Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Gefühlter Freitag

8. April 2020. Mittwoch. Gut geschlafen und um fünf ausgeruht aufgewacht und aufgestanden. Die Amseln singen. Autós fahren, wnen auch wenige. So schön, jetzt den ganzen Tag die Vögel zu hören, ohne dass sie durch das Grundrauschen der Stadt übertönt werden.

Im Nachgang zugestern überlege ich, was mich so angreift im Moment, was für mich die Veränderung und Überforderung darstellt, denn

„Wir sind alle überfordert – jede an ihrer eigenen Ecke – aber es ist wichtig, sich dabei zu erinnern: Es trifft uns gerade alle. Uns alle zusammen.“ (jawl, hmbl.blog, 7.4.2020)

Auch ich fühle mich überfordert, muss aber schauen, wieviel davon wirklich mit Corona zu tun hat.

Nach außen hin hat sich mein Leben nicht wesentlich verändert: Ich sitze den ganzen Tag in meiner Wohnung am Rechner, beantworte Kundenanfragen, repariere Dinge und programmiere neue. Von Zeit zu Zeit ruft die Lieblingskundin an, dann plaudern wir eine Weile, dann geht es weiter. Ich gehe selten raus, oft nur alle paar Tage zum Einkaufen, am Wochenende vielleicht zu einem ausgedehnten Spaziergang. Ich versuche, das notwendige Geld für den Monat zusammenzukratzen und weiß oft erst gegen Ende, ob es diesmal wieder klappt.
Nach außen hin hat sich mein Leben praktisch nicht verändert.

Was neu ist: Ich telefoniere sehr viel öfter mit M., was für mch anstrengend ist.
Jedes, wirklich jedes Gespräch mit irgenwem hat die „aktuelle Situation“ zum Thema, direkt oder unterschwellig. Alle Gespräche sind ernster, man hört überall den besorgten und erschöpften Unterton heraus.
Jede Interaktion, egal ob am Telefon, per Mail oder persönlich trägt angespannte, verkrampfte, besorgte Züge. Ich kann mich gegen Emotionen nicht gut abgrenzen und nehme diese Energien auf wie ein Schwamm, ich kann nicht anders, und sie machen was mit mir, und das ist nichts Gutes.
Ich brauche extrem viel Energie, um dieses ganze Zeug, das mir von anderen Menschen momentan en masse frei Haus geliefert wird, abzuwehren, zu verarbeiten, nicht an mich ranzulassen.

Dazu kommt ganz klar ein neues Level im Spiel „Existenzielle Sorgen“. In der Regel weiß ich jeden monat, wo Geld herkommen könnte, was ich wann fertig haben und berechnen muss, damit eine Zahlung rechtzeitig vor Monatsende eintrifft.
Jetzt ist alles unsicher, denn ich weiß nicht, wer überhaupt zahlen kann, und welche Projekte in den nächsten Wochen überhaupt realisiert werden sollen. Die drohende Rezession ist ein weiteres Damoklesschwert: Wenn es in guten Zeiten schwierig ist, wie soll es dann in anstrengenden Zeiten werden?

Nach außen ist also alles beim Alten geblieben, aber das fragile Gleichgewicht im Innern ist nachhaltig gestört, die ohnehin vorhandenen Ängste und Sorgen verstärkt, während die zur Verfügung stehende Energie durch Selbstschutz aufgebraucht wird und nicht mehr zur Existenzsicherung ausreicht.

* * * * *

Morgens eine kleine Einkaufsrunde zum Lakritzladen und in den anderen Supermarkt. Es ist ein Gang durch Extreme: Während im kleinen Lakritzladen kein anderer Kunde ist und ich in Ruhe von einer entspannten und gut gelaunten Verkäuferin bedient werde, die am Ende lieber Bargeld hat als mit EC-Karte bezahlt wird (wegen der Gebühren und weil es leichter abzurechnen ist) und dieses Bargeld sogar anfasst („natürlich wasche ich mir hinterher die Hände, aber das reicht doch auch!“), findet im Supermarkt das statt, von dem ich schon gelesen und gehört, es selbst aber noch nciht erlebt hatte:
Einlasskontrolle, ein Kunde raus, einer rein, die Griffe der Einkaufswagen werden desinfiziert, und gleich hinter dem Eingang steht ein Spender, an dem man sich die Hände desinfizieren muss. Drnnen ist es angenehm leer, aber in den engen Gängen ist es schwierig, Abstand zueinander und zum Personal zu halten, das herumwuselt und Regale einräumt.
Auch hier ist keine Hefe zu bekommen, dafür H-Milch in Vollmilch (sonst überall nur Magermilch). Ansonsten sind die Regale gut bestückt.

Der eine Blumenladen hat geöffnet, aber ich mag die Besitzerin nicht; „unser“ Blumenladen hingegen ist geschlossen. Schade, ich hätte ihm gern etwas Geld zukommen lassen.

Wieder zu Hause tue ich das, was mir morgens schon kurz durch den Kopf schoss: Ich gebe mir frei. Ich werde nichts von dem machen, was ich mir vorgenommen hatte, es sei denn, mich packt wider Erwarten plötzlich unbändige Lust darauf. Also kein Anruf bei M., um über die geschrottete Geschenkkarte zu diskutieren und Lösungen zu finden, kein erneuter Stundungsantrag beim Finanzamt, weil der erste zu früh gestellt wurde, kein Angebot an den unangenehmen Kunden, kein Programmieren von Details, die momentan sowieso niemandem auffallen.
Nichts davon muss heute gemacht werden, also bleibt es jetzt liegen.

Ich fühle mich sofort besser und verbringe den Nachmittag mit digitalem Aufräumen (Browsertabs, RSS-Feeds, Nachrichten), essen, lesen, schlafen, Fotos sortieren und bearbeiten.

Ich fühle mich wie an einem Freitag, wenn die Woche zu Ende geht, ich noch Mails checke, ob irgendwelche Katastrophen ein schnelles Eingreifen erfordern, aber ansonsten schon Wochenendstimmung herrscht.

Abends ein langes Gespräch mit H. darüber, was mich momentan anstrengt und belastet. Er empfindet das alles ganz anders und schützt sich momentan mit einer Das-geht-mir-am-Arsch-vorbei-Haltung, die ich ihm nicht ganz abnehme, aber jeder hat halt seine Bewältigungsstrategien, und diese ist mir lieber als grüblerisches Versinken in depressiven Stimmungen.

Woran ich mich erinnern will:
Spaziergang im sonnigen Frühlingstag. Mir fehlt Kindergeschrei in der Ferne.

What I did today that could matter a year from now:
Rausgehen.
Abstand halten.
Ausruhen.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Sonne.
Frühling.
Die neue Bluse anziehen und mich schön fühlen.
Reden.
Kontakt aufnehmen.
Normalität spielen.
Frei nehmen.

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