Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Mensch nicht Frau

9. März. Samstag. Gestern morgen beim Frauentags-Sekt sprudelten wieder mal mögliche neue Geschäfts-Ideen aus mir heraus. Ich werde mir die nun mal notieren, allerdings aus verständlichen Gründen nicht hier, sondern offline.

Beim Nachdenken über die anlässlich des Frauentags wieder geäußerten fortdauernden Benachteiligungen von Frauen im Arbeitsleben und in der Gesellschaft bin ich wie jedes Jahr in mich gegangen und habe mein eigenes Leben auf Diskriminierungserfahrungen untersucht. Ich finde da wenig. Zwar sehe ich durchaus die zu Recht kritisierten vielfältigen strukturellen Benachteiligungen von Frauen generell, für mich selbst habe ich da zum Glück kaum persönliche Erfahrung mit.

Meine Eltern hatten sich einen Jungen gewünscht, und bis zur Schulzeit spielte ich fast ausschließlich mit Jungen. Ich habe einfach dasselbe gemacht wie sie und zusätzlich noch „Mädchensachen“ und begegnete Anforderungen von (fremden) Erwachsenen, mich „mädchenhaft“ zu verhalten, regelmäßig mit komplettem Unverständnis. Einen Rollenkonflikt sah ich für mich nie – ich mache einfach, was mir Spaß macht; wenn das jemand für mich als unpassend erachtete, war das sein Problem. Schon mit sechs war ich überzeugt, nie Kinder zu bekommen (ich sollte Recht behalten), und ich entwickelte auch nie einen Kinderwunsch. So war ich frei, mit meinem Leben zu tun und zu lassen, was ich wollte. Dass ich nicht Mathematik studierte, entschied ich selber (es erschien mir damals zu fokussiert, ich wollte Vielfalt), nicht irgendein Geschlechterklischee.

Dass ich das einzige Mädchen in der Informatikgruppe (Anfang der 1980er) und im Schulgarten war, erschien mir natürlich, denn ich war von klein auf das einzige Mädchen unter Jungen. Ich war auch oft die „Anführerin“ – nicht weil ich irgendeinen Mädchenbonus genoss oder von den Jungs angehimmelt wurde (ich war nie Beuteschema), sondern weil ich intelligenter, mutiger und einfallsreicher war als sie. Ich stand für die Rechte Schwächerer ein und hatte ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Das brachte mich immer wieder in die Position, das zu tun, was ich für richtig hielt und nicht, was jemand (oder die Gesellschaft) von mir erwartete. Ich habe im Laufe der Jahre einen sehr starken inneren Kompass entwickelt, was für mich geht und was nicht – und zwar unabhängig von und oft gegen die Erwartungen der Umwelt.

In meinem sozialwissenschaftlichen Studium fand ich ich pötzlich unter lauter Frauen wieder – und fühlte mich dort nicht besonders wohl; diese Welt war mir fremd. Ich verstand die Rituale nicht, und die Gesprächstehmen langweilten mich. Ich suchte mir die wenigen ungewöhnlichen Frauen aus und entwickelte einen Blick für die interessanten Charaktere.

In meinen ersten drei Arbeitsleben (sozialer Bereich, Veranstaltungsmanagement, Marketing & Kommuniktion) setzten sich die Muster aus der Kindheit fort: Ich fühlte mich am wohlsten unter Männern. Ich verstand, wie sie ticken, ich konnte mit ihnen umgehen, war Kumpel, nicht Beute. Für viele war ich eine Art große Schwester – eine Vertrauensperson, zu der man sich nicht sexuell hingezogen fühlt. Der Spruch aus Harry und Sally, Männer und Frauen könnten nie nur Freunde sein, der Sex käme ihnen immer dazwischen, stimmte für mich nie. Vielleicht weil ich sexuell für die meisten Männer nicht attraktiv bin – wegen meiner Körperfülle und meiner kraftvollen und asexuellen Ausstrahlung. Sie mögen mich, bewundern mich, kämen aber nie auf die Idee, mich ins Bett bekommen zu müssen.
So hat sich schon immer erfüllt, was ich angestrebt habe: Für meinen Verstand, meine Gedanken und Ideen, meine Aussagen und mein Verhalten beurteilt zu werden, nicht für mein Aussehen oder meine „Nettigkeit“. Ich wollte immer als Person wahrgenommen werden, nicht als Klischee. Manche Menschen kommen damit nicht klar, für die bin ich wahrscheinlich eine Art Freak. Ihr Verlust, nicht meiner.

Manchmal äußerte sich dieses Nicht-klar-Kommen in sexueller Übergriffigkeit: Ein Griff an die Brust, der Versand pornographischer Bilder an den Mailverteiler der Firma, versehen mit einem Spruch, der Bezug zu mir herstellte. Solche Dinge waren so platt, dass ich sie nicht persönlich nehmen konnte – sie sagten nichts über mich aus, aber alles über den Urheber. Sexuelle Übergriffe als Versuch, mich klein und schwach zu machen – sie scheiterten in jeder Hinsicht. Der Grapscher bekam einen schmerzhaften (und gänzlich unerwarteten) Schlag ins Gesicht, der Bilderverschicker flog kurz darauf aus dem Unternehmen, weil er generell Pobleme mit Menschen hatte, die nicht waren wie er: männlich, weiß, hetero, mickrig. Der Übergriff traf nie mich. Ich schlief deswegen nicht schlechter, stellte mich nicht in Frage und entwickelte keine Angst – eher im Gegenteil machten mich solche lächerlichen Männchen-Aktionen eher wütend und härter: Don’t fuck around with me, ‚cause when you fuck with me you fuck with the very best.

Und heute? Ich habe meinen Platz im Leben, ich bin umgeben von netten Männern und interessanten Frauen, ich schockiere anfangs immer noch Männer mit einem traditionellen Frauenbild, aber das ist immer noch ihr Problem und nicht meins. Und wenn sie mich näher kennenlernen, erscheint sogar ihnen mein Verhalten vollkommen natürlich und logisch, und sie mögen mich, bewundern mich sogar ein wenig, weil ich meist freier bin als sie selbst.
Ich bin beruflich selbstständig und entscheide selbst, wie und für wen ich arbeite; im öffentlichen Leben stehe ich immer noch gegen Unrecht auf, und ich versuche nach wie vor, die Menschen so zu beurteilen, wie ich das für mich auch in Anspruch nehme: nach ihrem Charakter, ihrer Person, nicht nach ihrem Geschlecht.

Ungerechte Zustände sind ungerechte Zustände und gehören abgeschafft, egal, ob Männer oder Frauen, Alte oder Junge, Große oder Kleine unter ihnen leiden.

*******

Vormittags zwei schnelle Mini-Projekte, dann aufräumen, lesen, dösen.

Nachmittags neues mittelgroßes Projekt planen und starten (so etwas macht mir derzeit fast am meisten Spaß), dann in den Garten.

Plausch mit den Nachbarn (es hatte einen kleinen Autounfall gegeben), dann umgraben: Blumen-Versuchs- und Kräuterbeet werden nun zusammengelegt. Es ging so wunderbr leicht, die Regenwürmer hatten ganze Arbeit geleistet, der Lehmboden ist wunderbar locker. Vergesst Umgraben im Herbst – im März macht es am meisten Spaß!
Der Nachbar hinten in der Ecke ist auch in Plauderlaune, also stehe ich auch mit ihm ein paar Minuten, bevor ich die Grassoden aussortiere.

Sitze dann noch ein paar Minuten im Seewind auf der Terrasse und denke über mein Filmprojekt nach, das ich schon seit einigen Jahren im Kopf habe. Wird der Kopf nicht vollgestopft, wird er schöpferisch.

Aber es wird bald kühl, also setze ich mich beinahe schweren Herzens mit dem Laptop ins Wohnzimmer, um an dem Privatprojekt meines langjährigen Kunden weiterzubasteln.

Nach einer Viertelstunde klingelt es, und die Freundin steht draußen. Sie kommt von ihrer täglichen Räumaktion in der Wohnung ihrer verstorbenen Mutter und braucht noch einen Moment Gesellschaft nach dem mehrstündigen Abtauchen in die Vergangenheit. Ich begleite sie nach Hause und wir verabreden uns für morgen Nachmittag zu Kaffee und Kuchen bei mir.In der Zeit wird H. den Freund besuchen, was sich jetzt irgendwie so ergeben hat.

Sie erzählt von E., der sich mehr und mehr gehen lässt und anscheinend in einer tiefen depressiven Phase steckt, Termine im wahrsten Sinne des Wortes verschläft, sogar eine Fahrt zu einem Spiel seines Lieblings-Vereins hat sausen lassen (der Verlust der 90 Euro, die ja sein Geld sind, scheint sie mehr zu schmerzen als wie es ihm gehen muss, dass so etwas passiert).

Woran ich mich erinnern will:
Umgraben im März.

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