Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Close open loops

21. Juli. Sonntag. Kurz vor fünf wach, nochmal eingeschlafen, um sechs wieder wach – passt. Wer früh aufsteht, hat mehr vom Tag…

An einem Sonntagmorgen um sechs, wenn weniger Menschen online sind, sind die „Aufgaben“ auf den Mikro-Klickarbeits-Portalen auch nicht attraktiver als an einem Freitagnachmittag. Das ist doch alles Mist.

Close open loops ist das Motto heute, also mache ich mich ans Aufräumen der Browsertabs (da sammeln sich in zwei Wochen locker 30-40 Stück an mit Artikeln, die ich lesen will, Terminen von Veranstaltungen und Ausstellungen, wichtigen oder interessanten Links für laufende oder geplante Projekte), an Buchhaltung, schreibe ein paar Mails an Kunden vor, die ich dann morgen nur noch verschicken muss und erledige kleinere Pflegearbeiten für verschiedene Kunden.

H. geht mittags zu einer alten Bekannten, um ihr den neuen TAN-Generator zu erklären, den die Bank ihr aufgedrückt hat. Es ist schon irre: die eine Bank schafft TAN-Listen auf Papier ab und bietet als Ersatz unter anderem SMS-TAN an, die nächste Bank schafft SMS-TAN ab und will, dass man den Generator in Form eines kleinen Kartenlesegeräts nutzt. Alle bieten Apps, aber in meinem Umfeld ist es noch niemandem gelungen, eine der Apps auf dem Smartphone zum Laufen zu bringen; die meisten scheitern schon an der Installation, weil das Gerät zu alt oder zu China ist. Womit man sich sonntags so beschäftigt, man hat ja sonst nichts zu tun.

Ich begleite H. ein Stück auf seinem Weg und drehe dann noch eine kleine Runde am Kanal. Dort sitzen am Wochenende abends viele Menschen, vor allem viele junge Menschen; aus allen Teilen der Welt kommen sie und sitzen hier, weil es so schön ist. Und weil es so schön ist, lassen sie ihren Müll als Erinnerung an sich liegen, so dass man am Sonntag hier eigentlich nicht mehr hergehen oder gar sitzen mag.

Überhaupt Müll, das hat in den letzten Monaten wieder extrem zugenommen; man könnte sich heute mühelos eine komplette Einrichtung innerhalb eines Vormittags zusammensammeln, wenn man das nötige Werkzeug und handwerkliche Geschick hätte, aus den zerlegten und kleingetretenen Möbeln, die überall herumstehen und -liegen, wieder gebrauchsfähige Gegenstände zu zimmern.

* * * * *

Nachmittags dann Steuer 2018, die ich immer im Juli mache, nur dieses Jahr ist das sogar fristgerecht, und ich fühle mich richtig vorbildlich: Ich mache meine Steuer pünktlich.
Als Selbstständige ohne besondere Vorkommnisse ist das einfach: Die Umsatzsteuererklärung ergibt sich aus den Umsatzsteuer-Voranmeldungen, die ich jedes Quartal abgeben muss; dann kommt die Einnahmen-Überschuss-Rechnung, in der Einnahmen und Ausgaben notiert werden; aus der Differenz ergibt sich der Betriebsgewinn, der dann samt Ausgaben für die Krankenkasse (Vorsorgeaufwendungen) in die Einkommensteuererklärung eingetragen wird, und fertig.
Am Ende sagt mir ELSTER sogar, wieviel Steuer ich voraussichtlich zu zahlen habe, das verrechne ich dann selber mit den geleisteten Vorauszahlungen und kann damit planen, wieviel Geld ich im nächsten Quartal zusätzlich heranschaffen muss.

Diesmal fehlen etwa 400 Euro, weil das letzte Jahr wegen der Aufträge im Zusammenhang mit der DSGVO sehr gute Umsätze brachte. Das wird mir für die kommenden Monate recht hohe Vorauszahlungen einbringen; ich mache die nächste Steuerklärung also am besten noch im ersten Quartal 2020, um das wieder runterzudrücken. Mit so Gedanken beschäftige ich mich am Sonntag.

Abends dann noch die Festplatte aufräumen und 6 GB Kundendaten entsorgen (gute 70.000 Dateien, weil ich ein paar veraltete CMS-Installationen lösche, die ich mir zur Sicherheit lokal archiviert hatte).

* * * * *

H. hatte der Freundin vor zwei Tagen unaufgefordert eine Info aus dem Bereich Mietrecht geschickt, weil sie den Freund gerade mit völlig unrealistischen Wohnwünschen belagert (sie sprechen gerade mal wieder miteinander und er hat signalisiert, was er an Unterhalt zu zahlen bereit ist, was weit mehr ist als ihr gesetzlich zustehen würde, nun fordert sie darüber hinaus Unterschriften unter Mietverträgen Bürgschaften und ähnliches mehr, während eine eigene Berufstätigkeit weiterhin lediglich als Fantasie in ihrem Kopf existiert).

Als Reaktion kamen heute über den Tag verteilt drei sehr lange und zunehmend pöbelige E-Mails, in denen sie sich zunehmend verschwurbelt in eine selbstgerechte Empörung hineinsteigert, wie ungerecht die Welt ist, warum sich alle in ihre Angelegenheiten mischen, aber niemand ihr hilft („Hilfe“ bedeutet in diesem Fall, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, und sei er noch so unrealistisch – Informationen, Tipps und Hilfe zur Selbsthilfe gehören definitiv nicht dazu, sondern sind Einmischung und Bevormundung).

In einer dieser Mails schreibt sie dann auch über mich, und warum sie mir nicht schreiben würde: weil sie nämlich meinen Wunsch und mein Bedürfnis nach Ruhe akzeptiere. Ich bin ein bisschen baff, denn eigentlich „schuldet“ sie mir eine Antwort auf zwei Mails voller Fragen und Richtigstellungen, eine Stellungnahme, ein irgendwas. Aber ich beiße nicht an, sondern versuche, das Ganze abperlen zu lassen. Es kommt, es ist da, es zieht vorüber, es geht, es ist weg.

* * * * *

Zum Abendbrot bastelt H. uns einen Salat aus Hühnerresten von Freitag und Samstag, und es ist eine interessante Herausforderung griechisches Zitronenhuhn und Curry-Grill-Huhn „Bombay“ zusammenzufügen, aber mit spanischem Himbeeressig gelingt auch diese Aufgabe zur allseitigen Zufriedenheit.

Woran ich mich erinnern will:
Das junge Mädchen im luftigen weißen Sommerkleid mit pastellfarbener Handtasche – sehr mädchenhaft und zart wirkt es – wenn nur die übermäßig großen, klumpigen Turnschuhe nicht wären. Ich möchte ein Foto machen und es nennen „Die schönen Schuhe waren alle aus“.

 

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