Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Die Dämonen ziehen sich zurück

3. Januar 2021. Sonntag. Irgendwann gestern abend kurz aufgewacht, als H. das Licht und den Fernseher ausmacht; ich bin über dem Film dann doch noch eingeschlafen.
Durchgeschlafen bis halb acht heute früh. H. begrüßt mich recht munter, er war nachts ein paarmal auf (wovon ich nichts mitbekommen habe), hat sich auch nochmal selbst den Rücken eingerieben, weil vom vielen Liegen jetzt auch die Hexenschussstelle zu pieken anfängt, aber: Der schlimme Druck auf Schultern und Rippen ist fast weg. Es tut noch an verschiedenen Stellen weh, der Kreislauf ist runter, Appetit hat er nicht, aber er kann freier atmen und ist insgesamt etwas zuversichtlicher, dass es in absehbarer Zeit besser wird.

Kurz vor elf steht er auf und geht duschen, das werte ich als Riesenfortschritt: allein so lange stehen zu können… Dann will er vor dem Frühstück sogar mal kurz runter und einen Mini-Spaziergang machen: „Vielleicht bekomme ich dann Appetit.“ Ich bin skeptisch, ob das bei dem wackligen Kreislauf so eine gute Idee ist, aber er kann seine Kraft besser einschätzen, also mummeln wir uns ein und brechen auf zu einer kleinen Runde durch den Schneeregen. Es ist matschig und glatt, der Wind pfeift feuchtkalt um die Ecken, aber es tut unglaublich gut, draußen zu sein, selbst ich merke das.

Es wird eine kleine Runde um den Platz, vielleicht 500 oder 600 Meter, lächerlich eigentlich, aber nach gut Dreiviertel der Strecke fängt er schon an zu schwächeln: er zieht die Schultern hoch, verspannt in Rücken und Nacken und ist froh, dass die Haustür nah ist – es reicht. Ich freue mich, dass das überhaupt möglich war, er mault, wie lächerlich wenig geht. Die gewohnte Ungeduld kommt raus und macht mich glücklich wie lange nicht.

Auch beim Frühstück geht nochmal ein halbes Brot mehr als gestern, dazu etwas Rohkost. Auch wenn er es sich reinzwingen muss: Es ist fast doppelt so viel wie gestern.
Insgesamt ist er fast anderthalb Stunden aus dem Bett, war im Bad, draußen unterwegs und hat gegessen: Super!

Im Bett liest er dann sogar noch etwas Nachrichten und nimmt wieder Anteil an der Welt.
Dann fällt er in einen komatösen Tiefschlaf.

Nachmittags ist er wieder fast eine Stunde auf, trinkt mit mir Kaffee, ruft die Schwester im fernen Bayern an, erzählt von seiner Malaise. Wie harmlos das alles klingt, ein bisschen Rückenschmerzen, konnte mich kaum bewegen… Keine Rede von der Angst (seiner und meiner), von der Übelkeit, dem schwachen Kreislauf, dem vielen Schlafen, dem Matschkopf, den schlimmen Gedanken.

Danach wieder ins Bett, nächster Stopp: Abendbrot. Wir essen den Rest Hühnersuppe von vorgestern, zum zweiten Mal gestreckt und ergänzt, diesmal um Pilze und Eierstich. Und immer noch bleibt einTellerchen übrig: Mittagsimbiss morgen für einen von uns. Auch hier isst H. etwa dreimal so viel wie gestern, vor allem Flüssigkeit ist es, die seiner Meinung nach rein muss, das Essen scheint zweitrangig.

Auch jetzt wieder ist er fast eine Stunde auf, wenn auch mit Überwindung. Es ist gar nicht so sehr der Rücken, eher der Kopf, der schlapp macht: Müde, lustlos, bleierne Augenlider. Das Ganze ist sehr kräftezehrend.
Wie macht man das, wenn man alleine ist? Wenn man sich das Essen noch zubereiten oder anderweitig organisieren muss? Woher nimmt man die Kraft und die Motivation? Oder wird man dann zäher, lässt sich weniger fallen, weil: Es muss ja gehen?

Fernsehen im Bett, Dokus über den Winter 1978/79. Ich war Kind damals, wir waren in unserem Ferienhaus in der Lüneburger Heide, sind wohl kurz nach Weihnachten dorthin gefahren. Der schlimme Sturm, die furchtbare Kälte und das damit verbundene Leid sind bei mir nicht so recht angekommen; wir hatten Strom, und ich erinnere mich nur an unglaubliche Schneemassen und dass die Straßen mehrere Tage unpassierbar waren und wir folglich wohl nicht rechtzeitig zum Schulbeginn zurück in Berlin wären, was mir wenig ausmachte. Das Ganze war ein großes Abenteuer, ein „Jahrhundertereignis“, und ich war mittendrin.

Auch H. ist damals mit dem Auto vom Rheinland in die Lüneburger Heide gefahren, um bei Freunden den Jahreswechsel zu verbringen. Er erinnert sich an plötzlich einsetzenden Eisregen irgendwo im Weserbergland und wie er plötzlich keine Kontrolle mehr über den Wagen hatte, weil die Bremsen nicht griffen. Er kam dann irgendwie zum Stehen, es war Nacht und wenig los, und irgendwie kam er dann auch noch hin. In den nächsten Tagen erinnert er sich an Unmengen von Schnee, und wie sie bei einem Spaziergang plötzlich irgendwo „mitten im Feld“ ein Verkehrsschild entdeckten: da musste also wohl eine Straße sein.

Woran ich mich erinnern will:
Wie dünn die Firnis des Alltags ist. Und darunter lauern Dämonen.

What I did today that could matter a year from now:
.

Was wichtig war:
Informieren.
Motivieren.
Nachgeben.
Rausgehen.
Ausruhen.
Planen.

Begegnungsnotizen:
H (Haushaltsmitglied).

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