Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Angsttag

1. Januar 2021. Freitag. Um vier ins Bett und zum Einschlafen noch Bob Ross laufen lassen. H. hört zum Runterkommen noch Musik – ich hatte ihn die letzten Stunden mit 70er- und 80er-Jahre-Schrottmusik aus dem Fernsehprogramm genervt.
Er kommt gegen 9:00 Uhr ins Bett; ich hatte ohnehin schlecht geschlafen und war stündlich aufgewacht. Mit leichten Kopfschmerzen stehe ich kurz vor halb zehn auf.

Er kommt kurz darauf auch heraus: Er hat wieder einen Schmerzschub und kann nicht liegen.
Seit unserem Aufenthalt im Dorf Ende November, Anfang Dezember hat er immer wieder diese Schübe: es scheint eine Blockade in der Brustwirbelsäule zu sein; von Zeit zu Zeit bekommt er im Liegen einen Schmerzschub, dann strahlt der Schmerz von den Schulterblättern in die Arme aus, Schultern und Brustkorb fühlen sich an, als lägen Tonnengewichte drauf, das Atmen fällt schwer.

Im Laufe des Tages geht es ihm immer schlechter. Er findet keine Position, ist vom schwerfälligen Atmen völlig erschöpft, außerdem fehlt ihm natürlich Schlaf. Morgens nimmt er eine Aspirin, die kotzt er eine halbe Stunde später mitsamt dem halben Abendbrot wieder aus.
Danach isst er nichts mehr, trinkt nur etwas Wasser und versucht zu atmen, sich zu entspannen, Ruhe zu finden, um wenigstens minutenlang schlafen zu können.

Wir diskutieren darüber, einen Notarzt zu rufen, aber was könnte der tun? Ein Schmerzmittel spritzen, vielleicht, schlage ich vor. Er glaubt aber gar nicht, dass das helfen würde. Außerdem würde man an einem Feiertag sicher ewig warten müssen. Dann noch Corona. Er will es nicht, will versuchen, es auszuhlten: Vielleicht renkt es sich wieder ein, das war doch die letzten Male auch immer so. Wenn er nur schlafen könne…

Aber er schläft nur minutenlang, mal eine Viertel- oder halbe Stunde am Stück, mehr ist nicht drin. Ich will ihn dazu bewegen, etwas zu essen, aber er will nicht.
Er ist sonst so ein Kämpfer: beschimpft Krankheiten und Schmerzen, besteht darauf, sich Essen reinzuzwingen, auch wenn es ihm dreckig geht: Ich brauche Kraft, um gegen den Mist zu kämpfen, der Dreck muss weg.
Nun hat er innerhalb Stunden komplett resigniert, ist zermürbt von den Schmerzen.

Es macht mir unglaublich Angst, vor allem wie schnell das alles ging: Vor wenigen Stunden hat er noch eine fröhliche Neujahrsmail mit einem Musiklink an alle möglichen Leute geschickt. Da war noch alles in Ordnung, er noch er selbst.
Innerhalb von Minuten hat sich alles verändert, und ich bin zutiefst verunsichert.

Zu meiner sowieso schon vorhandenen Dunkelheits-Erschöpfungs-Depression der letzten Tage gesellen sich nun (Existenz- und Verlust-)Angst, Verunsicherung, Re-Traumatisierung von früheren Verlusterlebnissen.

Kurz vor sieben halte ich es nicht mehr aus und rufe M. an. Mir kommen sofort die Tränen, und mir wird schlagartig bewusst, wie absurd und übertrieben meine Gefühle sind: H. hat heftige Rückenschmerzen, er stirbt nicht.
Wir plaudern eine gute Stunde und ich komme schnell wieder zu mir. Das wird schon.

Über den Tag nimmt er drei heftige Schmerztabletten. Sie scheinen die Schmerzen nicht wesentlich zu verringern, aber eine halbe Stunde nach jeder Einnahme schläft er ein und schläft dann auch fast eine Stunde durch. Von außen sieht der Schlaf tief und ruhig aus, er empfindet ihn als „furchtbar“, fühlt sich nicht erholt. Ich denke, der Körper holt sich doch, was er braucht, auch wenn der Kopf das momentan nicht empfindet.
Er ist ohnehin ein „schlechter“ Patient, einfach weil er praktisch nie krank ist und jede Einschrämkung als Zumutung und Angriff empfindet.

Den ganzen Nachmittag und Abend läuft der Fernseher, das beruhigt anscheinend uns beide. Ich lebe bewusst Alltag und versuche so, meine Ängste im Zaum zu halten.

Zum Abendbrot gibt es Hühnersuppe, H. isst mit Mühe ein Tellerchen. Ihm ist übel.
Später schläft er etwas länger und tiefer; ich halte mich hingegen mit Mühe wach: Das Licht auszumachen und mit Dunkelheit und Stille konfrontiert zu sein, erscheint mir unerträglich.

Woran ich mich erinnern will:
Das tiefe Atmen seines Schlafes zu hören: Welche Erleichterung!

What I did today that could matter a year from now:
Tja, wer weiß schon, welche Konsequenzen unsere im Moment alltäglichen Handlungen haben werden?

Was wichtig war:
Ruhe und Kompetenz ausstrahlen.
Dinge in de Hand nehmen.
Mir Hilfe holen.
Weitermachen.

Begegnungsnotizen:
H (Haushaltsmitglied).
Fahrgäste in der U-Bahn (Abstand, Maske).
Apothekerin (Abstand, Maske).

Standard

6 Gedanken zu “Angsttag

  1. Selbst hatte ich vor 2 Jahren eine Rippenblockade, die mir den Atem nahm. Ein Orthopäde hat mich eingerenkt und mir HWS-Gymnastik empfohlen, die ich seitdem regelmäßig mache. Der Schmerz ist nicht wiedergekommen. Alles Gute euch, Grüße, Reiner.

      • Der Arzt, ein Sport-Mediziner & Orthopäde, hat mir erklärt, dass diese Dinge oft zusammenhängen, hätte ich nicht vermutet, dass meine Beschwerden im vorderen Rippenbereich mit der Halswirbelsäule zu tun hatten. Gezielte Gymnastik hilft!

        • Das werden wir auch angehen, sobald es geht. H. turnt bereits seit Jahren erfolgreich gegen Hexenschuss an, dann kommen nun wohl weitere Übungen hinzu. Der beschwerlichere Weg wird wohl das Akzeptieren, dass man tatsächlich älter wird und der Körper Dinge, die ihm nicht gut tun, immer schlechter wegsteckt.
          Danke für die Anteilnahme – das hilft mir im Moment ungemein!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.