Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Auf einem Problem herumkauen

4. Juli. Donnerstag. Ich bin mal wieder dabei, Kalorien zu zählen, nachdem sich seit einigen Wochen das Gewicht wieder langsam nach oben bewegt. Das Wiegen und Aufschreiben ist dabei gar nicht so das Problem, aber das Auswerten – mangels Smartphonenutzung (und Datenschutz) verwende ich keine App, sondern einen selbstgebastelten Rechner, der mir auch noch diverse andere Daten ausspuckt, aber die Erst-Erfassung der Lebensmittel dort ist extrem mühselig. Und wenn ich dann für ein- und dasselbe Gemüse im Netz Angaben zum Kaloriengehalt finde, die bis zu 30 Prozent auseinanderliegen, dann frage ich mich schon, wie zuverlässig all diese Daten und Rechner eigentlich sind.
Positiver Nebeneffekt: Wegen der kleinen Umständlichkeit des Wiegens und Aufschreibens nasche ich weniger zwischendurch – all die Erdbeeren und Mini-Tomaten summieren sich ja auch…

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Ich kaue immer noch auf der Frage herum, wie ich künftig mit der Freundin umgehen soll. Ich hatte ihr ja eine Mail geschrieben (da sie zu der Zeit weder persönlich noch telefonisch erreicht werden wollte) mit ein paar Anmerkungen darüber, wie sie durch ihre eigenmächtigen (und teils sehr unvernünftigen) Entscheidungen Zeit und Energie ihrer Freunde und Familie beansprucht. Statt einem Mindestmaß an Selbstkritik oder wenigstens einem „Danke, wenn der ganze Stress vorbei ist, werde ich darüber mal nachdenken“ kam eine ellenlange Mail nach dem Muster Ich konnte ja nicht anders, weil… mit Schuldzuweisungen an alle möglichen Menschen und Umstände. Nur sie quäle sich Tag für Tag durch unsägliche Anforderungen, von allen Seiten würden ihr Steine in den Weg gelegt, und niemand denke darüber nach, wie sie mit allem fertigwerden solle. Armes, hilfloses Opfer, „Schuld“ sind die anderen.

Darauf antwortete ich einw enig harsch mit einer Auflistung von Fakten, wonach keineswegs andere die Verantwortung für den derzeitigen Stress tragen, sondern sie allein durch ihr monatelanges Nichtstun in einer Sache. Könne sie ja machen, aber dann doch bitte nicht auf Kosten ihres Umfelds, so mein Tenor.
Seitdem: Zirpende Grillen.

Am Abreisetag aus K. kam dann noch eine Ein-Satz-Mail an uns beide: Gute Heimfahrt und bis bald – Eure K.
Kein Wort zu meiner Mail.

H. schrieb dann zurück – er verfolgt momentan die Theorie von Zuckerbrot und Peitsche: Lobe sie für etwas, dann wird sie auch zugänglicher sein für kritische Auseinandersetzung – es sei ja wirklich eine große Leistung, was sie jetzt alles geschafft habe, aber es wäre ja schon gut, jetzt nach Abschluss des Ganzen (Räumung der Wohnung ihrer Anfang des Jahres verstorbenen Mutter) mal in einer Art Rückschau zu schauen, was gut gelaufen ist und was nicht, um daraus für die Zukunft zu lernen. Ein wenig Selbstkritik habe ihm bisher an ihrer Haltung gefehlt.

Es folgte eine sehr ausführliche Antwort ihrerseits an ihn (sonst war ich immer eher die Empfängerin ihrer „persönlichen“ Gedanken, diesmal war ich nicht mal in CC gesetzt), die vor Eigenlob strotzte: Ja, es sei wirklich ganz besonders bemerkenswert, was sie da geschafft habe, gegen alle Widerstände und obwohl jeder in ihrem Umfeld versucht habe, ihr alles so schwer wie möglich zu machen. Jetzt sei es doch aber vorbei, Schuldzuweisungen bringen doch nichts, schauen wir lieber in die Zukunft!
Dann noch eine Lobeshymne auf eine ehemalige Nachbarin, die sie jetzt nach zehn (oder fünfzehn?) Jahren wiedergetroffen hatte und die ihr auf den letzten Metern mehr oder weniger den Arsch gerettet hat, indem sie ihre Garage als Unterstellort angeboten hat für die Sachen, die die Freundin beim besten Willen nicht mehr in ihr überfülltes Häuschen quetschen konnte. Wenigstens eine, die sie versteht! Und bedingungslos gern hat!

Ja, das ist Narzissmus pur, das Kreiseln um sich selbst, das Überhöhen der eigenen Leistungen und das Abwerten der Anstrengungen anderer, das Idealisieren und emotionale Aussaugen anderer Menschen bis etwas „besseres“ daherkommt oder das „Opfer“ nicht mehr mitmacht, das Stonewalling und Silent Treatment, wenn man beim Lügen ertappt wird und das nicht mehr verdrehen kann, oder wenn man mit seinen Fehlern und Macken konfrontiert wird. Wo „Freundschaft“ verstanden wird als „Meine Freunde haben mich 100% so zu akzeptieren, wie ich bin, wer mich kritisiert, ist mein Feind“ und wo gedroht wird, sie könne einem ja auch einige „Wahrheiten“ über einen selbst sagen, das verkneife sie sich aber wegen ihrer guten Erziehung.

Sie ist eine Anfängerin und eine Krisen-Narzisstin. Sie hat eine wirklich brutale Kindheit mit einer extrem narzisstischen Mutter und einer hochneurotischen Schwester hinter sich, und ist daraus natürlich beschädigt herausgekommen. Im normalen Alltag hat sie ihre eigenen narzisstischen Tendenzen gut im Griff und kanalisiert viel von ihrem inneren Druck in zwanghaftem Aufschreiben zahlloser Detailinformationen. Im normalen Alltag gibt es aber natürlich auch selten die Situation, dass man ihre Handlungen und Entscheidungen groß in Frage stellt.
Mein Eindruck: Je größer der Druck von außen, desto stärker komt ihr Narzissmus zum Tragen – wohl weil sie ihr Selbstbild umso stärker schützen muss und die Diskrepanz an Zeit und Energie, die sie für das Kanalisieren von Druck und Stress bräuchte, immer größer wird: Sobald der äußere Druck steigt, steigt auch der innere, sie bräuchte mehr Zeit und Energie zum Druckabbau, hat aber wegen der stressigen Situation sogar weniger zur Verfügung.

Ich verstehe das alles und fühle mit ihr – gleichzeitig ist aber bei mir eine Grenze überschritten, wenn in einer schwierigen Situation ganz selbstverständlich über meine Ressourcen verfügt wird, obwohl sie weiß, dass das für mich ein Problem ist. Wenn ohne Selbstzweifel oder Reflexion oder auch nur einem Minimum an Kommunikation andere für ihre Belange und Versäumnisse wahlweise eingespannt oder verantwortlich gemacht werden, ohne auch nur den winzigsten Selbstzweifel, dann will ich das nicht mehr mit einer schweren Kindheit und der daraus resultierenden Persönlichkeitsstörung entschuldigen.
Dann denke ich: Sie ist intelligent, sie hat Einsicht, sie könnte das reflektieren – zumindest, wenn man sie hinterher darauf aufmerksam macht. Wenn sie das nicht kann (oder will), dann ist die Störung wirklich so massiv, dann kann ich das auch nicht „knacken“, jedenfalls nicht, ohne einen enormen Aufwand an Energie, und das gingt dann zu meinen Lasten, und da denke ich: Warum? Wofür? Was hat sie je für mich getan? Sie ist ja nicht mal ein Herzensmensch für mich, sie  ist die Frau des ältesten Freundes von H. und ich hatte mich ein wenig um sie bemüht, weil sie mir in ihrer Einsamkeit leid tat und ich dachte, jetzt, wo die Kinder dann bald aus dem Haus sind, könnte sie ein wenig aufleben und man könnte sich für gemeinsame Unternehmungen zusammentun.

Und nun bin ich mit der klassischen Narzissmus-Situation konfrontiert: Dass ich wegen meiner „Kritik“ in Ungnade gefallen bin (damit kann ich leben, das juckt mich nicht – auch wenn ich natürlich in die übliche Falle tappe und die „Schuld“ bei mir suche: Habe ich mein Anliegen blöd formuliert? Hat sie mich missverstanden und das schwerer genommen als es gemeint war? Habe ich etwas „falsch“ gemacht?). Dass ich mit Schweigen „bestraft“ werde. Dass andererseits so getan wird, als wäre nichts, als hätte nur ich irgendein obskures Problem.

Warum also tue ich mich so schwer, das Schweigen einfach auszuhalten? Weil ich vermute, dass sie die Zeit nutzt, um sich alles mögliche passend zurechtzudrehen, keinen Deut über meine Mail nachdenkt und bei der nächsten Begegnung so tun wird, als wäre nichts, und wenn ich dann nochmal darauf zu sprechen komme, dass da ja noch eine Klärung offen wäre, werde ich etwas zu hören bekommen wie „Denkst Du da  immer noch drüber nach?! Das ist doch längst vergeben und vergessen! Kannst Du das nicht endlich loslassen und nach vorne schauen?! Ich habe gute Neuigkeiten…“

So will ich sie aber nicht vom Haken lassen.

Ich denke, ich werde eine Art Abschiedsmail schreiben: Entweder sie setzt sich jetzt mit mir auseinander, oder ich ziehe die für mich notwendigen Konsequenzen und das war’s dann mit der „Freundschaft“. Da sie „Nachschub“ hat, wird sie diese „Drohung“ nicht besonders jucken, aber so sind zumindest die Fronten geklärt, und bei der nächsten Begegnung kann ich dann ganz nonchalant sagen „Ach weißt Du, diese ganzen Details muss ich ja nicht wissen, Du machst das schon.“ Dann muss ich mich auch nicht „verpflichtet“ fühlen, mich als Freundin „ehrlich“ für sie zu freuen, wenn denn mal irgendeine Banalität funktioniert hat.

So richtig glücklich bin ich mit dieser Lösung noch nicht. Da ich ihr aber künftig kaum vollständg aus dem Weg gehen kann, muss ich irgendeine Position finden, mit der ich leben (und mit ihr interagieren) kann, ohne selbst als „gestört“ da zu stehen.

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Woran ich mich erinnern will:
Mittagspause auf dem Platz. Die Mädchen auf dem Spielplatz, irgendwas zwischen 9 und 11, und man sieht sofort, welche schon mit ihren Hormonen kämpft und eine echte Zicke ist und welche einfach noch ein Kind ohne dieses aufgesetzt mädchenhafte Verhalten.

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