Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Männerbünde

20. Oktober 2020. Dienstag. Im morgendlichen Halbschlaf zwischen vier und fünf arbeitet das Gehirn schon wieder an Codeproblemen, und ich wache mehrmals mit einer guten Idee auf. Kurz nach fünf aufzustehen, ist mir aber doch zu früh. Bis sechs kann ich noch schlafen, denke ich und drehe mich nochmal rum. Das nächste Mal wache ich um 6:40 Uhr auf. Etwas später als gewollt, aber bitte. Schlaf ist wichtig momentan.

Der Vormittag verzettelt sich in Klein- und Orga-Kram: Nochmal kleine Korrekturwünsche im Großprojekt der Lieblingskundin (es ist genauso zäh wie es sich anhört), Fragen und Terminsetzungen im GroßenGrausigenProjekt (GGP) anbringen, ein Webhosting-Paket für eine Neukundin einrichten, mit der Lieblingskundin telefonieren, die das GGP betreuende Agentur anrufen und nachfragen, wann und von wem ich die Inhalte bekomme (Antwort: Freitag von uns. Frage: Was haben Sie denn schon? Können Sie mir das nicht schon schicken? Antwort: Wir haben erst die Texte für zwei Seiten und vielleicht ändern die sich ja noch. Ich: Seufz. Hinweis: Die Website wird an die vierzig Unterseiten haben…).

Die Lieblingskundin hätte gerne eine Übersicht, was ich für das Großprojekt noch in etwa nachberechnen werde. Also Zeiterfassungslisten wälzen, die tatsächlichen Arbeiten abgleichen mit dem Angebot und den schon abgrechneten Leistungen. Das klaut mir wieder eine kostbare Stunde (und vor allem Konzentration), aber ist natürlich auch wichtig.

Als ich mich mittags gerade eine Viertelstunde hingelegt hatte, ruft ein Kollege aus dem GGP an und berichtet von einem Telefonat mit einem der Oberchefs beim Kunden. Es ist genau wie ich gedacht hatte: Der Oberchef macht bei seinen Angestellten (es sind „zufälligerweise“ alles Frauen) unglaublich Druck; beschäftigt drei Frauen mit demselben Projekt, die anscheinend teilweise nichts voneinander wissen; keine hat irgendeine Entscheidungsbefugnis, was aber zu keinem Zeitpunkt kommuniziert wird.
Den Druck geben sie aus Angst um die eigene Karriere an die Dienstleister weiter; Vertrauen in die Komptenzen der Dienstleister ist nicht existent, weil in dem Laden offenbar generell eine Kultur des Misstrauens herrscht.

Und der Kollege? Bat um ein Gespräch mit dem Oberchef, weil es zuletzt so klang, als wolle man seine Dienstleistungen nun nicht mehr in Anspruch nehmen. Der Oberchef selbst hatte ein entsprechendes Statement verfasst.
Und nun findet also ein freundliches, entspanntes Gespräch „zwischen Männern“ statt, in dem man sich über „die hysterischen Frauen“ amüsiert und sich gegenseitig versichert, man werde das alles ganz entspannt und professionell regeln, und alle sind glücklich. Alle bis auf die Frauen, die da verheizt werden, weil sie denken, sie müssten sich von einem Narzissten manipulieren lassen, um ihre Karriere nicht zu gefährden.

Ich könnte kotzen. Vor allem, weil der Kollege das alles nicht mal ansatzweise durchschaut und mich als paranoid bezeichnet, als ich entsprechendes äußere. Voll im Buddy-Modus gegen die hysterische Weiblichkeit.
Nun gut, ich werde mir zumindest meine psychische Gesundheit bewahren und bei den Spielchen nicht mitmachen.

Mit der Mittagsruhe ist es nach dem Gespräch natürlich Essig, also mache ich mich an die Programmierung des GroßenGrausigenProjekts.
Augen zu und durch.

Abends gibt es Reste von gestern (Chinakohl-Hack-Pfanne) und auf ARTE eine Doku über die Black Panther Party.

Woran ich mich erinnern will:
Es gibt auch andere Männer.

What I did today that could matter a year from now:
Marken setzen.

Was wichtig war:
Erzählen können.
Verständnis kriegen.
Weitermachen.

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