Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Shoppingtour und Begegnungen

5. Oktober. Samstag. „Ausflugs“tag.

Die Nacht war schlimm, denn ich war ischiasgeplagt, das linke Bein schmerzte tief drinnen und ich fand keine schmerzfreie Liegeposition. Zuerst dachte ich an Durchblutungsstörungen, aber das morgendliche Dehnen verriet ziemlich genau und schmerzhaft, wo das Problem lag. Also quälte ich mich winselnd auf den Boden und nahm die erprobte Ischias-Kurier-Haltung ein: flach auf dem Rücken liegend, die Unterschenkel und Füße auf der Sitzfläche eines kniehohen Hockers, zur Ablenkung ein Buch. Nach einer Viertelstunde kam ich ohne Probleme wieder hoch: Ich spürte zwar noch eine leichte Blockade, aber ich konnte wieder sitzen und mich relativ schmerzfrei bücken.  Eine Stunde später dasselbe nochmal, und ich war praktisch schmerzfrei, die Blockade hatte sich gelöst.

Das war auch nötig, denn ich war mit M. zur Shoppingtour in einem Möbelmarkt (nicht der große Schwede) verabredet. Sie hatte etliches an Gutscheinen erhalten und die wollten wir auf den Kopf hauen, schließlich steht ja Weihnachten quasi vor der Tür…

Statt uns am Möbelladen zu treffen, kam ich M. entgegen und wir fuhren zusammen hin. Auf dem Weg zur U-Bahn hatte ich eine sehr nette Begegnung mit einem jungen arabisch aussehenden Mann, vielleicht einem Flüchtling. Er beobachtete, wie ich begeistert eine Handvoll Kastanien aufsammelte und in die Jackentasche steckte und sprach mich an: „Entschuldigung, können Sie mir erklären, was das ist?“ zeigte er auf die Kastanien am Boden. Ich erklärte, dass die Dinger „Kastanien“ heißen und man sie zur Dekoration nimmt. „Kastanien, Kastanien“ sinnierte er, dann leuchtete sein Gesicht plötzlich mit einer Erkenntnis auf: „Kastanienallee – das ist die Straße, wo Kastanien sind, ja?“ Ich bejahte und so ging es weiter: Dass der Baum Kastanie heiß und die Frucht ebenfalls. Er horchte auf: „Frucht? So man kann sie essen?“ Das nun leider nicht, verneinte ich, also essen könne man sie schon, aber sie schmeckten nicht besonders gut. „Früher hat man sie den Pferden und anderen Tieren zum Fressen gegeben. Und nach dem Krieg haben die Menschen Kastanien gesammelt und sie dem Zoo gebracht als Futter für die Tiere.“ – „Ahhh, also eine Brauch-, äh…, Brauchpflanze?“ – „Eine Nutzpflanze, ja, sozusagen“ – „Nutzpflanze! Ja!“ Ich versuchte dann noch zu erklären, dass es andere Kastaniensorten gibt, die man essen kann, aber das wurde ihm zu kompliziert. Zum Abschied bedankte er sich, gab er mir die Hand und umarmte mich dann noch kurz: „Alles Beste – von meinem Herzen!“ Es kann so einfach sein. Und den Rest des Tages amüsierte ich mich beim Gedanken an eine Lehrstunde im Deutschkurs: Nennen Sie mir eine Nutzpflanze – Kastanie! – Was? Wieso das denn? – Damit hat man die Pferde gefüttert!

In der Stadt dann M. eingesammelt und mit ihr zusammen zum Möbelhaus gefahren. Da wir beide etwas gehbehindert waren heute zog sich der Aufenthalt dort etwas hin: In die eine Etage, um einen Gutschein abzuholen, in die andere Etage, um einen Kaffee zu trinken und einen Überblick über die vorhandenen Gutscheine zu gewinnen, , dann nach draußen, damit M. eine rauchen konnte, dann wieder ganz runter, um durch die Haushaltswaren zu streifen, dabei mehrere Zwischenstopps auf ausgestellten Sofas, um die Rücken zu entlasten. Dann mit dem gekauften Kleinkram wieder ganz nach oben ins Restaurant für einen zweiten Kaffee und ein, zwei Zigaretten, dann dort aufs Klo und wieder runter zur Kasse. Dort recht langes Anstehen, einpacken und der beschwerliche Weg zweier Kreuzlahmer zur Bushaltestelle.

Dort gab es eine lustige Begegnung mit einem etwa vier- bis fünfjährigen Jungen: An der Bushaltestelle gab es vier Sitzplätze, der Junge saß ganz rechts. M. steuerte auf die Bank zu, der Junge klopfte auf dem Platz neben ihm: „Hier nicht!“ M. war etwas irritiert, ließ dann aber den Platz frei und setzte sich einen Platz weiter. Mama, Papa und ein kleines Geschwisterkind im Kinderwagen standen ein paar Meter entfernt, hatten den Junior aber im Blick und in Sprechweite. M. und ich interpretierte die Situation unterschiedlich: Sie dachte, er halte den Platz frei für ein Elternteil. Da  diese aber keine Anstalten machten, sich dazuzusetzen, vermutete ich, er wollte – wie so viele Kinder – einfach nicht, dass ein fremder Erwachsener sich so dicht neben ihn setzt. M. begann dann einen Dialog mit dem Jungen, der mit der – in meinen und wohl auch seinen Augen – mit der angesichts von zwei freien Plätzen etwas schwachsinnigen Forderung endete: „Wenn dann jemand sitzen möchte, stehst Du aber auf!“ Er schaute sie groß an: „Warum?!“ Sie: „Warum? Na weil…“ Darauf unterbrach er sie: „Ich will auch sitzen!!!“ Ich war sehr angetan.

Ich brachte M. dann mit ihren Einkäufen noch nach Hause, bevor ich mich selbst auf den Heimweg machte. Auf dem Weg noch ein paar Einkäufe für uns, dann heim – um vier war ich wieder da, ein langer Tag. Der Rücken hatte recht gut durchgehalten, das langsame Gehen mit M. war anstrengender als alles andere, insgesamt hatten die Bewegung und die Ablenkung aber gut getan.

Den Rest des Nachmittags war ich trotz Erschöpfung gut gelaunt und habe abends sogar noch den Berg Geschirr weggespült, der sich in den letzten Tagen angesammelt hatte. Ich fühle mich als hätte sich neben der Blockade im Rücken auch eine im Kopf gelöst.

Woran ich mich erinnern will:
Offen sein für die Welt und die Menschen um mich herum.

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