Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Keiner werfe den ersten Stein

Nachtrag (6.6.2019): Ich sehe mittlerweile vieles anders als ich es spontan an diesem Tag geschrieben habe – es ist eben doch ein (sogar großer) Unterschied, ob man sich eine jüdische Opfer- oder eine beliebig andere Identität überstreift.

Darauf bezogen sich die meisten sich Aufregenden an diesem Tag aber gar nicht, denen ging es meinem Gefühl nach eher um ein „Oh Gott, ich bin betrogen worden! Ich habe das alles leichtfertig geglaubt, ja glauben wollen – wie stehe ich denn jetzt da?!“ Also um eigene Betroffenheit.

An dem Tag, an dem ich diesen Text schrieb, stieß mich vor allem die Reaktion des Publikums ab – über „den Fall“ wollte ich gar nicht so viel sagen. Erst recht wollte ich die Protagonistin nicht verteidigen, wie sich mein Text heute liest.

Mittlerweile habe ich viel darüber nachgedacht und -gelesen und sehe einiges anders.

Heute sehe ich eine narzisstische Persönlichkeit, die anfing, Stories zu erzählen, um sich interessant zu machen und sich immer weiter darin verstrickte, weil sie immer mehr Aufmerksamkeit nur durch immer neue Stories erhalten konnte. Dass man dann bei kritischen Nachfragen zuerst zurückbeißt und schließlich, immer mehr in Bedrängnis geraten, sogar zu Fälschungen und Betrug greift, ist nur folgerichtig.

Und ich sehe ein Publikum, das in erster Linie an der Opfer- und Märtyrer-Identität Interesse hatte. An der Identität als Nachfahrin von Holocaust-Opfern, an der Identität als selbstlose Helferin, die gegen geradezu unmenschliche Widerstände für das Gute und Wahre kämpft, an der Identität als Opfer persönlicher Tragödien.

Wobei man nach wie vor immer wieder fragen muss: Warum muss man unbedingt eine jüdische Opferidentität benutzen? Warum verspricht nur – oder am leichtesten – diese eine maximale Aufmerksamkeit?

Dazu ist einiges geschrieben und gesagt worden, zum Beispiel von Micha Brumlik, von Chajm Guski oder zuletzt von Juna Grossmann. Da gibt es für alle noch viel Stoff zum Nachdenken, denn das betrifft ja unsere Gesellschaft, nicht die einzelne Person, denn

„Der Betrüger spiegelt oft auch das, was die Betrogenen sich wünschen.“
(Chajm Guski)

*******

 

1. Juni. Samstag. Die halbe Nacht darüber nachgedacht, wie gerade wieder jemand halbwegs Bekanntes (zumindest in einer gewissen „Szene“) von „wohlmeinenden“, „nur der Wahrheit dienenden“ Journalisten durch die Spießrutengasse getrieben wird, und nun alle, die „es“ natürlich „immer irgendwie ahnten“ munter mitprügeln. Was ist das im Menschen, diese kleingeistigen Racheglüste, dieser Neid, diese Missgunst?

Ich will mir gar nicht anmaßen zu entscheiden, wer in diesem Fall „Recht“ hat, denn die Wirklichkeit ist vermutlich komplexer als beide Seiten glauben machen wollen – aber die Reaktion eines Teils des „Publikums“ widert mich an. Da interessiert es nämlich nicht nur nicht, wer „Recht“ hat, sondern es wird nicht mal die Frage gestellt, wie „es“ denn vielleicht tatsächlich gewesen sein könnte, und warum – und wieso der Journalist ausgerechnet jetzt auf ausgerechnet dieser Person herumhacken muss, was seine Agenda ist und so weiter. Interessiert alles nicht. Jemand hat „uns“ betrogen, und er (in diesem Fall sie) muss dafür büßen!
Widerlich.

Man fragt sich unwillkürlich, ob eine andere Legende als ausgerechnet die jüdische Opferlegende (die ja möglicherweise sogar teilweise stimmen mag und nur übertrieben wurde) ein ebenso großes Echo hervorgerufen hätte. Da denkt sich eine einen in den Augen der Gesellschaft „interessanteren“ Hintergrund aus – na und? In einer Zeit, wo man Ghostwriter für Doktorarbeiten engagiert, wo man sich „Tuning Tipps“ für den Lebenslauf holt und wo, wann immer man sich halbwegs sicher vor Entdeckung fühlt, gelogen und übertrieben wird, bis sich die Balken biegen, passt dieses Verhalten doch in die Zeit.

Ich habe auch kein Mitleid mit Medienkonzernen, die auf Geschichten hereinfallen, die „too good to be true“ allzu perfekt in die eigenen Vorurteile passen. Habt Ihr halt Euren Job nicht richtig gemacht. Blame yourself. Recherchiert halt selber mal im Land, anstatt nur Faktenchecker hinter den Geschichten anderer Leute herzuschicken. Gute Geschichten waren es allemal, und wenn die bei Leuten was losgetreten oder gar Bewusstsein verändert haben, umso besser.

Und wenn jemand wirklich auf diese Weise selbst empfundene Defizite, Minderwertigkeitsgefühle, Fabulierdrang oder was auch immer kompensieren sollte – solange dadurch niemandem Schaden entsteht: Was soll’s? Worum all die Aufregung?

Oder fühlt sich der eine oder die andere nun etwa ertappt, weil man allzu blauäugig alles für bare Münze genommen hat (wo ja immer gesagt wurde: das sind Geschichten, nicht Geschichtsschreibung oder meine Autobiographie)?
Weil man einer Mitleid geschenkt hat, die es vielleicht gar nicht „verdient“?
Weil man diese allzu schönen Geschichten eben glauben wollte?

Sollte das Ganze ein soziologisches oder psychologisches Experiment gewesen sein, sind die Reaktionen des Publikums jetzt sicher sehr aufschlussreich.
Sollte es sich um einen Fall von Pseudologia Phantastica handeln, verdient die Betroffene Hilfe statt Häme.
Sollte es nie so gewesen sein, wie behauptet wird (und ich bin sicher, dass die ganze Wahrheit auch nicht in den jetzt dauernd zitierten Artikeln zweier großer Medienhäuser steht), sollten sich erst recht alle mal beruhigen und abwarten, wer jetzt hier nun „Täter“ oder „Opfer“ ist.

Wer – außer der Familie – kann denn beispielsweise zweifelsfrei ausschließen, dass die nun Beschuldigte nicht selbst „Opfer“ war, beispielsweise einer fabulierenden Großmutter? Ich will hier nichts unterstellen, nur anmerken, dass, solange auch nur geringe Zweifel an der momentanen Darstellung der „Faktenlage“ angebracht sind, man mit Behauptungen vorsichtig sein sollte.

Immerhin, schreiben kann sie, und sie verdient es zu erfahren, dass man auch ohne dramatische Lebensgeschichte Anerkennung, Zuneigung und Erfolg haben kann.
Und dabei ist es egal, ob nur Details übertrieben wurden oder eine ganze Lebensgeschichte erfunden wurde.
Der Kern des Menschen zählt – was ist mit den Leuten los, die jemanden nur schätzen und lieben, weil sie eine „interessante“ oder „tragische“ Geschichte hat?

Woran ich mich erinnern will:
Auch ich habe mich oft besser gemacht als ich bin, habe Dinge von mir behauptet, die so nicht stimmen. Auch ich habe schon mit dem einen jüdischen Verwandten kokettiert, der aber kein Holocaust-Opfer wurde. Man sollte immer vorsichtig sein, wann man einen Stein wirft…

 

Werbeanzeigen
Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.