Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Gedankenwust

15. Mai 2020. Freitag. Ist der Monat auch schon wieder halb rum. Ich muss dringend mal einen Blick auf die Finanzen werfen, es kommt nichts rein, und heute will die Krankenkasse schon wieder Geld.

Geschlafen bis 7:20, das hatte ich eine Weile nicht. Die Nacht war ok, H. war lange auf, störte mich aber nur wenig, nicht mal durch sein Schnarchen als er irgendwann im Morgengrauen ins Bett kam.
Ich träume jetzt wieder, kann mich morgens aber nicht an die Handlung erinnern. Egal. Hauptsache, der Kopf räumt auf.

Der Tag startet mit Rechner-Geholper, das häuft sich in letzter Zeit. Kleinigkeiten funktionieren plötzlich nicht oder brauchen unendlich lange, währenddessen pumpt der Rechner als müsste er gerade die Weltformel errechnen. Heute wollte er nicht drucken, Neustarts dauerten ewig, eine Systemanalyse erbrachte zunächst nichts, dann stürzte das Analyseprogramm ab. Hm. Heute scheinen wir speziell ein Problem damit zu haben, aus Firefox zu drucken. Hauptsache, es wird nicht langweilig.

Der schwer lungenkranke Vater, Hochrisikogruppe wegen Alter und diverser chronischer und Vorerkrankungen, braucht Hilfe beim Aufbau eines Gewächshauses. Was macht man da? Verweigere ich mich, holt er sich einen Bekannten, der über 80, klapprig und leicht dement ist. Mir die beiden vorzustellen, wie sie abwechselnd von der Leiter fallen und sich die Knochen brechen, ist auch keine gute Option. Also werde ich morgen hinfahren und auf möglichst strenge Einhaltung der Regeln achten: Maske, Abstand, nur schauen, nicht selber bauen, Kaffee trinken nur draußen. Und mir ein eigenes Handtuch mitbringen. Und Desinfektionsmittel.
Wie schützt man Menschen, die nicht geschützt werden wollen? Auf meine diesbezügliche Frage kam nur „So ein Quatsch.“ Ja nun. Auch lange erfolgreich beiseitegeschobene Eltern-Kind-Konflikte brechen nun gerne wieder auf.

* * * * *

Diese Beobachtung von Frau Novemberregen kann ich 100%-ig unterschreiben:

Heute bin ich gleich mehrfach in Situationen geraten, in denen mir ein Problem geschildert wurde und ich ein paar Lösungsvorschläge darreichte und das war jedes Mal ganz falsch, denn es war gar keine Lösung erwünscht. Es war Jammern und empathisches Zuhören erwünscht.

Nun denke ich mir: meine Güte, langsam müssten mich alle gut genug kennen, um zu wissen, dass ich dafür nicht die richtige Ansprechpartnerin bin! Allerdings denke ich mir auch: meine Güte, langsam müsste ich diese Situationen doch rechtzeitig erkennen!

(Donnerstag, 14. Mai 2020, novemberregen.blogger.de)

Jammern und empathisches Zuhören. Darin bin ich gut, wenn ich es vorher weiß. Wenn ich zum Beispiel in eine Kneipe gehe und jemanden treffe, der auf meine Frage „Und, wie geht’s?“ herumdruckst oder gleich sagt „Schlecht“. Ok, dann bin ich vorgewarnt. Wenn jemand aber sein Sympathiebdürfnis mit vorgeschobenen scheinbar sachlichen „Problemen“ oder Schwierigkeiten tarnt, dann komme ich damit nicht klar:
„Wie kommst Du mit xy voran?“ – „Gar nicht, denn z geht nicht.“ – „Oh, ok, hast Du es mal mit abc versucht?“ – „Immer weißt Du alles besser, das kotzt mich an, dieses Oberlehrerhafte! Manche Menschen haben eben einfach Probleme, das willst Du nicht akzeptieren!!1!11“

Passiert mir leider öfter, interessanterweise immer mit denselben Personen (die ich persönlich eher zum narzisstischen Persönlichkeitsspektrum zähle).
Ich hasse das.

* * * * *

In der Arbeit heute wenig Arbeit, nur die Auseinandersetzung mit einem schwierigen Kunden, der sich nur alle Jubeljahre mal meldet und mich dann gerne gönnerhaft mit etwas beauftragt, das ich ihm vor Monaten angeboten hatte, das nun aber einfach nicht mehr passt, weil sich inzwischen etliche Rahmenbedinbgungen geändert haben. Heute also mittelfreundlich darauf hingewiesen, dass mein Angebot vom letzten Oktober so keinen Sinn mehr macht, weil die technische Entwicklung weitergegangen ist. Wäre es sein Vater, der fast 80-jährige Firmenpatriarch, würde ich das schlucken und ruhig und freundlich erklären, aber von dem Mittvierziger, der in England und den USA studiert hat und sich gerne etwas auf seine Weltläufigkeit, seine Technik-Affinität und sein nicht selbst verdientes Geld einbildet, bin ich sehr viel ungeduldiger. Dummheit gepaart mit Arroganz ist für mich ein sehr explosiver Cocktail.

Später rief dann die Lieblingskundin an, die sich für nächste Woche „abmelden“ wollte – man hatte kurz entschlossen einen Mini-Urlaub im Wohnmobil angesetzt, jetzt, wo das wieder geht, der ganzen Familie falle wegen Home-Schooling und -Office die Decke auf den Kopf.
Da ich ja auch schon überlegt hatte, mal eine Woche frei zu nehmen, denke ich darüber nach, das einfach inoffiziell nächste Woche zu machen. Also ansprechbar sein für alles, was Geld bringt, aber wenig arbeiten und mir selbst ein wenig Urlaubsfeeling gönnen: Rausgehen, spazieren, vielleicht mal irgendwohin fahren, draußen Kaffee trinken, eine Ausstellung besuchen usw. Das geht ja seit dieser Woche alles wieder, und da ich ohnehin auf Abstand achte, sollte das wohl möglich sein.

Ansonsten heute geplant, Browsertabs aufgeräumt, gespielt, Yoga, etwas Haushalt (Betten beziehen, saugen, Wäsche waschen, Geschirr spülen) und ein Mittagsschläfchen gemacht.
Zum ersten Mal seit langer Zeit wieder so etwas wie Euphorie und (Vor-)Freude gespürt.

Woran ich mich erinnern will:
Showing up is half the battle.

What I did today that could matter a year from now:
Zu Hause bleiben.
Entscheiden, morgen einen Besuch zu machen.

Was wichtig war:
Grenzen ziehen.
Mir selbst treu bleiben.
Mich ernst nehmen, um von anderen ernst genommen zu werden.
Ausruhen.
Hausarbeit.
Ordnung.

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