Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Die Freiheit, blöd sein zu dürfen

26. Mai. Sonntag. H. komt um 4:00 Uhr ins Bett. ich lebe mit einem Nachtfalter. Eule und Nachtigall, wie verträgt sich das? Eigentlich ganz gut…
Seinen ersten noch leicht alkoholisierten depressiven Anfall nach dem Aufwachen gegen 10:00 Uhr durchbreche ich mit der Nachricht von der Ankunft der Mail der Freundin. Diese hatte sich nach zwei Wochen „Sendepause“ wieder mal gemeldet, und die Nachrichten verheißen aufziehenden Stress, auch wenn sie selbst das vermutlich noch gar nicht so bewertet.
Die Studne Diskussion danach war mit bedeutend lieber (und konstruktiver) als die sonst drohende Säufer-Weinerlichkeit, deshalb ließ ich das mal laufen.

Mittags ins Kirchenkaffee zu Majoranbraten (H.) und Linseneintopf (ich), danach eien Straße weiter zur Europawahl (H., ich hatte schon per Briefwahl meine Stimme abgegeben), dann noch ein Minispaziergang „um den Block“, nur um danach zu Kaffee und Kuchen erneut im Kirchencafé aufzuschlagen.

Dort U. getroffen, der von seinen Schwierigkeiten erzählte, Personal für sein Lokal zu bekommen.
Auch bei ihm diese fatalistische Politik(er)verdrossenheit, die so typisch für unsere Generation zu sein scheint, eine Generation, die doch mal ihre Kämpfe ausgefochten hat und sich nun (aus Neid? aus Trauer über etwas verloren Geglaubtes?) über die Kämpfe der Jungen mokiert und sowieso „alles“ sinnlos findet. Weil die Kämpfe zu anderen Zielen geführt haben als gedacht und die Utopien sich größtenteils in Luft aufgelöst haben, weil Utopien sich eben selten am Mach- und Lebbaren orientieren und unsere Generation nicht zufrieden ist, wenn es nicht 150-prozentig so rauskommt, wie man sich das vorgestellt hat? Oder ist das nicht typisch für meine Generation sondern einfach nur für Deutsche? Dieses Nie-zufrieden-sein-Können, dieses Das-Glas-ist-immer-halbleer-Denken?

Mich nervt das, auch wenn ich es vielleicht sogar verstehe. Ich kann sie schlecht akzeptieren, diese Geisteshaltung.

Den Nachmittag dann noch ruhig und konzentriert gearbeitet, während H. eine zweite Runde Schlaf einlegt und später mit dem Freund telefoniert. Anderthalb Stunden und ein Riesenkuddelmuddel, weil der Freund  sich wieder aus Versatzstücken aus Gehörtem und Zusammenfantasiertem einen „Plan“ für die nächsten paar Jahre zusammengezimmert hat, der von außen so offensichtlich löchrig, undurchführbar und auf falschen Voraussetzungen basierend erscheint, dass man weinen möchte.

Diese beiden, Freund und Freundin, passen wirklich gut zusammen, denn bei beiden ersetzt die Fantasie, das Das-muss-doch-so-sein-weil-ich-mir-das-halt-so-vorstelle jegliche Realität. Warum soll man sich Fakten und Informationen beschaffen, wenn man Meinung hat? Warum soll man sich Gedanken darüber machen, wie bestimmte Prozesse ablaufen, wenn man doch selbst „weiß“, was (natürlich nur für einen selbst) der „beste“ Prozess wäre?

H. hadert sehr mit dem moralischen Dilemma, ob man den beiden bei ihrem Tun einfach tatenlos zusehen und sie machen lassen sollte oder ob man als Freunde nicht die Pflicht hat, sie von ihrem Vorhaben abzubringen und sie vor sich selbst zu schützen, wenn man sieht, dass sie „in ihr Unglück“ rennen.

Ich für mich habe das gelöst: Sie haben jetzt 55 respektive 60 Jahre so gelebt, ohne dass ihnen größerer Schaden entstanden ist, und solange sie nicht Leib und Leben von irgendwem riskeren, zählt für mich die Freiheit der Selbstbestimmung als höchstes Gut, selbst wenn ich ihre Entscheidungen idiotisch finde und sie sie vermutlich langfristig eine Menge Geld kosten – Ich glaube eben auch an die Freiheit, blöd sein zu dürfen.

Woran ich mich erinnern will:
Der Ausflug des Kükens in den nächsten Baum, wo es dann sehr lange sitzt und sich putzt. Wie die Alten es später zurück ins Nest lotsen zum Füttern. Wie es erst eine missglückte Landung im Oberlicht hinlegt, es beim zweiten Anlauf aber dann doch zurück in den Blumenkasten und punktgenau ins Nest schafft. Wie es später noch ein paarmal zwischen Nest und Ast hin und her fliegt. Wie die beiden Alten die Krähe verjagen, die Interesse am Küken bekundet. Wie ich aufatme, als es am frühen Abend wieder im Nest sitzt und dort döst. Und welche Sorgen ich mir mache, als es eine Stunde später verschwunden und auch nicht im Baum zu sehen ist.
Loslassen müssen. Eigene Fehler machen lassen müssen. Und auch hier: Die Freiheit lassen, blöd zu sein.

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