Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Rausgehen und Käsekuchen essen

22. Mai 2020. Freitag. Um fünf bei gelblichem Licht aufgewacht. Das war gut, denn so habe ich was vom Tag. Und das war nicht so gut, weil ich mich wirklich nicht ausgeschlafen fühlte. Sonnenaufgang über den Häusern am anderen Ende des Platzes. Es ist ruhiger als an einem normalen Werktag. Das vorletzte lange Wochenende in diesem an Feiertagen reichen Monat (1. Mai, 8. Mai, Himmelfahrt, Pfingsten). Ich weiß nicht, wie ich durch den Sommer kommen soll.

Eventuell für nächste Woche mal eine Verabredung mit M. machen. Man muss ja nun den Sommer nutzen, denn wenn Die Zweite Welle nicht jetzt kommt, dann doch gewiss im Herbst/ Winter, wenn die Menschen zwangsläufig wieder in Innenräumen enger aufeinander hocken und sowieso witterungsbedingt anfälliger für Krankheiten sind. Also lieber jetzt rausgehen, Dinge anschauen, Sachen erleben, Menschen treffen (natürlich mit Abstand) und den Speicher füllen, auf dass wir im Herbst wieder in die Isolation gehen können.

Vormittags etwas gearbeitet und beim großen haarigen Update zwei Schritte weiter gekommen. Ja, es zieht sich, und ich bewundere die Geduld des Kunden, vor allem weil bei jedem Schritt neue Probleme und weitere Kosten um die Ecke kommen.

Auch ein Stündchen am neuen privaten Projekt gearbeitet (einer Datenbank für architektonische Objekte).

Nachmittags zwei Stunden raus, die sich wie drei oder vier anfühlten, es fand also wohl ein Erholungseffekt statt: Zuerst einkaufen im Discounter, dann vollbepackt zurück und im kleinen Café am Platz den letzten Tisch draußen eingenommen und Milchkaffee und ein risiges Stück Käsekuchen schnabuliert.
A. kommt vorbei, wir plaudern kurz, vor allem über den D., den wir beide mehrere Jahre nicht gesehen hatten, zu dem ich aber immerhin Anfang des Jahres mal Kontakt per Mail und SMS hatte.

Es ist so wunderbar, dort zu sitzen und erst jetzt merke ich, dass mir das doch gefehlt hat, obwohl ich es „normalerweise“ auch gar nicht so oft tue / getan habe.
Und ich frage mich: Spricht man nun von Vor-Corona-Zeiten in der Gegenwart, weil man denkt, es geht ja nach einer kurzen (oder etwas längeren) Unterbrechung einfach weiter? Oder in der Vergangenheit, weil „es“ nie wieder so sein wird wie vorher? Die Zeit wird es zeigen.

Zu Hause im Treppenhaus stehen mehrere Kisten mit unansehnlichem Gemüse. Eine Bewohnerin der WG im ersten Stock geht regelmäßig „food saven“ (so nennen sie es) und bringt Gemüse oder Brot mit, das im nahen Biomarkt als unverkäuflich aussortiert und verschenkt wird. Im Frühjahr gab es schon mal eine Riesenladung Bärlauch, vor einigen Wochen Unmengen Pastnaken und Champignons, heute stehen da schrumplige Möhren, angedrückte Tomaten, leicht angewelkte Radicchioblätter, sehr schrumplige Rote Bete, keimende kleine Kartöffelchen, angedrückte große rote Äpfel und eine Unmenge Pastinaken, die nur ein wenig gummiartig scheinen.

Ich packe mir also Taschen und Tüten voll, denn das sind alles gute Sachen, und ein bisschen angeschrumpelt ist ja nicht schlecht. Fehlen halt ein paar Vitamine, aber lecker ist’s trotzdem.

Aus den Pastinaken werde ich eine Art Suppe kochen, die kann man einfrieren und bei Bedarf mit frischen Pilzen, Fleisch oder Garnelen verfeinern. Den Radicchio werde ich mit Schinkenwürfelchen und Balsamico angaren und ebenfalls einfrieren, das ist super zu Nudeln. Die Kartoffeln werden gewaschen und dann als Pell- oder Backkartöffelchen zubereitet, die Möhren und die Rote Bete fliegen in die fürs Wochenende geplante Suppe, die Äpfel ins Müsli oder ich mache Apfeltaschen mit dem Paket Blätterteig, das noch im Tiefkühler liegt. So haben wir dann für lau ein paar Essen rausgeholt, und es landen fünf Kilo Lebensmittel weniger im Müll.

Abends zum ersten Mal seit Wochen ausgesprochen gut gelaunt und optimistisch.

Zum Abendbrot die ersten Kartöffelchen aus der Pfanne, dazu die restlichen Fertig-Frikadellen, die letzte Woche eigentlich Wandertags-Proviant sein sollten, und den restlichen Roma-Salat mit den welkesten Radicchio-Blättern.

Woran ich mich erinnern will:
Es gehen wieder kurze freundlich oder frotzelnde Wortwechsel mit fremden Menschen im Supermarkt oder auf der Straße. Alle haben sich etwas entspannt. Man gewöhnt sich an die neue Realität, egal ob man glaubt, es sei nur ein Zwischenspiel oder ein neuer Lebensabschnitt.

What I did today that could matter a year from now:
Rausgehen.
Kontakt.

Was wichtig war:
Pläne verfolgen.
Abwechslung.
Mit Menschen sprechen.
Draußen sitzen und Kuchen essen.
Das Leben anschauen und ein Teil sein.

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