Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Erster Einkauf

23. März 2020. Montag. Unruhige Nacht, ich war wach um 03:22, um 04:25 und um 05:33. Dann um kurz vor sieben aus einem seltsamen Traum hochgeschreckt und aufgestanden, aber noch eine Weile benebelt herumgelaufen.

Ich war ein bisschen nervös, denn heute wollten wir zum ersten Mal seit zehn Tagen einkaufen gehen, zum ersten Mal in Berlin. Ich hatte ein paar seltsame Geschichten gehört und ein wenig Angst, wie paranoid sich andere Menschen verhalten würden, aber das war unbegründet: Es waren mäßig Menschen unterwegs, fast alle waren bemüht, die 1,50 – 2m Abstand zueinander einzuhalten, wo immer es möglich war, nur wenige trugen mundschutz oder Einmal-Handschuhe. Man schaute aufeinander, das war ungewohnt. Gänge wurden freigemacht, man wich sich aus, machte Platz. Gar nicht mal so schlecht, das könnten die Leute beibehalten. Unangenehm war höchstens das Gefühl, dass dieses Raumgeben nicht aus Rücksicht und Menschenfreundlichkeit geschah, sondern aus Misstrauen und Angst.

Auffallend war: Man spricht nicht. Kein Smalltalk an der Kasse oder mit anderen KundInnen vor der Kühltruhe, kaum mal ein Lächeln. Schwer zu unterscheiden, ob das ein Verhalten aufgrund von Wissen war (weil sich das Virus über die ausgestoßene Luft verbreitet) oder vielmehr die innere Stimmung widerspiegelte: Angespanntheit, Konzentration, Misstrauen.

Natürlich können sich die meisten Menschen nicht über Nacht mit der für sie ungewohnten Situation arrangieren und sich „normal“ verhalten. Ich bin da eine Ausnahme, lebe ich doch größtenteils sowieso schon seit Jahren we es jetzt empfohlen wird: Ich verbringe den Großteil des Tages in meiner Wohnung (Arbeit im Home-Office), ich gehe selten raus, eigentlich nur zum Einkaufen oder zum Spazieren, Freunde treffe ich selten, und in der Stadt unterwegs bin ich vielleicht ein- bis zweimal im Monat. Ich halte gern Abstand, mag keine Menschenmengen, hasse Lärm und Aufregung, besuche also kaum Konzerte oder Sportveranstaltungen. Ich habe auch im Alltag gerne eine Armlänge Abstand zu meinen lieben Mitmenschen und meide daher nach Möglichkeit die Stoßzeiten im öffentlichen Nahverkehr oder größere Menschenansammlungen. Für mich ändert sich also gar nicht mal soviel, außer dass der empfohlene Abstand nun eher zwei Armlängen beträgt.
Insofern nehme ich anderen ihre Angespanntheit nicht übel: sie müssen sich an viel Neues gewöhnen, sich in vielen Dingen komplett umstellen, und das alles von jetzt auf gleich – das ist eine Riesenaufgabe, und die allermeisten Menschen geben sich wirklich große Mühe und schaffen das ganz großartig.

Überall kleben nun Abstandhalter auf der Erde, das ist hilfreich als Erinnerungsstütze und zur Selbst- und Fremdregulierung. So muss man nicht ständig jemanden anblaffen, der, versunken in das Geschehen auf dem Smartphone in seiner Hand, einem zu dicht auf die Pelle rückt.
Die Kassiererinnen sind von Plexiglaswänden umgeben, und dem Aussehen mancher dieser Wände nach vier Stunden Öffnungszeit nach zu urteilen, ist das auch bitter nötig.
Im Bauhaus regulieren sie den Eingang: Es darf nur einer rein, wenn einer den Laden verlässt, Abstand der Wartenden zueinander: anderthalb Meter.
Beim ALDI gibt es alles außer Toilettenpapier/ Küchenrolle/ Papiertaschentüchern, Seife und Hefe, beim edeka sind die Regale etwas leerer, Nudeln und Tomatensoßen sind ebenso geplündert wie die Papierprodukte sowie Dosenmais und -ananas.
Wir haben noch zweieinhalb Rollen Klopapier, es wäre also schön, wenn wir diese Woche irgendwo fündig werden, aber da bin ich optimistisch, denn Hamsterkäufe werden von den Märkten nun wohl immer weniger geduldet. So hängen beim Edeka überall Schilder, welche gefragten Produkte in welchen Mengen gekauft werden dürfen („Jeder nur ein Kreuz eine Packung Klopapier!“).

Am Ende haben wir unseren Wocheneinkauf zusammen, was inklusive Getränken eine reichliche Schlepperei bedeutet, aber ich möchte diese Woche so wenig wie möglich unter Leute, außerdem hätte ich gerne ein paar haltbare Vorräte, falls wir wirklich krank werden sollten (es ist immer noch Grippesaison) und dann nicht rauswollen oder -können. Andere Menschen möchte ich jetzt so wenig wie möglich belasten und niemandem zumuten, mir ständig Essen in den dritten Stock hochschleppen zu müssen, und auf gar keinen Fall will ich jetzt mit einer Erkältung in irgendwelchen Läden herumspazieren.

* * * * *

In der Arbeit ging es erst etwas angespannt los, übers Wochenende waren ein paar Anfragen hereingekommen. Anscheinend beschäftigen sich die Leute, denen die eigene Arbeit momentan wegbricht, jetzt mit Liegengebliebenem. Meist sind das die Dinge, die irgendwann kompliziert waren oder unklar sind, darüber freue ich mich also nur bedingt. Andererseits: Aufräumen ist immer gut.

Was anfangs dringlich klang, hat sich in zwei von drei Fällen auf meine Nachfrage hin als „das machen wir jetzt gelegentlich, wenn Sie Zeit haben“ oder „das reicht bis Ende der Woche“ herausgestallt, also alles entspannt. Den dringenden Kleinkram konnte ich dann nachmittags noch erledigen.

Woran ich mich erinnern will:
Vorm Laden in der Sonne stehen und auf H. warten.

What I did today that could matter a year from now:
Raus gehen.
Abstand halten.
Ein nettes Wort, wo immer es möglich war.

Was wichtig war:
Ruhig bleiben.
Freundlich bleiben.
Geduld.
Aufmerksamkeit.

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