Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Arbeitsreicher Urlaubstag

19. Dezember. Donnerstag. Geschlafen bis kurz vor sieben. Wirklich letzter Arbeitstag, ich will es entspannt angehen.

Nun steht Weihnachten fast vor der Tür, ich bin doch gestresst und ich frage mich: Wie konnte es soweit kommen? Ich hatte doch wirklich frühzeitig begonnen, mich vorzubereiten, hatte die Arbeitstage gekürzt, mich viel um meine Wohnung gekümmert, war rausgegangen, hatte Bewegung, Eindrücke, Auszeiten.

Trotzdem stehe ich jetzt hier, 5 Tage vor Heiligabend, und die To-Do-Liste wird länger und länger: Weihnachtskarten schreiben, Getränke für Heiligabend besorgen, saugen, Bad putzen, Küche aufräumen und putzen, Kekse verzieren, den Strauß-statt-Baum besorgen, in die Stadt fahren und Schaufenster im KaDeWe schauen, Gutscheine einlösen, die nur noch bis Ende des Jahres gültig sind, für P. einen Stapel Zeug herunterladen, aufbereiten und im Copy-Shop farbig drucken lassen, die Wohnung dekorieren, Batterien für die Leuchtsterne besorgen, weil mir zu spät eingefallen ist, dass ich das Ladegerät mit nach K. genommen habe, bügeln, Betten beziehen, überlegen, was ich an den Feiertagen anziehe, weitere Geschenke verpacken, Kekstüten bestücken, einen Sack Altkleider loswerden, einen Jahresend-Brief an die Freundin schreiben, M. einen Wäscheständer vorbeibringen, Sträuße bestellen und abholen, nicht benötigte Weihnachtssachen wegräumen, Fensterbretter putzen, Gläserfach abstauben, Blumen gießen, Überweisungen tätigen, Rechnungen schreiben, letzte Einkäufe erledigen, Wäsche waschen, Kühlschrank aufräumen und sauber machen, Platz im Tiefkühler schaffen – mir fliegt gerade der Kopf weg.
Und das Ganze dann bitte so erledigen, dass ich nicht am 24. schweißgebadet und mit Kopf- und Zahnschmerzen um halb drei dasitze und auf H. und M. warte, die sich gerade die Treppe hochquälen.

Was ist da schiefgelaufen? Es ist ja nicht so, dass ich die Zeit nicht genutzt hätte, ich habe wirklich viel gemacht und geschafft, habe nebenbei entrümpelt und bin mehrere Kartons Ballast losgeworden, habe im wahrsten Sinne des Wortes viel bewegt. Trotzdem türmt es sich jetzt nochmal auf den letzten Metern. Wo habe ich gepennt?

Oder sind das einfach noch die Nachwirkungen des Stresses der letzten Monate? Kann ich nicht loslassen?

Im Laufe des Tages verblasst das Gefühl etwas, der Kopf schaltet um auf Urlaub. Letzte Kleinigkeiten, ein paar Rechnungen, die Mailbox und den Feed Reader aufräumen.
Das große Paket mit dem Geschenk für P. kommt, wir gehen dem Paketboten entgegen und lassen ihn die 10 Kilo nicht in den 3. Stock schleppen. Er kann sein Glück kaum fassen. Als es auch noch ein Trinkgeld „für Ihre tolle Arbeit in diesem Jahr“ und einen Schoko-Weihnachtsmann gibt, ist er komplett überfordert, wohl auch, weil er unglaublich gestresst ist – alle Naslang klingelt sein Telefon und sprechen ihn gereizte Nachbarn an, die auf ihre Pakete warten. Und ich bin wieder mal sehr sehr dankbar für meinen geruhsamen Job am heimischen Computer.

H. bleibt heute hier und richtet zwei neue Laptops für Kunden ein. Ich telefoniere mit M. und der Lieblingskundin, während ich in der Küche auf dem Boden sitze, umgeben von Backblechen und Brettern voller Kekse, die ich mit Zuckerguss verziere. Herrlich, denn so entspannt, dass ich in aller Ruhe zwei Stunden lang Kekse verziere, war ich seit hundert Jahren nicht mehr.

Danach eine Stunde lang alle Weihnachtskarten geschrieben (es sind nur sechs, dafür schreibe ich auch mehr als „Frohes Fest und guten Rutsch“), die H. gleich einsteckt als er zum Einkaufen geht. Ist das Leben nicht schön…

Abends die ebenfalls eingetroffenen Papiersterne aufgefaltet und mit kleinen LED-Leuchten bestückt, das klappt so, wie ich es mir vorgestellt habe und spart eine Menge Geld, schließlich will ich nicht mehr so viel für Deko-Gedöns ausgeben.

Beim Blick in die Mail noch die Nachricht einer Kundin gefunden, die leider leider in letzter Zeit total im Stress war, aber „nun nochmal durchstartet“, damit „wir das vor Weihnachten noch ins Netz bekommen“. Ich muss leise und müde lächeln und denke nur: „Mach mal“, schreibe ihr eine Mail mit dem Tenor „Ups, mit Ihnen habe ich dieses Jahr ja überhaupt nicht mehr gerechnet, aber klar, machen Sie mal, alles Gute!“ Später kam dann noch eien Antwort, aber die lese ich morgen…

Letztendlich bin ich mit meinem ersten Urlaubstag ganz zufrieden – das liegt aber wohl auch an dem ständigen Gefühl, heute sei Freitag und dann, wenn die Wahrheit dämmert: Oh, dann habe ich ja noch einen Tag mehr Zeit!

Woran ich mich erinnern will:
H. runterholen, indem wir uns einfach mal kurz zusammen hinsetzen, ein Glas Sekt trinken, durchatmen und nicht über Arbeit oder schwierige Menschen sprechen.

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