das mittlere Projekt (x). Der Kopf wird nicht klar. Kurze Pause, in mich gehen, berappeln: jetzt geht es. Mit dem ZEIT-Podcast Verbrechen von letzter Woche als Begleitung prügele ich mich noch durch die Aktualisierung einer Website, die schon seit Januar ansteht (y). Ein unbezahltes Projekt, das leider etwas warten musste. Für die neue private Fotoseite eines langjährigen Kunden (z) habe ich keine Energie mehr, außerdem ist es schon nach acht, und dann ist es auch irgendwann mal gut.

Woran ich mich erinnern will:

Die wirklich seelenheilende Wirkung von Wasser, am liebsten großes Wasser oder schnelles Wasser.

 

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Ein Gedanke zu “Glück in der Arbeit

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