Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Erster Tag vom Endspurt

19. Oktober 2020. Montag. Aufgestanden um halb sechs. Der frühe Vogel undsoweiter. Ich habe sattes Programm und möchte am Nachmittag Schluss machen, um rauszugehen. Einkaufen oder wenigstens eine Runde um den Block drehen, um Fotos zu machen.

Carsten K. schlägt eine Notiz am Badezimmerspiegel vor, die ich mir auch sehr schön als Gravur vorstellen könnte: „Die Schönheit des Alters wird oft unterschätzt. Hier kommt sie zur Geltung.“ (via Alltägliches + Ausgedachtes: Woche 41: Vielleicht nicht mehr lange, 12.10.2020)

Der Arbeitstag startet dann doch früher als geplant, denn bereits vor sieben trudeln erste Fehlermeldungen der Lieblingskundin zum gestern online gegangenen Großprojekt ein. Aus GRünden muss ich da tatsächlich mal sehr zeitnah reagieren, hocke also bereits um sieben wieder an meinen Programmen und brüte über Code.

Dann eine schnelle Recherche, wie ich eine etwas knifflige Anforderung beim GroßenGrausigenProjekt lösen könnte, bis um halb neun die betreffende Agentur anruft nd mir neue Unbill ankündigt: Der Kunde verstht offensichtlich Internet nicht und hat jetzt ganz wahnsinnige Wünsche, die es eigentlich erforderlich machen, mal eine ausgiebige Beratungs- und Informationsrunde einzulegen.Dafür hat momentan aber niemand Zeit, am wenigsten der Kunde, der darauf besteht, dass alles zum Ende des Monats fertig und online ist. Gleichzeitig weigert er sich aber, den Fachleuten einfach mal für einen Moment zu vertrauen, das ist gerade schwierig.
Schade, die bisherigen Kontakte in den letzten sechs Jahren waren eigentlich immer nett und unaufgeregt, aber jetzt sind da ein paar neue Leute im Boot, da bimmelt mein Narzissmuss-Alarm, und zwar ziemlich laut.

Dann noch ein Telefonat mit der Lieblingskundin, ein paar Änderungswünsche, alles Kleinkram, dann ein zweites Telefonat mit der Agentur. Dort ist man offensichtlich mit dem Projektmanagement etwas überfordert, zumindest sofern es externe Dienstleister betrifft; ich muss mir die Informationen, wann ich was bekommen kann, regelrecht erkämpfen.

Dann eine Stunde Strategie und Stellungnahme und Abgrenzung und Organisation. Ich muss aufpassen, mich nicht in deren Stress-Strudel reinziehen zu lassen.

Sehr spätes „Frühstück“ um eins, esgibt den Rest Reis von gestern mit Pflaumenchutney. Der Endspurt „letzte beiden Wochen im Oktober“ geht ja gut los.

Kurze Mittagspause, runterkommen, mentales Detox-Programm.

Dann die Korrekturen für die Lieblingskundin machen, für eine Neukundin ein Webhosting-Paket beauftragen, für eine andere Neukundin die übers Wochenende eingetrudelten 27 Mails sichten, in denen sie mir Bilder für ihre neue Website geschickt hat.

Noch ein Schüsselchen Rest-Reis, etwa slesen, Kaffee trinken. Mit früh Feierabend machen und rausgehen wird’s nix.

Ich starte die Programmierung beim GroßenGrausigenProjekt, es ist etwas zäh, weil ich die Daten in anderen Formaten bekommen habe als sonst, aber ich merke, meine Planung könnte, sollte, müsste hinhauen. Schaunwermal.

Um sechs habe ich den Terrier des Kunden-Chefs an der Backe und da weiß ich wieder, warum ich nie, nie wieder in dieser toxischen Karriere-Büro-Umgebung arbeiten kann. Die spinnen doch alle.

Wir haben jetzt noch exakt neun Werktage, in dieser Zeit muss eine komplette Website aus dem Boden gestampft werden, inklusive Design (es existieren nur Teile und selbst die werden noch in Frage gestellt), Texten, Programmierung, diversen Updates, rechtlicher Überprüfung, Suchmaschinenoptimierung (wegen Wechsel der Internetadresse) und, und, und.
Und anstatt, dass sich jetzt alle mal an einen Tisch setzen und überlegen: Wie können wir das Baby schaukeln? Wie kriegen wir es hin, dass alles Hand in Hand geht und wir das schaffen, ohne dass die Hälfte der Beteiligten am 1. November einen Nervenzusammenbruch hat? Nein, stattdessen wird herumgezickt und ständig alles in Frage gestellt und es wird sich profiliert auf Teufel komm raus und ohne Rücksicht auf Verluste.

Ich habe so sehr keine Lust mehr auf diese Art der Arbeits“kultur“, und ich finde es schade, dass dieser langjährige gute Kunde nun offensichtlich auch davon befallen ist (es gibt eine Fusion mit ener anderen Firma, und da sitzen anscheinend seltsame Menschen).

Zum Glück habe ich eine relativ klar umrissene Aufgabe in diesem Konglomerat. Ich stehe zwar am Ende der Kette, und an mir hängt es letztendlich, ob der Termin gehalten werden kann oder nicht, aber ich kann mich abgrenzen, indem ich klare Vorgaben mache: Ich brauche das und das bis dann und dann, sonst könnt Ihr Euren Termin vergessen.

Zum Runterkommen Geschirr gespült und gekocht, es gibt ene Chinakohl-Hack-Pfanne, die ich mit Senf und Schmand würze, dazu Bulgur.
Im Fernsehen ein wieterer Truffaut: Die Braut trug schwarz.

Woran ich mich erinnern will:
Das Gefühl von Kontrolle und Souveränität.

What I did today that could matter a year from now:
Grenzen setzen.

Was wichtig war:
Ausgleich.
Ausruhen.
Klar kommunizieren.
Nicht von der Panik anstecken lassen.

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2 Gedanken zu “Erster Tag vom Endspurt

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