Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Verschiebungen oder Verwerfungen

31. März 2020. Dienstag. Monatsende. Wo ist dieser Monat hin, will ich reflexhaft fragen, um dann sofort zu sagen: Gott, das alles war nur ein Monat?! So ein Monat war das nämlich. Voll mit Reisen, Handwerkern, die uns das halbe Haus abrissen und zumindest teilweise wieder aufbauten, einer Geburtstagsfeier, dem Wiedersehen mit den Freunden, Gartenarbeit, Projektarbeit, Hausarbeit, Baustellenputzen, Einkaufsfahrten, einem Ausflug, zwei langen Spaziergängen, Kontaktsperre, der Rückfahrt nach Berlin in menschenleeren Zügen durch ein scheinbar leergefegtes Deutschland, dem Einrichten in einer neuen Realität, Einkaufen auf Abstand und nur einzeln, und vielen, vielen Gesprächen und Mails, das Leben auf den Kopf gestellt.

„No idea or behavior shift has ever spread more quickly or completely in the history of the planet. In seven weeks, the life of every single person on Earth changed, and the unfolding tragedy and the long slog forward will drive expectations for years. Expectations about being part of a physical community, about the role of government and about what we hope for our future.
(Seth Godin: GenC)“

Dabei fühlen sich die einzelnen Tage fast normal an, nur in der Summe sorgen all die Kleinigkeiten, die anders sind, vor allem all die Dinge, die man von anderen hört, für ein Gefühl, dass sich gerade alles verschiebt.

Auch heute war solch ein „normaler“ Tag:

Nachts um drei aufgewacht, aufs Klo gegangen, etwas getrunken und kurz aus dem Fenster geschaut, gezählt, in welchen Wohnungen noch Licht bernnt. Es werden weniger.
Normalerweise kann ich dann gut wieder einschlafen, aber nicht heute. Der Körper war müde, aber der Kopf war wach. Und wollte denken. Und dachte los und im Kreis und durcheinander, der Körper wurde zunehmend genervter denn er wollte noch schlafen. Also schaltete emin Geist sich ein und versuchte, den Kopf zur Ruhe zu bringen, und das gelang auch, dauerte aber sehr, sehr lange, der Kopf war wie ein Kleinkind, das zwar fast zusammenbricht, aber dennoch – ich will nicht schlafen, ich bin ü-ber-haupt nicht müde! – immer weiter rotierte.

Irgendwann schlief ich, und als ich aufwachte, war es hell und fast sieben Uhr. Also sechs. Nicht perfekt, aber ok.
Nur schade, dass ich überhaup nicht ausgeschlafen bin, sondern mich völlig übernächtigt fühle. Auch der renitente Kopf fühlt sich nicht gut, er schmerzt nun ein wenig und will seine Ruhe haben.

Ich becshließe also für heute gedrosseltes Arbeitspensum und Erholung. Konkret sieht das dann so aus: Internet lesen, Browsertabs aufräumen, Küche aufräumen.
Eine Stunde technische Bestandsaufnahme einer reichlich verkorksten Installation, die mir zum „Reparieren“ angetragen wurde. Eine Dreiviertelstunde Telefonat mit der Lieblingskundin. Etwa zehn Minuten davon geht es um Projekte, den Rest um Förderanträge, wirtschaftliche Auswirkungen von Corona und wie es für uns persönlich weitergehen könnte.  Dann weitere zwei Stunden für die Bestandsaufnahme und die Stellungnahme. Es ist wohl das erste Mal, dass ich einen Auftrag klar und eindeutig ablehne: So mache ich das nicht. Wenn ich, dann anders. Der Kunde steht nach eigener Aussage „mit de Rücken zur Wand“. Von mir aus kann er gerne noch andere Dienstleister anfragen, außerdem hat er sich durch Gier und Bequemlichkeit selbst in diese Situation manövriert, nun soll er auch die Konsequenzen tragen. Warum sollte ich dafür den Buckel herhalten?

Betten beziehen, saugen, duschen, Mittagsimbiss.
Ich habe den Auftrag und freie Hand. Arbeite zwei Stunden, dann ist Phase 1 (Bereinigung der gröbsten Schnitzer, ein Teil ist wieder online) beinahe abgeschlossen. Morgen noch etwas Feinschliff.
Dann zum Feierabend noch ein Notfruf einer Kundin: „Ich habe einen neuen PC und komme mit meinem Passwort nicht in den Webmailer“. Ich bin ratlos.

Ich hätte jetzt gerne mal eine Woche von all der Zeit und Entschleunigung, die uns HomeOffice-Arbeiterinnen überall nachgesagt wird.

Woran ich mich erinnern will:
Triumphgefühl gepaart mit Selbstgerechtigkeit. Moralisch verwerflich, fühlt sich aber verdammt gut an.

What I did today that could matter a year from now:
Drinnen bleiben.
Einen Kurs festlegen.

Was wichtig war:
Der inneren Stimme folgen.
Nichts zwingen.
Hausarbeit.

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