Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Winkende Gerüstbauer und ein Mansplainer

18. August 2020. Dienstag. Nachts öfter aufgewacht, jedesmal mit Kopfschmerzen. Aufgestanden um halb acht, zum Glück ohne.

Im Blumenkasten beschließen irgendwelche Zwiebelblumen, dass Frühling ist und treiben aus. Ich habe die Traubenhyazinthen in Verdacht; den Wildtulpen würde solch ein Unsinn nicht einfallen.

Das Gerüst an der Kirche ragt bis über den Dachfirst. Ob die Turmspitze auch eingegittert wird? Als wir mittags aufbrechen (H. zu sich, ich zur Post und einkaufen), mache ich ein paar Fotos. Das fällt den Gerüstbauern auf, die da ganz oben stehen, und sie schauen runter. Wollen ja vielleicht gar nicht fotografiert werden. Zögerlich winke ich, und genauso zögerlich hebt einer der Arbeiter den Arm und winkt zurück. Ein schöner Moment.

Den Vormittag verbringe ich mit dem Ausfüllen eines 8-Seiten-Formulars und dem Suchen von Unterlagen. Es geht darum, knapp 3.000 Euro nicht zahlen zu müssen, dafür sucht man dann schon auch ein bisschen. Anruf beim Finanzamt wegen ausbleibendem Steuerbescheid. Der wurde am 30. Juni verschickt. Hier kam er nie an, also kurze Klärung der Lage (ein paar hundert Euro zu zahlen), ein neuer Bescheid geht raus. Geld sofort überwiesen.

Beim Einkauf mit einem etwas jüngeren Mann (Ende Dreißig, Anfang Vierzig, das lässt sich drch die Maske schwer sagen) aneinandergerasselt. Er war so mansplaining unterwegs, stand noch an der Kasse, hatte schon die Einkäufe eingepackt und kramte nun umständlich nochmal den Geldbeutel heraus, um den Kassenzettel zu verstauen. Egal, dass er damit die Kassenschlange blockierte, er hatte Zeit und andere würden sie sich halt nehmen müssen.

Der Kassierer sah das genauso wie ich, nämlich anders und zog meine Waren übers Band. Ich trat nach hinten, um meine Waren einzupacken, damit die Leute hinter mir dann gleich abgefertigt werden können. Mansplainer gefiel das nicht, er versuchte, mir körperlich den Zugang zu versperren, indem er sich breit machte und wegzuschieben versuchte.

Anmerkung: Er hätte bequem einen oder auch drei Schritte um den Packplatz herum machen können, wegen Abstand und so. Jetzt fing er nämlich an zu schimpfen: Was denn das solle, ich solle mal nicht so drängeln, und überhaupt, was sei denn mit den Abstandsregeln?!!1!11 Ich antwortete sehr ruhig, er könne gerne ein paar Schritte beiseite gehen, dann hätten wir Abstand, ich könnte leichter packen und dann kämen wir übrigen Kunden auch alle irgendwann nach Hause.

Dass nun weder sein körperliches noch sein verbales Dominanzgehabe irgendeine Reaktion bei mir hervorriefen, also weder entschuldigendes Zurückweichen noch klein beigeben oder wenigstens zum Keifen provozieren lassen, erregte ihn offenbar über die Maßen, denn innerhalb weniger Sekunden eskalierte er komplett und begann herumzuschreien: Was für eine Frechheit das wäre! Was ich mir einbilden würde! Ich würde ja wohl mal einen Moment warten können, Himmelhergottnochmal!

Ich erwiderte ruhig, ohne ihn anzusehen, weiter meine Einkäufe verstauend, nein, das könne ich nicht, und alle anderen hier auch nicht, er könne aber sehr wohl Platz machen oder seine Zettel am dafür vorgesehenen Packtisch sortieren. Währenddessen keifte er weiter, was denn mit Abstand sei, beugte sich dann zu mir und demonstrations-hustete fünf Zentimeter von meinem rechten Ohr entfernt mit äußerster Lautstärke. Der Idiot behielt dabei natürlich seine Maske auf, während ich den Atem anhielt, um seine Rest-Aerosole nicht einzuatmen. Weiterhin ohne meine Tätigkeit zu unterbrechen oder ihn anzusehen, sagte ich nur ruhig und gelassen „Guter Mann! Ein echter Held!“ Daruafhin schrie er mir schrill ins Ohr „Blöde Kuh!!!“ raffte seine zwei Beutel zusammen und stürmte aus dem laden.

Wie gesagt, er hätte nur zwei Schritte beiseite gehen müssen, dort hätte er Platz und Ruhe gehabt und der Betrieb wäre reibungslos weitergegangen. Aber das fiel ihm nicht ein, er war auf Konfrontationskurs. Und ich wundere mich immer noch über mich selbst, dass ich mich ü-ber-haupt nicht aufregte, sondern total ruhig und entspannt blieb, was ihn vermutlich am meisten an der ganzen Sache aufregte.

Der Nachmittag war dann unaufregend: Mails schreiben, Dinge erklären, an der fertigstellung eines Projekts arbeiten. Das zieht sich aber wie Kaugummi gerade.
Imbiss, ZEIT Verbrechen anhören, Foto-Blogs lesen und 2 Kommentare schreiben (mich für Infos bedanken – WOL works), duschen, Internet lesen.

Zum Abendbrot Linsensalat mit Feta, im Fernsehen Dokus zu Terroranschlägen, „die die Geschichte veränderten“ und deren nähere Umstände. Tenor: Es ist manchmal schwer zu entscheiden, ob jemand Terrorist oder Freiheitskämpfer ist – es kommt auf die Perspektive an. Tut es das nicht immer? Und sind alle Handlungen und Opfer gerechtfertigt, wenn es sich um „Freiheitskampf“ handelt? Diese Frage wurde leider kaum diskutiert.

Woran ich mich erinnern will:
Dieser Moment mit den Bauarbeitern auf ihrem Gerüst.

What I did today that could matter a year from now:
Mich anhusten lassen.

Was wichtig war:
Ruhig bleiben.
Erklären.
Sortieren.
Lernen.
Die Hand heben zum Winken.
Wahrnehmen.
Ignorieren.

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