Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der perfekte Tag

27. Mai 2020. Mittwoch. Um kurz vor fünf wach mit einer Idee für das Problem, das gestern Abend noch per Mail reinkam. Zwei Stunden recherchiert, überlegt, erklärt, dann steht das Konzept und ein konkretes Angebot. Hoffe, nichts Wichtiges übersehen zu haben.

Die Kundin lehnt es später halb ab, aber wohl eher wegen der Kosten, nicht, weil sie nicht will. Schade, so halb hätte es mir Spaß gemacht, so etwas hier in diesem fast geschützten Raum mal auszuprobieren. Vielleicht mache ich ein privates Projekt draus und versuche nochmal, damit etwas umzusetzen, an dem ich vor einigen Jahren für eine andere Kundin gescheitert bin…

Dann eine halbe Stunde veralteten Code auf einer Website repariert und eine Stunde ein Pamphlet geschrieben, warum es keine gute Idee ist, eine „wartungsfreie“ Website anzustreben, und warum es das nicht geben kann.

Dann eine Stunde Kleinigkeiten an zwei Webistes geändert.

Dann war es elf, ich hatte schon viereinhalb Stunden Projektarbeit gemacht, und nun war es Zeit, M. im kleinen Café um die Ecke zu treffen. Wir wollten aufgrundderaktuellensituation draußen sitzen, aber das war nur eine mittelgute Idee, denn in meiner Straße wurden Bäume geschnitten und die Äste geschreddert, und in der Luft waberten gigantische Mengen feinsten Holzstaubs und machten das Atmen schwer. Letztendlich zogen wir unsere Masken als Staubschutz an. Eine gute Zweitverwendung, ebenso wie für das Ausblenden unliebsamer Gerüche, wie es Herr Buddenbohm handhabt.

Wir sitzen und reden, M. hatte ausgerechnet, dass wir uns seit über drei Monaten nicht „live“ gesehen hatten. Für mich fühlte es sich an wie Business as usual, für sie war es eine größere Sache. Aber sie leidet auch emotional ganz anders als ich. Kontakt ist wichtig für mich, auf dem Laufenden bleiben, aber das muss nicht unbedingt in persona stattfinden, Mail und Telefon sind für mich gute Ersatzkanäle.

Etwas Plauderei mit dem Sohn des Besitzers und mit einer vorbeikommenden Bekannten, dann noch eine kurze Runde zum Drogeriemarkt und zum Blumenhändler, dann verabschieden wir uns, und ich bin sicher, dieses Treffen wird noch Nachwehen haben, weil mir M. emotional etwas überfordert schien.

Wieder zu Hause war ich müde, emotionally drained und völlig überdreht vom Koffein. Ich hielt mich also nicht lange am Computer auf, checkte nur eben die Mails, erledigte noch schnell eine 5-Minuten-Anpassung und verzog mich dann mit dem e-Book-Reader ins Bett, las, schlief auch eine halbe Stunde, las weiter.

Dann war es fünf, Zeit Kartoffeln und Spargel fürs Abendbrot zu schälen, dazu ließ ich auf arte.tv die erste Folge der Serie Jordskott laufen. Darin gab es zwei Szenen, in denen die Protagonistin sich beim Joggen die Seele aus dem Leib rannte bzw. nach dem Tod des Vaters erklärte, sie erledige jetzt seinen Nachlass. Winzige Szenen, die überhaupt nicht bedeutsam für die Filmhandlung waren, aber in mir den Impuls entzündeten: Du räumst jetzt endlich das kleine Regal aus, dann kannst Du dort das große hinbauen, und es verschwinden endlich die Bücherstapel aus dem Wohnzimmer.
Nimm die Impulse, egal, woher sie kommen.

Gesagt, getan; anderthalb Stunden später, als H. kam, stand ich inmitten von Kartons und Staubwolken und räumte und packte. Und ich dachte: Das war eigentlich ein perfekter Tag – sehr früh aufstehen, bis zum Mittag die bezahlte Arbeit erledigen, dann rausgehen, an die Luft, in die Sonne, unter Leute, etwas reden, dann ausruhen, dann etwas in der Wohnung bewegen, räumen, ausmisten, dann lecker essen und dann ins Bett. Perfekte Balance. Gerne morgen wieder.

Abends im Fernsehen Das Vergangene auf ARTE. Ein Film, der ein bisschen braucht, aber wenn man dranbleibt, ist er sehr berührend und wirft genau das richtige Maß an moralischen Fragen auf, die man noch bewältigen kann: Anregung zum Nachdenken, aber nicht Überforderung und Überfrachtung. Der Film kommt fast ganz ohne Filmmusik auf, was sehr wohltuend ist.
Es sind interessante Familiengeschichten, die ich in letzter Zeit gesehen habe: Happy End, Das weiße Band und nun Das Vergangene.

Zum Abendbrot Spargel mit Kartoffeln und Schinken und Hollandaise.

Woran ich mich erinnern will:
Staub im Sonnenlicht.

What I did today that could matter a year from now:
Rausgehen.
M. treffen.
Ins Café gehen und mit dem Sohn sprechen. Eventuell ergibt sich daraus etwas Geschäftliches.
Klartext reden.

Was wichtig war:
Draußen sitzen.
Offen sein.
Ruhe bewahren.
Ruhe ausstrahlen.
Abwechslung.
Straight bleiben.

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