Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Schnee und anstrengende Aktivitäten

30. März 2020. Montag. Die Uhr am Bett ist ohne Strom, also wache ich mit den Vögeln auf. Es ist kurz vor Sonnenaufgang, also gegen fünf Uhr (Winterzeit). Ich höre noch etwas zu, dann stehe ich auf, die Uhr am Schreibtisch zeigt 6:13, es klappt also mit dem Tag für Tag etwas früher Aufstehen, um die Zeitumstellung abzufangen.

Heute stehen zwei große Dinge an, und die fressen mir auch fast den ganzen Tag auf, wenn nicht zeit- so doch energiemäßig: Einkaufen und Corona-Zuschuss beantragen.

Morgens erstmal Kleinkram: Eine private Mail beantworten, ein Angebot versenden, Kleinigkeiten auf zwei Websites ändern, ein paar Dinge für Google schöner einstellen, eine Rechnung vorbereiten, Jobmails beantworten.

Um halb eins dann Aufbruch zu meiner Einkaufsrunde: Briefkasten, türkischer Gemüsehändler (alles wie immer, nur etwas weniger los, und Abstandshalter-Aufkleber auf dem Boden vor den Kassen), Poststelle im Papierwarenladen (anstehen auf der Straße, jeweils einzeln eintreten), Drogeriemarkt unten im Kaufhaus (am Eingang gibt es eine Ampel, welche Bückwaren momentan verfügbar sind und welche nicht – Klopapier und Küchenrolle ja, Flächen-Desinfektion nein), Oster-Süßwaren- und Lebensmittel-Abteilung im Kaufhaus (es gibt einen Verkaufsstand mit Beelitzer Spargel, an dem ich zuschlage, der Bauer hat seine bereits angereisten Saisonarbeiter beim Shutdown einfach nicht weggelassen – „Die bleiben solange das dauert, zur Not zahle ich die nachher dafür, dass die die Felder umgraben oder Wald roden“), Discounter (alles wie immer, die morgens gelieferte Palette Klopapier ist schon wieder verkauft, H-Vollmilch gibt es nicht, dafür die doppelte Menge fettarme).

Als ich rauskomme, schneit es, zuerst vorsichtig vereinzelte kleine Flöckchen, kaum als solche erkennbar, dann zunehmend mehr und dickere Flocken. Instant Glück: Schnee!!! Natürlich bleibt nichts liegen, aber ich gehe genüßlich langsam (auch wegen der schweren Taschen) heim und genieße jeden Augenblick, jede Flocke, die mein Gesicht trifft. Schnee…

Mehr als zwei Stunden hat die Tour gedauert, und ein Blick auf die Website der Förderbank zeigt mir: In anderthalb Stunden sind wir dran!
Mit H. telefoniert, alles vorbereitet (mehrere Browser in Bereitschaft, alle Sicherheitseinstellungen wie Tracker, Popup-Blocker usw aus, Drucker an, alle Daten griffbereit, nochmal das Formular durchgelesen, das nachher online auszufüllen ist), und dann heißt es warten.
Ich vertreibe mir die Zeit mit essen, spielen, Nachrichten und Feedreader lesen. Ab einer Stunde zählt die Zeit runter: Noch 59 Minuten, 58, 57, … 42, 41, 40 … 17, 16, 15… Bei zehn Minuten gehe ich zur Sicherheit nochmal aufs Klo. Ich fühle mich wie vor einer wichtigen Prüfung.

Dann ist es soweit, das Formular poppt auf, ich fülle es aus, keine Fragen oder Unsicherheiten, Steuer-ID, Umsatzsteuer-ID, IBAN, Ausweisnummer, alles easy. Ich mache meine Häkchen bei den ganzen Hinweisen, dass mir bekannt ist, dass…, dass ich sofort über Änderungen informieren werde, dass ich an Eides statt versichere… – es fühlt sich alles sehr bedeutsam an, und das ist es ja auch: Der Staat verschenkt mal eben ein paar Milliarden ohne nennenswerte Gegenleistung, einfach, dass man wirtschaftlich halbwegs überlebt, das ist ein Gefühl, das kenne ich als Solo-Selbstständige in diesem Land so nicht.

Zwischendrin noch eine Rückfrage von H., der fast gleichzeitig mit mir dran ist, dann ist es geschafft, das Formular versandt, in drei tagen ist das Geld auf meinem konto, wenn mein Antrag abgelehnt wird, bekomme ich Bescheid.

Ich habe Herzklopfen und bin durch mit diesem Tag. Diese Anspannung!

Eine Stunde mit H. am Telefon wegen eines Monitor-Problems, bei dem ich nur halb bei der Sache bin, aber jede Ablenkung ist jetzt richtig. Dann spielen, lesen, einfach nur tumb vor mich hin klicken, dazu eine komplette Dose Cashew-Nüsse essen, 950 Kalorien, fuck it.

Abends Räucherforelle mit Feldsalat. Ich denke ein bisschen schadenfroh an die Leute mit den Bergen von Dosensuppe und Nudeln.

Woran ich mich erinnern will:
Wieder erste vorsichtige freundliche Kontakte zwischen fremden Menschen draußen. Ein Blick, ein Lächeln, ein freundliches Wort. Das habe ich vermisst in der letzten Woche.

What I did today that could matter a year from now:
Abstand halten.
Fördermittel beantragen.
Ein Angebot verschicken.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Mit Mnnschen reden.
Normal umgehen, scherzen.
Abstand halten.
Dranbleiben.
Vorbereiten.
NIchts anderes planen.

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