Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Sinn der Übung und ein Nachruf

Trigger-Warnung:
In diesem Text wird über den Tod naher Menschen gesprochen. Lesen Sie nicht weiter, wenn das Thema für Sie problematisch ist.

* * *

10. September 2020. Donnerstag. Aufgestanden um 6:18 Uhr. Weniger Panik und Stress als die letzten Tage. Ein Gefühl von Kontrolle kehrt zurück. Es räumt sich alles etwas auf.

Vormittags großes Hin und Her mit mehreren Leuten: Der Endkunde, dem die Designerin heute morgen um sieben abgesagt hat mit der (unabgesprochenen – dafür nochmal herzlichen Dank! Nicht.) Empfehlung, sich doch an mich zu wenden, sucht nun händeringend eine Agentur, die übernehmen kann. So maile und telefoniere ich mit dem Kunden und mit einer Agentur, die ich vage kenne, weil „meine“ Partner so kurzfristig keine Kapazitäten haben. Ich vermittle einen Kontakt und sitze dann den restlichen Tag auf heißen Kohlen in der Erwartung etwas zu hören.

Als ich bei der Designerin noch ein paar Sachen abfrage, die sie mir gestern als aktuellen Projektstand mitgeteilt hat, zickt sie plötzlich rum, das sei alles „ironisch“ gewesen (kennt sie überhaupt die Bedeutung des Wortes?) und „natürlich“ sei da noch gar nichts fertig und das, was fertig sei (?), würde sie auch nicht rausrücken, um jemand anderem die Arbeit zu erleichtern.
Die sie kurz vor knapp hingeschmissen hat, das muss man ja nun auch dazusagen. Und wenn ich bereits Arbeiten für den Kunden gemacht habe, dann lasse ich mir die eben bezahlen und dann kann er sie geben an wen er will.

Es geht also in erster Linie wohl nur am Rande um Krankheit, sondern mehr um Überforderung, weil sie mit diesem speziellen Kunden nie eine Ebene professioneller Kommunikation gefunden hat. Alles ok, kenne ich, hatte ich auch schon, shit happens, manchmal stimmt die Chemie eben nicht oder man startet auf einem falschen Fuß und findet einfach nie wieder die Balance. Dann ist das Ziehen der Reißleine sicher richtig und gut.

Ich würde mir halt nur wünschen, dass so etwas mit ein bisschen mehr Reflexion und Selbst-Bewusstsein geschieht (im Sinne von sich selbst bewusst machen, welches Problem man gerade hat und warum velleicht und was man dagegen tun kann, ohne sich wie ein Arsch zu verhalten).

\* Rant Ende */

Ich habe dann nichts mehr gehört, hatte aber auch so genug zu tun: Nochmalige Nachfragen der Lieblingskundin zu Randthemen, M. via Telefon und Fernwartung helfen, die Daten, die sie in K. braucht, auf einen USB-Stick zu kopieren, mit P. wegen H.s Geburtstag sprechen.

Zwischendurch Reisevorbereitungen: Die letzte Wäsche waschen, Geschirr spülen, den Kühlschrank aufräumen und noch vorhandene Trauben zu Gelee verkochen, dabei die neue „Flotte Lotte“ ausprobieren.

Nebenbei auf die neu installierten Warn-Apps gelauert, nachdem auf meinen üblichen Medienkanälen zum Warn-Tag genau nichts passierte; die Meldung kam auch, eben eine halbe Stunde später, wie ja in der Presse genüsslich breitgetreten.
Ich verstehe nicht, wie man diesen Warn-Tag als „missglückt“ oder gar „Misserfolg“ werten und nun hämisch spotten kann – in meinen Augen war er ein voller Erfolg: Wir wissen jetzt, wo es hakt, wo nachgebessert werden muss, wo man vielleicht zu optimistisch war, wo mehr Ressourcen oder klarere Regeln benötigt werden. DAS IST DOCH DER SINN DER ÜBUNG!!! Hätten all die Spötter das lieber erst herausgefunden, wenn irgendwo tatsächlich eine Chemiefabrik explodiert?

Am Nachmittag Kleinkram von der Liste abarbeiten: Hier ein paar nicht benötigte Seiten löschen, dort eine Darstellungsmacke auf Tablets korrigieren, an anderer Stelle ein Kontaktformular noch ein bisschen spamsicherer machen und ganz woanders ein Menü mit dezenten Animationen aufhübschen.

Zum Ausgleich heute zwischendurch immer wieder im belgischen Staatsarchiv gestöbert und ein paar Kirchenbücher auf mögliche Vorfahren durchsucht. Jemand hatte da eine Verbindung zwischen zwei Familien hergestellt, die ich nicht so ganz nachvollziehen kann, die aber viel erklären würde. Beweise fand ich leider keine, ich muss also mal nachfragen, ob das kreatives Raten war oder irgendeine Quelle, die er nicht aufgeführt hat.
Es bleibt spannend.

* * * * *

Abends kommt H. geknickt vom Kundentermin. Ich frage, wie es gelaufen sei. Gut, antwortet er, aber ich habe Neuigkeiten über die von unten (er meint die Nachbarn in der Wohnung unter mir): Die sind beide tot.

Was für ein Satz.
Es ist ein türkischstämmiges Ehepaar in den 60ern, die seit Mitte der 1970er Jahre in dem Haus wohnt und hier zwei Söhne großgezogen hat. Er hatte mal einen schweren Motorradunfall verursacht, wodurch sie schwer verletzt wurde und zahlreiche Knochen in den Beinen transplantiert bekam. Danach war sie gehbehindert und bewegt sich seit Jahren nur noch im Rollstuhl fort, den ihr lungenkranker Mann mühsam täglich die zwei Etagen nach unten zur Straße schleppte und sie damit spazierenfuhr.

Jeden Sommer fuhren sie für ein paar Monate in die Türkei, „Sonne tanken“, wie sie es ausdrückte. Es war wohl eher die Sehnsucht nach dem dörflichen Leben im eigenen Häuschen mit ein paar Hühnern und netten Nachbarn.

Vor einigen Wochen traf H. den Sohn, der in der Abwesenheit der Eltern immer die Wohnung betreut und kleine Renovierungen ausführt. Da erzählte der, der Vater habe vor wenigen Tagen einen Schlaganfall gehabt, liege im Koma und könne nun kaum noch alleine atmen. Die Mutter habe daraufhin einen Zusammenbruch erlitten und sei ebenfalls im Krankenhaus.

Und nun sind also beide tot. Der Vater starb nach wenigen Tagen Intensivpflege, die Mutter, für deren Rückholung nach Berlin der Sohn schon alles organisiert hatte, gab kurz darauf auf. Sie hatte schon immer ein Nierenproblem, und das war auch die offizielle Todesursache: Nierenversagen aufgrund des Schocks.

Aber alle, die sie kannten sind sicher: Ohne den Vater wollte und konnte sie nicht mehr leben.
Vielleicht gar nicht so sehr aus Liebe, das weiß ich nicht, aber sie wirkten nicht wie ein liebendes Paar.
Aber ohne ihn wäre sie hier in Deutschland auf ein Pflegesystem angewiesen gewesen, in dem sie sich noch fremder als in ihrem normalen Alltag gefühlt hätte. Herausgerissen aus der Umgebung, in der sie den Großteil ihres Lebens verbracht hatte, hätte sie niemanden zum Reden oder für gemeinsame Unternehmungen oder die tägliche Runde gehabt bis auf die Söhne, die sie am Wochenende im Heim besucht hätten.
So wollte sie nicht leben. Und ist gegangen.
Und nun sind also beide tot.

* * * * *

Zum Abendbrot Maultaschen mit geschmelzten Zwiebeln (nein, unsere Familie schreibt das mit „e“!) und Salat.

Auf rbb Die Verlegerin (2017). Sehr gut gemachter Film (natürlich), trotzdem verschlief ich zwischendurch wohl einen Teil. Der Tag war zu anstrengend. Auch ging mir das etwas dick aufgetragene Pathos hinsichtlich der Rolle der Presse und der Pressefreiheit etwas auf die Nerven, aber vielleicht muss man das in Amerika heute so machen. Und, mein Gott, ist Tom Hanks alt geworden… 😉

Woran ich mich erinnern will:
Gelernt: ich lasse mich von Aufregung gern anstecken, komme dann aber hektisch und panisch rüber, obwohl ich eigentlich freudig bitzele. Vielleicht bilde ich mir das freudige Bitzeln nur ein und ich bin tatsächlich hektisch und panisch? Nur eben hektisch und panisch mit gleichtzeitigem Endorphin-Schub? Anklänge von Hysterie?

What I did today that could matter a year from now:
Einen Kontakt herstellen.

Was wichtig war:
Abwarten.
Zuhören.
Aktiv werden.
Mich ablenken.
Aufräumen.
Den Kopf mit verschiedenen Dingen beschäftigen.

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