Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Rappelig

17. März 2020. Dienstag. St. Patrick’s Day. Er fällt dieses Jahr weitgehend aus, die Pubs und Bars in Irland und anderswo sind geschlossen. Berlin hat zum ersten Mal seit Pestzeiten kein Nachtleben mehr, Clubs und Kneipen haben zu, Restaurants müssen um 18:00 Uhr schließen. Was das alles mit den Menschen machen wird, hängt wohl wesentlich davon ab, wie lange dieser Zustand andauern wird und wie viele Menschen letztendlich direkt oder indirekt gesundheitlich und wirtschaftlich vom Virus betroffen sein werden.

Mich treibt eine tiefe Existenzangst um: Aufträge werden verschoben oder abgesagt, Rechnungen nicht bezahlt, viele meiner Kunden sind von Corona unmittelbar betroffen und verdienen nun auch kein Geld mehr. Solange ich gesund bin, kann ich irgendwo mit anpacken, zum Mindestlohn Supermarktregale auffüllen oder irgendwo erkrankte Mitarbeiter ersetzen.
Aber wenn ich krank im Bett liege? Wenn mir das Finanzamt wegen Steuerschulden das Konto pfändet und der Vermieter die Wohnung kündigt, weil er nun endlich den jahrelang ersehnten Grund findet, mich loszuwerden, um die Wohnung verkaufen zu können?
Wenn X. krank wird, der immer noch keine Krankenversicherung hat?
Wenn die Eltern krank werden und Pflege benötigen? Muss ich dann dort einziehen wegen Quarantäne, falls/ solange sie nicht ins Krankenhaus kommen?
Wie soll das gehen, wenn beide (die getrennt leben) krank werden? Triage? Wer zuerst kommt, mahlt zuerst?

Alle existenziellen Ängste, die ich sowieso ständig mit mir herumtrage und normalerweise halbwegs unter dem Deckel halte, sehen jetzt ihre Chance gekommen, mich niederzuringen, denn auf einmal bekommen sie Unterstützung: Es ist alles real und kann, ja wird Dir passieren!
Nachts ist es am schlimmsten.

Heute mit Mühe geschlafen bis zwanzig nach sechs. Im Tageslicht kann ich die Dämonen bezwingen, mich ablenken. Es dürfen jetzt nur keine Hiobsbotschaften aus meinem Umfeld kommen.
Devise: Arbeiten, um Rechnungen schreiben zu können. Geld muss her!

* * * * *

Später sieht die Welt schon wieder anders aus. Rechnungen an einen Kunden sind raus und zum Teil bereits überwiesen.
Langes, ernstes Telefonat mit der Lieblingskundin, die ebenfalls um Rechnungen bittet, weil sie meine Situation kennt.

Auf dem Konto ist nun genug Geld für die Miete, vielleicht reicht es sogar noch für die Steuer. Mit dem Handwerker müssen wir halt sehen.

Nahmittags Telefonat mit M., die sehr aufgekratzt ist; Nachbarn haben ihre Hilfe beim Einkaufen angeboten, mal sehen wann sie die „verbrannt“ hat.
Später stellt sich heraus, dass sie unter unseren Freunden daheim ein ziemliches Chaos angerichtet hat. Angeblich wollte sie „einfach mal nachfragen, ob jemand was von Euch gehört hat“. Diese einfache Nachfrage hat sie aber anscheinend so formuliert, dass beim Gegenüber angekommen ist, sie mache sich furchtbare Sorgen weil sie uns nicht erreichen könne. Anrufe werden getätigt, andere Leute involviert, am Ende habe ich mehrere Anrufe und SMS – „Wir machen uns Sorgen!“ Als ich das abends mit ihr klären will, macht sie sich über die Leute noch lustig, bezeichnet einen als „Arschloch“, dass der sich an mich gewandt hatte, wo sie doch „nur plaudern“ wollte. Das Schlimme: Sie macht sich wirklich keinen Kopf, was sie mit solchen Aktionen bei Leuten auslöst – und dass so etwas die Hilfsbereitschaft im Ernstfall massiv senkt.
Denn natürlich hat sie keinem der Freunde gesagt, dass sie vorher NICHT EINE EINZIGE unserer Telefonnummern angerufen hat (sie hat mindestens fünf Nummern von uns, mobil und Festnetz, und die Nummern unserer Nachbarn hier im Dorf). Die haben natürlich gedacht, sie hat alles auf allen Kanälen versucht und wir seien abgetaucht. Mit dem Erfolg, dass wir jetzt als nachlässige, ignorante Mir-doch-egals dastehen, während sie sich ins Fäustchen lacht, wie sie alle beschäftigt hat…

Woran ich mich erinnern will:
Draußen in der Sonne in der Erde wühlen, dabei dem behinderten Nachbarssohn zuwinken, der im Garten seine Runden dreht. Er winkt zurück, was ungewöhnlich ist, denn er ist sehr zurückhaltend Fremden gegenüber.

What I did today that could matter a year from now:
Menschen fernbleiben.
Entscheiden nach B. zu fahren, obwohl sich plötzlich eine Option auftat hierzubleiben.
Blumenzwiebeln im neuen Beet setzen.

Was wichtig war:
Reden.
Sprechen statt schreiben.
Ruhe bewahren.
Ängste und Sorgen ernst nehmen.
Dankbar feststellen, dass der engere Kreis vernünftig zu sein scheint.
Rechnungen schreiben.
Draußen arbeiten.
Wieder aufrappeln.

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2 Gedanken zu “Rappelig

  1. Pingback: Abschlussarbeiten | Annas Miniaturen

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