Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Realitätscheck und vorsichtig aufatmen

2. Januar 2021. Samstag. Gut und ruhig geschlafen. Auch für H. war die Nacht besser als der gestrige Tag. Er hat stückweise geschlafen, ist nachts auch mal aufgestanden und hat versucht, eine Weile im Sessel zu sitzen, aber das ging nicht lange.
Als ich um halb sieben kurz aufstehe, um aufs Klo zu gehen, schläft er. Ich liege wach bis kurz vor sieben, dann rührt er sich, steht auch kurz auf. Wir reden eine Weile, es geht ihm dreckig, aber anders als gestern, es scheint sich was zu bewegen.
Ich wärme ihm eine Weile den Rücken, er schläft wieder ein, und ich spüre, wie die Muskeln im Rücken arbeiten und zucken.

Er schläft immer stundenweise, in den Wachpausen versuche ich, ihn zu unterhalten: bringe ihm Kaffee, biete ihm an, ihm die Nachrichten vorzulesen, lasse ihn erzählen.

M. ruft an und fragt, wie es uns gehe. Wir plaudern eine Dreiviertelstunde, das tut wieder richtig gut.
Gegen neun kommt die Sonne raus und kämpft eine Weile mit dem Hochnebel.
Solange es hell ist, gelingt es mir einigermaßen, meine Dämonen im Zaum zu halten.

Ich analysiere meine Gefühle:

Meine Schmerzen/ Krankheiten sind ein Stück unserer Normalität. Nicht alltäglich, aber normal. Damit können wir beide umgehen: er macht weiter wie gewohnt, fragt mich, was ich brauche und übernimmt Dinge wie Einkauf und Essensplanung und -zubereitung. Ich sorge dafür, dass ich meine Ruhe habe und gehe das mit Atmen und Entspannung und viel Schlaf an.
Dass er krank ist, ist extrem ungewöhnlich. Mal ein grippaler Infekt oder Zahnschmerzen, aber das ist selten und in der Regel schnell erledigt und vorbei. Er geht da kämpferisch und fast aggressiv ran.
Dieses resignierte Passive momentan kenne ich hingegen überhaupt nicht von ihm, das macht Angst.

Mit den Gefühlen und Energien, die er momentan ausstrahlt, kann ich nicht umgehen. Wir sind nicht snychron. Ich fühle mich hilflos und ausgeschlossen und möchte mit Rückzug und Flucht reagieren, weil ich nicht weiß, was ich tun soll.

Sobald ich mich aber zurückziehe, werde ich von heftigsten Schuldgefühlen geplagt, die ihren Ursprung wohl in dem Trauma mit C.s Tod haben: Ich habe sofort das Gefühl, H. im Stich zu lassen, nicht das zu tun, was ich tun müsste und was für andere Menschen ganz normal ist (was immer das sein sollte).

Meine ohnehin dauernd latent vorhandenen Verlustängste kommen hoch: Mir ist tatsächlich als läge H. im Sterben. Das ist auf der rationalen Ebene natürlich völliger Blödsinn, aber emotional fühlt es sich genauso an: Meine Welt ist aus den Fugen, Unsicherheit und Angst dominieren, Alltäglichkeiten werden plötzlich mit Bedeutung aufgeladen („Gestern um diese Zeit war er noch so und so“, „Normalerweise würde er jetzt dieses und jenes tun…“).

Heute Vormittag, als ich mit dem Kaffee bei ihm saß und wir einen Moment schwiegen, verstand ich plötzlich ganz klar dieses Gefühl von langjährig Verheirateten: Wenn der Partner stirbt, will ich nicht weiterleben, denn ohne ihn verliert alles seinen Sinn, weil nichts mehr „normal“ ist, und ich habe keinen Willen und keine Kraft, eine neue „Normalität“ ohne ihn aufzubauen.
Das geht völlig konträr gegen meine starke Seite, die sich eigentlich sicher ist, auch ohne ihn weiterleben zu können, denn mein Kern ist von ihm unabhängig, dazu war ich zu lange alleine und habe zuviel Schmerz alleine überlebt. Und auch meine Interessen sind von ihm unabhängig und würden auch nach seinem Tod (oder einer Trennung) genauso viel – oder wenig – Sinn machen wie bisher.

Warum diese Gedanken über den Tod? Sind das Echos aus der Zukunft, die mir, uns, natürlich bevorsteht? Denn für mich steht tief in mir drinnen außer Frage, dass er vor mir sterben wird.
Oder sind es Echos aus der Vergangenheit, ein Wiedererleben der Gefühle rund um C.s Tod, weil die Situation damit verbundene Ängste und Schuldgefühle triggert?

Ich gehe raus, hole Wärmesalbe in der Apotheke, der Apotheker ist ein bodenständiger Realist und zerstreut binnen Sekunden meine Ängste, die ich sofort als unangemessen erkenne. All die Sorgen in Sekundenbruchteilen pulverisiert, das gibt Hoffnung. Ich bin wohl einfach selber emotional angeschlagen im Moment, erschöpft, traurig, unsicher, müde, schwach, verletzlich. Ein Seitenhieb des Lebens und schon glaube ich, alles bricht zusammen.

Den Nachmittag über bin ich geradezu euphorisch. Genauso wenig angemessen, aber besser, und ich kann H. sogar motivieren, ab und zu kurz aufzustehen, eine Kleinigkeit zu essen, mit mir ein wenig Film anzuschauen.
Vom Liegen und den Schmerzen ist sein Kreislauf völlig down, er ist schlapp, unkonzentriert, hat keinen Appetit und einen „Matschkopf“, will nur schlafen, selbst einen Schluck Trinken ist schon zuviel.

Ich drücke die Sorgen weg, es kostet Kraft, aber es gelingt irgendwie. Am frühen Abend (gegen sechs ist eine gefährliche Zeit für mich) steuere ich gegen, indem ich mir eine besonders stupide Abschreibaufgabe gebe, die mich gerade genug ablenkt, mich aber nicht komplett durch Langeweile zermürbt. Sie hält mich einigermaßen im emotionalen Gleichgewicht bis es halb acht und Zeit für Nachrichten, Essen machen, Abendroutine ist.

H. isst noch etwas Hühnersuppe und sitzt fast eine halbe Stunde, dann geht es zurück ins Bett. Er ist heute mit zwei Schmerztabletten und regelmäßig Rücken einschmieren einigermaßen gut über den Tag gekommen. Die Schmerzen lassen nach, der Druck auf Schultern und Brustkorb ist noch schlimm, aber es bewegt sich was, und Bewegung, Veränderung werten wir grundsätzlich als gutes Zeichen.

Für mich gibt es Rührei mit Resten (1/2 Paprika, vier schrumpelige Cherry-Tomätchen, etwas feta, der schon leicht hefig riecht). Die Käsereste vom Raclette habe ich eingefroren und das Gerät verpackt; vielleicht geht da in einer Woche wieder was, dann feiern wir Neujahr nach.
Im Fernsehen „Grace of Monaco„, den ich vor zwei Jahren schon mal gesehen habe, mich aber gar nicht erinnern konnte. Anschließend kommt „Das Fenster zum Hof„, mal sehen, wie lange ich aushalte, bevor ich einschlafe.

Woran ich mich erinnern will:
Wenn es Dir schlecht geht, such Dir Hilfe und umgebe Dich mit den „richtigen“ Menschen. Eigentlich ein No-Brainer, aber gerade in Krisensituationen vergisst man das ganz gerne.

What I did today that could matter a year from now:
Rausgehen.

Was wichtig war:
Aktivität.
Der Depression entgegentreten.
Reden.
Motivieren.
Bremsen.

Begegnungsnotizen:
H (Haushaltsmitglied).
Apotheker (Abstand, ich mit, er ohne Maske).
Kund:innen und Personal im Supermarkt (Maske, Spuckschutz; Abstand teils schwierig) .

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