Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Irgendein Tag

9. April 2020. Donnerstag. Gründonnerstag. Gedenken an das letzte Abendmahl Christi mit sienen Jüngern am Vorabend seiner Kreuzigung.

Aufgestanden um 5:20 Uhr. Ausgeschlafen aber nicht gerade hochmotiviert.
Nachdem sich gestern wie Freitag anfühlte, habe ich heute Samstagsgefühle. War dann eine kurze Woche: Montag, Mittwoch, Freitag, Samstag… Und jetzt kommt vielleicht ganz viel Sonntag.

„Ich hatte gerade übrigens ein ganz deutliches Freitagsgefühl, während ich dies schrieb, aber wie es mit den Gefühlen so ist, sie kommen und gehen. Wie die Wochentage. Man kann über beides hinwegmeditieren. Und morgen ist dann wieder irgendein Tag.“
(Maximilian Buddenbohm: Links am Morgen, 8.4.2020)

Um7:00 ein Anruf von M., die ein winziges Computerproblem hat und bass erstaunt ist, warum ich nicht auf ihre „Notruf-Mail“ von vor einigen Minuten reagiert habe, wenn ich doch wach bin. Ich erkläre, dass und warum ich Mails erst ab einer bestimmten Uhrzeit lese, und das wird für den Moment akzeptiert.

Ein Freund, der ängstlich und auch etwas hypochondrisch veranlagt ist, hat eine SMS an sein halbes Adressbuch verschickt mit Impftipps, wo man noch Impfstoff (gegen Pneumokokken und anderes) bekommen kann und wie das zu behandeln sei (kühlen). Ich schreibe ihm zurück, bedanke mich und drohe ihm zwischen den Zeilen mit dem Ende unserer Freundschaft, sollte er M. damit behelligen, zu der er auch Kontakt hat. Ich habe genug damit zu tun, sie momentan zu Hause und bei Laune zu halten, ich brauche jetzt keine zusätzliche Verunsicherung, und erst recht kann ich es nicht brauchen, dass sie jetzt in einem verseuchten Arztwartezimmer sitzt, um sich gegen etwas impfen zu lassen, was sie gar nicht bekommen würde, wenn sie zu Hause bliebe.

Ich habe das alles so satt.

Eine innere Unruhe treibt mich relativ früh aus dem Haus und zum Einkaufen. Heute steht der andere Discounter auf dem Programm, es gab da ein paar Dinge bei den Donnerstags-Aktions-Angeboten, die mir zusagten.

Der Weg dorthin durch den sonnigen Frühlingsmorgen war wieder Erholung pur, das frühzeitige gegenseitige Ausweichen klappt immer besser, wobei man sagen muss: je jünger, desto schlechter. Wie sich wohl die Alten fühlen, wenn man bei ihrem Anblick einen großen Bogen schlägt? Fühlen sie sich rücksichtsvoll gewertschätzt oder wie Aussätzige? Vermutich, wie immer, je nach Charakter, die eine so, der andere so. Ich bemühe mich darum, einen freundlichen Augenkontakt herzustellen, mit einem Lächeln das seltsame Verhalten ins rechte Licht zu rücken, aber 95% der Leute starren einfach nur geradeaus. Vermutlich nur angespannt, konzentriert, hilflos und überfordert wie wir alle.

Vor dem laden eine Schlange, für jeden, der rausgeht, darf einer rein, die Wagen werden nicht desinfiziert, aber auf dem Packtisch steht eine Flasche Desinfektionsmittel und eine Packung Papiertücher, wer beim Einpacken sich oder die Lebensmittel desinfizieren möchte, hat also die Gelegenheit dazu.
Das Abstandhalten an den Kassen funktioniert dank der auf dem Boden aufgeklebten Markierungen reibungslos, in den Gängen oder vor den Brotboxen nicht so  gut. Old habits die hard.
Viel Mundschutz sehe ich hier, vor allem bei den jüngeren und mittelalten türkischen Frauen.

Ich verabschiede mich freundlich vom Security-Mann an der Tür, die haben es ja auch nicht leicht, obwohl, ich habe noch keine Anfeindungen oder Auseinandersetzungen beobachtet. Aber so angespannt wie alle sind, reicht vermutlich ein kleiner Anlass, ein Missverständnis, eine unklare Formulierung, um einen erregten Wortwechsel zu provozieren.
Aber noch stimmt das Framing, noch greift das Narrativ des „Sie/Wir machen das alles, um uns und andere zu schützen“.

Dann begebe ich mich auf einen längeren Fußweg ans andere Ende der Haupt-Einkaufsstraße meines Viertels, vorbei an sehr vielen geschlossenen Läden („vorübergehend“, „bis auf weiteres“, „bis zum 19. April“) und einigen offenen („wir haben dür Sie geöffnet!“, „bitte Abstand halten“, „bitte das Geschäft einzeln betreten“). Zur Grundversorgung gehören neben Apotheken, Arztpraxen, Supermärkten und Bäckereien auch die Reinigung (aber nicht die Änderungsschneiderei), Spätis und Zeitungskioske, Imbisse, Süßwarenläden (aber nicht die Nussröstereien), Poststellen, Handy-Läden und Pfandleihhäuser („derzeit kein Verkauf“). Ein Blumenladen hat offen, der andere zu, da war die Regelung wohl nicht so eindeutig.

Am anderen Ende der Straße wartet die Lebensmittelabteilung des Kaufhauses auf mich. Hier war ich in den letzten beiden Wochen zweimal, und es war jedesmal ein sehr entspanntes Einkaufen. Heute war es der Irrsinn.
Wegen Ostern herrschte natürlich größerer Andrang, und man hatte sich ein Konzept überlegt, die Menschenströme zu lenken, aber das funktionierte aus Platzmangel nur sehr bedingt. Abstandhalten war in und neben der Warteschlange so gut wie unmöglich, die Ausgänge wurden durch auf Einkaufswagen Wartende blockiert, es war vollkommen unübersichtlich, welche Schlange auf was wartete: auf Zugang zu Einkaufswagen, zum Zeitungsstand, zum Backstand, zum Spargelstand oder zur Wagenrückgabe. Und natürlich kam es wegen der Enge, der unübersichtlichen Situation und der blankliegenden Nerven zu einigen Aufgeregtheiten auf Seiten der Kunden und der Security-Menschen.
Immerhin bekam ich – dieser Laden war die letzte Möglichkeit – Hefe. Es wird also einen Osterzopf geben.

Draußen musste ich erstmal durchschnaufen, der Aufenthalt mit vielen Menschen auf relativ engem Raum stresst mich doch sehr. Immerhin, es schien die Sonne, die Vögel sangen, und auf meinem Heimweg waren wenig Menschen unterwegs, so dass ich fast ganz normal und entspannt gehen konnte.

Kurz mit H. gesprochen, ein paar Dinge geklärt, bevor er rüber in sein Büro geht und bei einer Kleinigkeit beinahe die Nerven verloren. Nach wie vor alles sehr fragil, ich muss auf mich aufpassen.

Kurzes Telefonat mit der Lieblingskundin, dann zum Runterkommen erstmal Internet lesen und Fotos bearbeiten.
Eine Kundin hat auf Links in einer Spam-Mail geklickt und hat nun Angst, sich „etwas“ eingefangen zu haben, und ich schreibe ihr ein paar Tipps, was sie unternehmen kann.
Bei H. hakt es mit der Online-Steuererklärung mit MeinElster (nachdem wir jahrelang alles mit Elster-Formular erledigt hatten, was seit diesem Jahr nicht mehr geht, ist der Umstieg gewöhnungsbedürftig), ich helfe per Fernwartung.
Eine Kundin möchte gerne über Ostern an ihrer Website arbeiten und Inhalte einpflegen und braucht dafür vorher noch ein paar Einstellungen von mir, die ich ihr schon eine ganze Weile versprochen habe, also erledige ich das noch, und dann ist auch schon wieder Schluss mit Arbeit.

P. ruft an, um sich für sein Päckchen zu bedanken, das heute endlich angekommen ist. In der Zeit hätte ich es täglich zu Fuß hintragen können, liegen doch zwischen meiner und P.s Wohnung gerade mal gute 10 km: Montag Vormittag aufgegeben, Dienstag Nachmittag im 30 km entfernten Verteilzentrum angekommen, Mittwoch Mittag in der wiederum 30 km entfernten „mechanisierten Zustellbasis“ angekommen, Donnerstag Vormittag ins Zustellfahrzeug geladen und Donnerstag Nachmittag endlich beim Empfänger ausgeliefert. Ja, es ist wohl viel los bei der Post.

Duschen und dann M. anrufen und eineinviertel Stunden plaudern. Es geht ihr besser, einerseits gewöhnt sie sich, andererseits schafft sie sich selber kleine Freiräume und nimmt ihr Leben wieder mehr in die Hand. Ist halt doch etwas grundlegend anderes, ob jemand selbst sagt „Das ist mir zu riskant, da bleibe ich zu Huase“ oder ob jemand anderes das sagt: „Bleib zu Hause, das ist zu riskant für Dich“

Essen machen (Spargel, Schinken, Salzkartoffeln, Hollandaise) und jetzt: ein laaanges Wochenende.

Woran ich mich erinnern will:
Ruhe bewahren. Den eigenen Stress bei anderen auszulassen bringt niemandem irgendwas, nicht mal kurzzeitige Erleichterung. Lernen, sich selbst zu deeskalieren.

What I did today that could matter a year from now:
Rausgehen.
Enger Kontakt mit Menschen und angehaltenem Atem.
Jemandem sagen: „Mach, was Du willst, aber wenn ich diejenige bin, die Dir das Ding nach Hause gebracht hat, das kann ich mir mein Lebtag nicht verzeihen!“

Was wichtig war:
Sonne.
Ruhe.
Kleine freundliche Kontakte, ein Lächeln – we are all in it together.

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