Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Rückfahrt in der Stille

21. März 2020. Samstag. H. hat wieder die halbe Nacht gesessen und kam erst um 3:40 Uhr ins Bett. Das entwickelt sich zum Muster für die letzte Nacht hier vor der Abfahrt. Seine Art Abschied zu nehmen? Er lässt ja wenig raus im Moment, macht einen auf cool, als tangiere ihn das alles gar nicht. Ich weiß es besser, fände es aber schön, er würde mehr teilen.

Bis auf die nächtlichen Störungen und sein Schnarchen gut geschlafen und um sechs aufgestanden. Es nieselregnet, eine Amsel sitzt im Ilex vor dem Haus und schmettert ihr Morgenlied hinaus in die Welt. Auch die Meisen und Spatzen sind schon unterwegs. Ich muss daran denken, wieder nach Vogel-Webcams zu schauen, es ist zu schön, denen beim Brüten zuzuschauen.

Gedanklich beschäftige ich mich sehr mit der Zugfahrt und den am Montag notwendigen Einkäufen. Wir sind ja seit einer Woche quasi in Isolation und haben noch gar nicht mitbekommen wie „man“ sich aktuell beim Einkaufen usw. verhält. Natürlich kennen wir die Empfehlungen des RKI – nicht mit den Händen ins Gesicht, Hände gründlich waschen, nicht in die Gegend husten oder niesen und Abstand halten. Aber sonst? Gehört es zum guten Ton, eine Atemschutzmaske oder Einmal-Handschuhe zu tragen, auch wenn beides gar nicht sinnvoll erscheint? Wird man angepöbelt, wenn man „nur“ den RKI-Empfehlungen folgt und nicht den Hysterikern? Was macht man, wenn es einen doch mal an der Nase juckt? Ist der Schal oder der Ärmel unbedenklicher als die Hand?
Ich packe ein Hygienetäschchen für den Zug, darin Papiertaschentücher, Einmal-Handschuhe, ein paar Blätter Toilettenpapier und ein Stück Seife – falls irgendwas davon in der Zugtoilette nicht verfügbar oder es sehr siffig ist. Das sollte erstmal ausreichen.

* * * * *

Die Fahrt war dann unspektakulär; Deutschland fühlt sich an wie ein sehr früher Sonntag morgen in den Ferien: Geschäfte geschlossen, Straßen und Bahnhöfe praktisch leer, kaum Verkehr.

Die beiden Züge, mit denen wir fahren, sind sehr leer. Im ersten ICE sitzen mit uns sechs Leute im Waggon, im zweiten vielleicht fünfzehn bis zwanzig. Man empfindet es schon als eng, wenn man nicht in jede Richtung mindestens eine freie Sitzbank zwischen sich und den Mitreisenden hat. Im ersten Zug wird überhaupt nicht kontrolliert, im zweiten aus der Distanz: man hält sein Ticket zum Scannen hoch oder legt es auf das Tischchen, zusammen mit BahnCard u.ä. Das Personal ist betont freundlich und entspannt und bemüht sich um business as usual. Der Spiesewagen ist geschlossen, d.h. es findet keien Bedienung am Platz statt, das Bistro ist aber geöffnet, man kann sich also Getränke und Snacks selber holen.

Die Fahrgäste sind sehr ruhig, es finden kaum die üblichen Handy-Gespräche statt. Auch als der zweite Zug irgendwo bei Wolfsburg plötzlich anhält, ruckelig einige Meter weiter fährt, wieder bremst und steht, sich das Ganze mehrfach wiederholt und wir am Ende zwanzig Minuten Verspätung haben, stöhnt und murrt niemand, es scheint egal: Da wartet ja auch kein Termin, keine dringende Verabredung mehr auf einen, heute Abend geht es nur noch nach Hause, und schlimmstenfalls wartet irgendwo ein Abholender ein wenig länger.

Ja, es gibt Abholende, und sie fallen sich mit den Ankommenden in die Arme. „Abstand halten“ würde ich am liebsten brüllen, aber nun ist es auch zu spät, gegen Instinkte und Gewohnheiten helfen kein Appelle und kein Desinfektionsmittel.
Auch die Händewasch-Routine ist noch lange nicht bei allen Toilettenbesuchern verinnerlicht, wie ich mehrfach durch die dünne Wand der Zugtoilette hören kann. Und Hustenetikette? Da wird gerotzt und geröchelt wie zuvor, entweder direkt in die Umgebung oder in die Hand, gern in die rechte. Old habits die hard.

In Berlin scheinen vor allem die Drogenabhängigen, die Säufer, die Querulanten und die Verrückten draußen zu sein, zumindest an diesem Samstag Abend um zehn als wir ankommen. Zwar ist auf dem Bahnhof Sicherheitspersonal eingesetzt, das scheint aber gerade lieber kollektiv (im Abstand von vielleicht zehn Zentimetern) am Tresen eines Schnellrestaurants Pause zu machen anstatt die Idioten zu vertreiben, die auf der Zwischenebene Böller zünden und „Corooonaaa!“ schreiend laut und irre lachen dabei. Welcome back.

Zu Hause im Kiez fühlt es sich dann an wie Sonntag abend gegen zwei Uhr: Alles dicht, kaum Leute unterwegs, die meisten Fenster erleuchtet. Es wird eine Weile dauern bis man die Veränderungen wirklich spürt. Immerhin ist es bedeutend ruhiger, keine besoffenen Touristenhorden ziehen durch die Straßen, keine quietschenden Reifen jaulen in der Spielstraße auf, kein Verkehrsrauschen dringt von der nahen Hauptverkehrsstraße hinüber. Daran könnte ich mich gewöhnen.

Woran ich mich erinnern will:
Eine Stunde früher mit allem fertig als wir gemusst hätten. Ich genieße es, nochmal im Sessel zu sitzen und ein Kreuzworträtsel zu lösen. Kein Aufbruch in Hektik. H. ist gelangweilt und wird müde; er hatte aber auch kaum vier Stunden geschlafen und ist gerade erst halbwegs ausgenüchtert.

What I did today that could matter a year from now:
Abstand halten, Hände waschen.

Was wichtig war:
Planung.
Ruhe.
Gelassenheit.
Atmen.
Dehnen.
Bewusste Entspannung.
Aufstehen.
Trinken.

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