Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Food saving und Abstandshalter

4. Juni 2020. Donnerstag. Um halb sechs aufgestanden, es ist etwas diesig und drückend, für nachmittags ist Gewitter angesagt.
Das kommt zwar nicht, aber ein schöner kräftiger, ruhiger Landregen am späten Abend und vorher, am Nachmittag, schon mal als Vorgeschmack ein kleiner heftiger Guss.

Mein leicht modifizierter Tagesablauf pendelt sich ein: Morgenroutine (RSS-Feeds, Nachrichten, Journaling, Mail), dann eine Stunde private Kleinigkeiten (Sachen suchen und/oder runterladen, Tagesplanung, Bad, anziehen), dann anderthalb bis zwei Stunden bezahlte Arbeit, spätes „Früh“stück, noch etwas Arbeit bis H. abmarschbereit oder meine Aufgabe fertiggestellt ist, eine Stunde rausgehen, spazieren und/ oder einkaufen, verschnaufen, verrämen, Nachrichten lesen, eine halbe Stunde arbeiten, Yoga, Imbiss, nochmal anderthalb bis zwei Stunden bezahlte Arbeit, dann eine bis anderthalb Stunden Haushalt (Geschirr spülen, aufräumen, putzen, kochen), dann eine Stunde bezahlte Arbeit oder Freizeit am Computer (Internet lesen, Texte schreiben, Recherchen), dann kommt H., plaudern mit ihm, entweder Essen machen oder, wenn er kocht, nochmal ein Stündchen an den Rechner für was eben ansteht, Tagesschau, Film, essen, schlafen.

Eine Nachbarin war wieder „Food saven“, und so liegen im Treppenhaus in Kisten welke Salatköpfe, sehr weiche gelbe Tomaten, kleine Zwiebeln und Brot von gestern. Auf dem Rückweg vom Einkauf packe ich die mitgebrachten Tüten voll. Aus den Tomaten koche ich Sugo, der Salat wandert in eine Schüssel mit Zuckerwasser, in der er sich zusehends erholt, und kleine Zwiebeln brauche ich sowieso häufiger als die großen. Und das Brot geht bei uns auch weg.
Und wenn morgen noch was daliegt und alle NachbarInnen ihre Chance hatten, hole ich mir die noch brauchbaren Reste und koche Erbsen-Kopfsalat-Suppe und mehr Sugo.

Heute beim Gang durch mein Viertel allein in meiner Straße drei Geschäfte gesehen, die aufgegeben haben. Ob nun Corona „Schuld“ oder nur der letzte Tropfen war, ob die BesitzerInnen nicht sowieso schon längst aufhören wollten oder mussten, und nun passte eben einfach der Zeitpunkt – wer weiß? Bei allen drei Geschäften hatte ich mich immer schon gefragt, wovon die eigentlich ihre Miete zahlen können, denn nie, nie sah ich KundInnen darin. Eins habe ich selber ab und zu besucht (ein Fischgeschäft), aber auch da dachte ich immer: Mit dem bisschen Fisch, was der hier verkauft – wie soll sich das denn rechnen?
Finis.

Ebenfalls beim Gang durch mein Viertel fällt mir auf, wer sich an Abstandsregeln hält: es sind vorwiegend die älteren Menschen, gleichermaßen Deutsche und TürkInnen, von denen hier trotz Gentrifizierung noch eine große Anzahl wohnt (es sind Alteingesessene im Kiez, keine wohlhabenden Menschen, untere bis mittlere Mittelschicht). Türkinnen (ohne Binnen-I, denn es sind tatsächlich eher Frauen) tragen in aller Regel auch auf der Straße die Maske. Keine Ahnung, ob sie besonders ängstlich oder besonders rücksichtsvoll oder besonders regeltreu sind.

Und wer die Abstandsregeln nicht einhält, sind vor allem die Jungen, die 20- bis 35-jährigen, die Generation, die sich für unverwundbar und unsterblich hält und auch nicht auf die Idee kommt, sie könnten, trotz unverwundbar und unsterblich ganz eventuell ein Risiko für andere darstellen. Denn so sehen sie sich nicht: Als Risiko für andere. Sie sehen sich als Helden ihrer Welt, als Mittelpunkt des Universums, als Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Das ist wohl altersbedingt und man kann es bejammern oder sich darüber aufregen, aber das ist etwa so fruchtbar und hilfreich wie die Aufregung über bockige und schlampige Teenager oder übers Wetter.

So laufe ich also mit leicht ausgestreckten Armen über die breiten Bürgersteige in meinem Viertel, und die entgegenkommenden Pärchen gucken seltsam, was ihnen da für eine Irre entgegenkommt, aber sie weichen zwangsläufig aus, und mehr will ich gar nicht. Sie denken in diesem Moment vermutlich nicht mal an Corona und Abstandsregeln, sehen nur, da kommt eine Bekloppte, die müssen wir jetzt nicht noch provozieren. Mir ist’s recht.
Und wenn ich die Hände voll habe, huste ich.

Abends Reste von gestern (Butter Chicken) und Star Trek III – Auf der Suche nach Mr. Spock.

Woran ich mich erinnern will:
Die sehr alten Platanen am Ufer an der Synagoge. Wunderbares Licht.

What I did today that could matter a year from now:
Rausgehen.
Abstand halten.
Bewegung.

Was wichtig war:
Abwechslung.
Rausgehen.
Yoga.
Kochen.
Dranbleiben.
NIcht sofort reagieren, sondern nachdenken.

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