Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Dünnes Nervenkostüm

7. April 2020. Dienstag. Gut geschlafen, aber ab  halb vier unruhig, paarlmal aufgewacht. Aufgestanden um halb sechs, da fangen gerade die Vögel an zu singen. Morgenrot. Die Stadt riecht anders: Kein Keks- oder Kaffeeduft, kein Wald, kein Wasser, stattdessen kalter feuchter Stein und feuchte Erde.
Herrliche Frühlingstage, gestern waren 20 Grad bei strahlendem Sonnenschein. Mir fehlt mein Garten, aber ich bin auch gerade gern hier, hier fühle ich mich dem Leben näher.

Gestern beim Gang nach Hause fiel mir ein, warum mir die leereren Straßen so vertraut sind: Es erinnert mich vieles an das Berlin meiner Kindheit, das Berlin der 70er und 80er Jahre, als noch nicht jede Familie in drei Autos herumfuhr, als die Straßen und Bürgersteige in den Nebenstraßen der Wohnviertel insgesamt leerer waren, als Mittagsruhe herrschte, weil alles beim Essen saß, was nicht „auf Arbeit“ war, als nicht den ganzen Tag Leute kreuz und quer von A nach B nach C nach D und zurück wollten, sondern morgens das Haus in eine Richtung verließen und nachmittags irgendwann zurückkamen, als die kleinen Nebenstraßen mittäglich leer waren, als alle zehn Minuten ein Auto vorbeifuhr, als auch die Geschäfte leerer waren und die Menschen ruhiger, als nicht alle mit Coffee-to-go-Bechern in der Hand durch die Gegend rannten, sondern sich ins Café oder zum Bäcker oder mit der Thermoskanne auf eine Parkbank setzten, wenn sie einen Kaffee trinken wollten.
Ich sage nicht, dass „damals alles beser“ war, aber die Stimmung auf den Straßen erinnert mich ein bisschen daran, und das ist ein fast vergessenes aber doch ganz vertrautes Gefühl.

Bis auf einen Telefontermin mit einem mir etwas unangenehmen Kunden wegen eines möglichen neuen Projekts ist der Tag heute dafür vorgesehen, das eine mittelgroße Projekt voranzutreiben, damit ich der Lieblingskundin endlich etwas an die Hand geben kann zum Weitermachen. Das klappt auch ganz gut, ruhiges, konzentriertes Arbeiten von 9:00 bis 17:00 Uhr, nur unterbrochen durch das (kurze) Telefonat, zwei Essenspausen und ein Mittagsschläfchen. Knapp sechs Stunden Projektarbeit netto, das ist ein sehr guter Schnitt, das hatte ich lange nicht.

Es ist aber auch anstrengend und sehr erschöpfend, das merke ich als ich H. kaum zuhören kann als er nach Hause kommt undvon seinemTag erzählt, und als ich in Tränen ausbreche, weil eine Sache nicht klappt und weitere Schritte notwendig macht. Sehr dünnes Nervenkostüm.

H. bringt die Post mit hoch: Ein Brief vom Bürgermeister, einer vom Erzbischof und einer von meiner Mutter.

Die Lieblingskundin hat 8.500 Euro Corona-Zuschuss bekommen. Ich wundere mich, warum sie soviel bekommt, vermutlich hat sie sich selbst als Angestellte gezählt im Antrag, das war ein bisschen komisch formuliert.
Ich merke, dass ich es ihr nicht gönne: Sie verdient gut, besser als ich, sie hat einen Mann, der extrem gut verdient, beide haben recht gut situierte Eltern. Die Eigentumswohnung haben sie vor einigen Jahren verkauft, um ins eigene Häuschen zu ziehen. Meine regelmäßigen Geldsorgen, wo man nicht weiß, wo die nächste Miete herkommen soll und wie man die Krankenkasse bezahlt, sind ihr höchstwahrscheinlich so fremd wie nur irgendwas.
Ich mag sie sehr gerne und persönlich wünsche ich ihr alles Glück der Welt, aber auf einem systemischen Level fühle ich mich ungerecht behandelt. Oder ich war wieder zu blöd, alle Mittel und Lücken egoistisch auszunutzen.

Ich bin unendlich müde, aber Geschirr spülen geht noch, zum Runterkommen, Ergeben in Erschöpfung, Traurigkeit und Überforderung.
Im Fernsehen Spuren des Bösen: Zauberberg mit Heino Ferch und einem großartigen Cornelius Obonya, während H. das Essen macht: Rinderhack-Bällchen, gewürzt mit geröstetem Jaffna Curry aus Sri Lanka, dazu grüne Paprika und Reis.

Woran ich mich erinnern will:
Ruhiges, konzentriertes Arbeiten mit Fokus und Flow. Und draußen scheint die Sonne bei 20 Grad.

What I did today that could matter a year from now:
Nicht rausgehen.
Ein Projekt voranbringen.
Mich für jemanden freuen.

Was wichtig war:
Konzentriertes Arbeiten.
Den Tränen freien Lauf lassen.
Mich wieder beruhigen.

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