Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Hinaus, hinaus!

29. März 2020. Sonntag. Drecks-Zeitumstellung. Ich bin nachts dreimal wach geworden, um eins, um drei und um fünf, um 5:40 quäle ich mich aus dem Bett, gehe aufs Klo, mache mir Kaffee, und als ich eine Viertelstunde später auf die Uhr schaue, ist es sieben. Ich hatte mal wieder vergessen, die Uhr am Bett umzustellen, sie macht das nämlich als einzige im Haus nicht automatisch. So starte ich den Tag gleich mit dem Gefühl, Zeit verloren zu haben und blöder kann das ja kaum sein. Ich beschließe also – wie jedes Jahr – auf die Uhren zu pfeifen und erstmal nach der alten, „richtigen“ Zeit weiterzumachen. Im Laufe der Woche werde ich mich dann angleichen und jeden Tag fünf bis zehn Minuten früher aufstehen, das regelt sich dann schon.

Es ist kühler und bedeckt und ich hatte für morgens einen kleinen Spaziergang geplant, wenn die Straßen hoffentlich wirklich menschenleer sind.
So ganz menschenleer waren sie natürlich nicht, es fühlte sich vielmehr normal voll an für einen kalten regnerischen Sonntag Morgen Ende März: Die üblichen Jogger und Gassigeher, ein paar Obdachlose. Nur die Übriggebliebenen der Nacht fehlten, die, die erst jetzt den Weg nach Hause fanden aus irgendwelchen Clubs, von irgendwelchen Parties.

Ich ging zum erstenmal seit wir wieder in B. sind die Hauptstraße entlang, bis zur Brücke, dann auf der anderen Straßenseite zurück und schließlich noch ein wenig kreuz und quer durch mein Viertel, meinen Kiez. An der Hauptstraße gibt es viele kleine Geschäfte, eine Handvoll größere, etliche Imbisse, ein paar Supermärkte. An geschätzt 80 Prozent der Ladentüren hing ein Zettel, oft handgeschrieben, manchmal gedruckt, der auf die Ladenschließung hinwies: „Wegen der aktuellen Situation“, „wegen Corona“, „auf Anordnung des Berliner Senats“ sei dieses Geschäft „vorübergehend“, „bis auf weiteres“, „bis zum 20. April“ geschlossen. Man wünsche „alles Gute“, „bleiben Sie gesund“, „gemeinsam schaffen wir das!“

Zum erstenmal wird mir so richtig deutlich und bewusst, wie viele Menschen unmittelbar vom Lockdown betroffen sind – und wie viele indirekt, denn all diese Ladeninhaber haben Familien, viele haben Angestellte, auch die haben Familien, und wenn das wirklich lange dauert, steuern wir auf eine soziale Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes zu. Zumindest unvorstellbar für unsere Generation, die ja irgendwie immer dachte, als erste in Jahrhunderten von großen Katastrophen verschont zu bleiben.

Mein Blumenladen hat en paar Paletten mit Topfblumen herausgestellt zum Mitnehmen, denn die werden nun nicht mehr verkauft. Ich nehme mir ein Alpenveilchen und eine Kalanchoe mit und beschließe im selben Atemzug, ihnen Geld dafür zu schicken, wenn es sein muss, per Post. Eine komplette vietnamesische Familie hängt an diesem Laden, Mama, Papa, drei Kinder im Kleinkind- und Grundschulalter, Tanten, Onkel, Cousins, Cousinen, Nichten, Neffen.

Ein paar Läden haben geöffnet, wenn nicht an desem Sonntag morgen so doch generell. Das steht dann ebenfalls groß an der Tür: „Wir haben für Sie geöffnet!“ Darunter oder daneben dann meist ein weiterer Zettel mit Verhaltensmaßregeln: „Um Sie und unsere Mitarbeiter zu schützen, bitten wir Sie, nur einzeln einzutreten und einen Mindestabstand von 1,50 m einzuhalten.“

Die chemische Reinigung bietet an, die Sachen der Kunden abzuholen und auszuliefern – „auf Wunsch auch ohne persönlichen Kontakt“. Ein Restaurant bietet einen „Quarantäne-Lieferdienst“ an, ein anderes „Essen To Go“.

Was wohl die Stadtvögel nun machen, hatte ich mich die Tage noch gefragt, finden die überhaupt genug zu fressen? Aber ich hätte mir keine Sorgen machen müssen, am Tauben-Sammelplatz an der Brücke hat jemand Brotreste hingestreut. Wie sinnvoll das als Futter auch sein mag – und ja, es zieht Ratten an –, so freut mich doch die Geste. Trotzdem will ich beim nächsten Spaziergang etwas Hirse und Haferflocken mitnehmen und vielleicht etwas für die Schwäne auf dem Kanal (besser geeignet als Brot sind übrigens Mais und andere Getreidekörner, Getreideflocken, Salat oder handelsübliches Entenfutter).

Irgendwann fand ich dann auch einen geöffneten Bäcker, die Kunden hatten vor dem Laden eine Warteschlange gebildet, hielten zwei Meter Abstand voneinander und traten einzeln ein: Vorbildlich! Allerdings wurden dann nach einer Weile drinnen doch zwei Leute gleichzeitig bedient, und der Hintere konnte beim Rausgehen nicht mehr den Abstand zum Vorderen einhalten, das war ein bisschen ungeschickt.
Ich drehe mich ja dann immer weg von der anderen Person und atme einen Moment nicht, aber das machen die wenigsten so.

Ich merke, dass ich so am liebsten mein ganzes Leben gelebt hätte: mit Abstand und Wegdrehen, wenn sich körperliche Nähe nicht vermeiden lässt. Nur aus antrainierter (und falsch verstandener?) Höflichkeit habe ich das bisher nie gemacht, damit andere Menschen nicht das Gefühl haben, ich hätte etwas gegen sie persönlich. Steckt wohl tatsächlich ein kleiner Autist in mir…

* * * * *

Und sonst:

Die Nachbarinnen aus der Etage über mir haben einen Korb Bärlauch „zum Mitnehmen“ ins Treppenhaus gestellt. Ich mache Rührei mit Bärlauch zum Frühstück. Frühling!

Schreibtisch aufgeräumt, Telefonnotizen der letzten Woche ins System eingetragen, Überblick über anstehende Arbeiten verschafft.
M.s Anruf erwidert und 20 Minuten mir ihr gesprochen.
Den Antrag ans Finanzamt eingescannt und per Mail verschickt.
Per SMS mit einem Freund kommuniziert, der sich bisher erfolgreich mit kleinen Jobs bei der Verkehrszählung und mit Befragungen über Wasser gehalten hat, beides ist nun weggebrochen und nun fürchtet er Hartz IV. Die Einschläge kommen näher.
Ein Ostergeschenk für P. bestellt.
Rindfleisch mit Suppengrün für eine Frühlingssuppe ausgekocht. Ich hatte kein Suppenfleisch bekommen, „nur“ Gulasch, also wird es eine fettfreie Suppe.
Ein Angebot für ein neues Projekt erstellt und selbst über den Preis erschrocken, dabei hatte ich noch mit niedrigen Stundensätzen kalkuliert.

Am frühen Abend ist es wieder möglich, Anträge auf Corona-Hilfe für Solo-Selbstständige zu stellen, die Bank hat die ersten zehntausenden Anträge weitestgehend abgearbeitet. Kurz nach 19:00 Uhr tragen wir uns ein, aber es sind immer noch mehr als 168.000 Wartenummern vor mir. Ich verfolge die ZAhlen eine Weile, und es verschwinden etwas mehr als 10.000 Nummern pro Stunde. Wenn die Bank nach eigenen Angaben „etwa 6.000 Anträge pro Stunde“ bearbeitet, sind also etwa 4.000 Nummern keine Anträge, sondern da haben Leute wohl nur mal auf den Link „Antrag stellen“ geklickt, um zu sehen, was passiert.
Wir werden also irgendwann morgen Abend dran sein und unsere Anträge stellen können.

Laut Statistik hat Berlin 200.000 Solo-Selbstständige, es stellen also offenbar praktisch alle gerade einen Hilfsantrag, das übersteigt die „erwarteten Zahlen“ bei weitem. Aber: „Es sind ausreichend Fördermittel vorhanden!“
Ein Milliarde wird gebraucht, um jeden mit den 5.000 Euro zu versorgen, die Berlin auszahlt. Eine Milliarde in einer Stadt, die „arm aber sexy“ ist – wie soll das gehen? Was für Folgen wird das haben?
So nach und nach wird mir die wirtschaftliche Dimension dieser „Krise“ klar, die nun erst wenige Wochen dauert und schon derartige Kosten (und Ausfälle) verursacht.

Dann:

Blumen gießen, eine Kleinigkeit für einen Kunden erledigen, eine vermurkste Installation eiens Kollegen analysieren, um zu helfen. Aber: Ein wichtiges Passwort stimmt anscheinend nicht, also wieder Vollbremsung.
Schluss für heute.

Suppe essen.

Woran ich mich erinnern will:
Bärlauch-Rührei.

What I did today that could matter a year from now:
Draußen sein, Abstand halten.
Diesen Antrag auf Hilfe stellen.
Jemandem Mut machen und Unterstützung zusagen.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Schauen.
Nicht runterziehen lassen.
Analysieren.
Nicht hängen lassen.
Kontrolle.
Friedlich bleiben.
Geduld.

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