Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Unrealistische Erwartungen

18. November 2020. Mittwoch. Aufgestanden zwanzig vor acht. So langsam glaube ich selbst, dass das Urlaub ist, denn so lange schlafe ich in Arbeitszeiten nie.

Morgens ein bisschen Kleinkram für dieLieblingskundin, um Dinge aus der letzten Woche endgültig abzuschließen (es gab nochÄnderungswünsche).

Um elf den Busgenommen und runter ins Tal in den Nachbarort gefahren, dort auf der verabredeten Bank eine Viertelstunde in der Sonne gesessen und auf die Ex-Freundin gewartet, die inzwischen in den Status einer „guten Bekannten und Frau des besten Jugendfreundes vonH.“ heruntergestuft worden ist.

Wir sitzen eine Weile und reden bzw. sie redet, dann ziehen wir um auf eine Bank am Fluss und reden weiter. Sie erzählt von ihren Bewerbungs“bemühungen“.
Im November 2019 ist der Mann ausgezogen (was bereits Monate vorher geplant war), da sie aber für sich auf die Anmietung einer sehr großen und für sie allein viel zu teuren Wohnung bestanden hatte, war seit Herbst 2019 klar, dass sie sich einen Job suchen muss, um die Wohnung halten zu können.

Ende 2019 war ihr Umzug komplett, nach dem Stressjahr 2019 (Selbstmord des Sohns, Tod der Mutter, Auflösung von zwei Wohnungen, Trennung, Umzug in eine eigene Wohnung, dazu die eigene psychische Erkrankung) gönnte ihr jeder eineVerschnaufpause.

Doch nun neigt sich das Trennungsjahr dem Ende zu, der Mann strebt die Scheidung an, und ihr Erspartes (bzw. das Erbe der Mutter) geht zu Ende.
Es muss also ein Job her.
Die Idee: „Ich brauche eine Stelle, wo ich etwa 1.500 bis 2.000 Euro verdiene. Es darf körperlich nicht zu anstrengend sein und ich muss gut hinkommen.“
Der Hintergrund: Sie hat mit Anfang/Mitte zwanzig nach einem längeren Psychiatrieaufenthalt mit Mühe und Not eine Ausbildung zur Verkäuferin in einer Musikalienhandlung absolviert, dann aber nie wieder in dem Beruf gearbeitet. Stattdessen gab es ein paar Aushilfs- und Putzjobs bis sie mit 30 geheiratet und zwei Söhne bekommen hat. Ab dann gab es keine Erwerbsarbeit mehr.
Die Realität: Sie ist Mitte fünfzig und hat im Prinzip keine brauchbare Berufserfahrung. Sie ist körperlich extrem unfit, kann nicht lange stehen und schwer gehen, körperliche Anstrengungen fallen ihr extrem schwer. Sie ist in allem, was sie tut, sehr sorgfältig, dabei aber auch extrem langsam und umständlich. Mit Computern (oder Technik allgemein) kennt sie sich gar nicht aus, sie vernachlässigt ihr Äußeres und hat im pesönlichen Kontakt irritierende Angewohnheiten (so kneift sie immer die Augen zu, wenn sie einem direkt das Gesicht zuwendet und mit einem spricht). Sie verweigert sich Regeln und stellt gerne ihre eigenen auf. Kurz: Sie ist nicht gerade der Traum eines potentiellen Arbeitgebers.

Trotzdem war und ist das Ansinnen: „Ich habe ja Verkäuferin gelernt, ich bewerbe mich jetzt auf alle geeigneten Verkäuferinnenstellen.“ – „Und wenn Du viel stehen musst?“ – „Das geht natürlich nicht, ich muss dann eben für Sitzgelegnehit sorgen, zur Not bringe ich mir einen Klapphocker von zu Hause mit.“ – „Und wenn Du räumen oder schleppen musst?“ – „Ach, da finde ich dann schon einen hilfsbereiten Kollegen, der mir das abnimmt.“
Und so weiter.

Als ihr Mann sich weigert, im Baumarkt, in dem er arbeitet, „ein gutes Wort“ für sie einzulegen, als eine Stelle in der Fliesenabteilung frei wird, kommt sie gar nicht auf die Idee, dass er das nicht tut, wiel sie dafür vollkommen ungeeignet ist, sondern natürlich nur, „weil er mich nicht unterstützen will und mir keinen Erfolg gönnt“.

Immerhin hat sie seit September 10 Stellenanzeigen gelesen und sich konkret bei zweien beworben (und direkt Absagen erhalten). Sie „gibt die Hoffnung nicht auf“, dass sich ihr die richtige Stelle schon quasi aufdrängen wird, so dass sie sich den „mühevollen“ Bewerbungsprozess eigentlich schenken kann.

Wir haben ihr mehrfach vorgeschlagen, doch wenigstens erstmal einen 450-Euro-Job anzunehmen, um überhaupt mal wieder in einen Arbeitsrhythmus zu kommen, ein paar aktuelle Erfahrungen zu sammeln (z.B. mit modernen Kassen), ein paar Kontakte zu knüpfen und sich etwas Geld für repräsentativere, berufstaugliche Kleidung zu verdienen. Und, so der Hintergedanke, die eigenen Erwartungen einem Realitätscheck zu unterwerfen.
Aber das ist nichts für sie: „Da muss ich ja schon 50 Euro für eine Montaskarte ausgeben, da bleibt ja vom Geld nichts übrig. Außerdem sind das ja fast immer Jobs, wo sie jemanden zum Schleppen brauchen, das kann ich nicht.“

Ich habe mich lange über ihre unrealistischen Erwartungen und ihre Passivität aufgeregt, aber mittlerweile denke ich: Mach doch. Vielleicht hast Du ja sogar so unverschämtes Glück, dass es klappt, und wenn nicht, wirst Du ohnehin nichts draus lernen, denn Schuld an Deinem Scheitern sind sowieso immer andere.

Und so sitzen wir, gehen zwischendurch in den nahen Supermarkt und holen uns Kaffee und etwas zu essen, ziehen dann um auf eine andere Bank, schauen auf den Fluss, beobachten die Vögel und sehen die Sonne untergehen, und sie redet und redet und redet.
Ich weiß nicht so recht, warum ich mich ihr noch verpflichtet fühle und sie immer wieder treffe. Vielleicht ist es ein wenig die Faszination, wie anders jemand ticken kann.

Kurz vor fünf verabschieden wir uns, ich erledige noch schnell einen Mini-Einkauf und fahre nach Hause.
Sitze lange mit H. auf der Terrasse und erzähle. Komme runter. Entspanne. Das Ohrensummen lässt langsam nach.

Zum Abendbrot mache ich Blumenkohl-Curry mit Reis. Nichts im Fernsehen, wir sitzen noch ein Stündchen zusammen.

Woran ich mich erinnern will:
In der Sonne am Fluss.

What I did today that could matter a year from now:
Zuhören. Ein paar Anmerkungen zum Gehörten machen.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Kontakt.
Versuchen, zugewandt und respektvoll zu bleiben.

Begegnungsnotizen:
H. (Haushaltsmitglied)
K. (draußen, mit Abstand und größtenteils mit Maske)
Zweimal Supermarkt, zweimal Bus (Abstand, alle mit Maske)

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