Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Und dann bricht aus heiterem Himmel die Katastrophe herein

Trigger-Warnung: Krankheit, Unglück, Schock, Todesangst, Krankenhaus

12. Januar 2021. Dienstag. Mit dem Wecker aufgestanden um 6:30 Uhr und einigermaßen gut für mein Tagwerk motiviert: Ich wollte mich jetzt wieder mal mit dem GroßenGrausigenProjekt befassen, das muss ja mal zu einem Ende kommen, und alle drängeln schon.

H. steht etwa um 7:15 Uhr auf; er hat nicht gut, aber etwas besser geschlafen; die Schmerzen sind heute zur Abwechslung mal wieder in die rechte Schulter gewandert. Er geht aufs Klo, dann in die Küche, macht wie immer die Kaffeemaschine an und ich geselle mich zu ihm, um mir auch einen zu machen.

Plötzlich greift er sich an den Magen, stöhnt, taumelt, ich frage noch „Was ist?!“ Er antwortet nur „Kreislauf!“, dann bricht er zusammen, zuckt kurz wie in einem Krampfanfall, dann liegt er still. Ich rufe sofort 112, der rettungsidenst kommt wenige Minuten später, bis dahin mache ich nach Anleitung des Mannes beim Notruf Herz-Druckmassage.

45 Minuten mengen die Rettungssanitäter an ihm herum: Druckmassage, Adrenalin, Aspirin, Heparin, Defibrillator, Hand-Beatmung. Nichts wirkt. Ich erfahre noch, in welches Krankenhaus es geht, dann bin ich allein – geschockt, ängstlich, zerstört.

Noch während die Sanitäter da waren, hatte ich M. und Freund B. angerufen, nun nochmal M., dann H.s Schwester, P. und Freund B.
So vergeht dieser Tag: Abwechselnde Anrufe in der Klinik, bei Freunden und Verwandten. M. hält mich immer wieder am Telefon, plaudert über Alltäglichkeiten, lenkt mich ab.

Ich bekomme dringende Anfragen von Kunden, schreibe nur zurück: Jetzt nicht. Morgen. Ein Anruf von einer Kundin, mit der H. vormittags einen Telefontermin hatte. Sie fragt gleich, wer jetzt die Arbeit mache, ob ich das übernehme. Ich bin ein bisschen geschockt, vertröste sie erstmal.
Immerhin kommt von ihr die schöne Formulierung vom „Fels in der Brandung“, der H. immer sei, und das trifft es wirklich ganz ausgezeichnet, auch wenn er dieses Fels-sein mit etlichen schlaflosen Nächten bezahlt.

Mittags endlich einen Arzt an der Strippe, der mich kurz über die Lage aufklärt. Es sieht nicht gut aus, es hatte morgens nach einem schweren Herzinfarkt einen längeren Herz-Kreislauf-Stillstand gegeben, Spätfolgen ungewiss. Aber ich könne gegen drei in die Klinik kommen zu einem persönlichen Arztgespräch, vielleicht sogar kurz H. sehen.

Banges Warten bis es Zeit ist loszufahren. Telefonat mit M. und der Schwester. SMS an den Freund in K.

Dann mit U- und S-Bahn und Bus zur Klinik. Fahrtzeit eine Stunde, der Bus quält sich durch Berufsverkehr und Baustellen. In der Klinik langes Palaver, ob ich rein darf oder nicht, es herrscht Besuchsverbot wegen Corona. Dann schließlich darf ich. Oben erfahre ich, H. werde gleich zu einer OP und weiteren Untersuchungen gefahren. Ich müsse ein bis zwei Stunden warten. Dann rollen Sie ein Bett an mir vorbei, ich frage nach, ja, das ist H., aber ich dürfe nicht rankommen. Ich sehe nichts von ihm nur weiße Laken und Schläuche.

Ich gehe wieder runter und raus, rufe M. an, simse Freund B. Als ich wieder rein will, macht der Sicherheitsdienst Schwierigkeiten, obwohl ich vorher Bescheid gesagt hatte, dass ich nur mal kurz raus muss. Sie merken sich ein Gesicht, eine Gestalt keine fünf Minuten. Ich komme dann aber durch und setze mich oben in den Wartebereich, dort verbringe ich etwa eine Stunde, trinke mitgebrachtes Wasser, schreibe auf, was getan werden muss, schaue ins Nichts, versuche mich zu beruhigen.
Ein tröstlicher Gedanke: Wenn H. stirbt, hat er es wenigstens nicht mitbekommen. Wie ich dann weiterleben soll, steht in den Sternen, diese Gedanken lasse ich jetzt nicht zu.

Freund B. ruft an, er stehe unten, aber sie lassen ihn nicht rein. Ich verspreche runter zu kommen, in dem Moment rollen sie das Bett mit H. an mir vorbei: Jetzt gehe es noch zum CT. Wieder darf ich nicht näherkommen, immerhin sehe ich seinen Fuß und sein Gesicht, beides schneeweiß.

Mit Freund B. sitze ich dann etwa eine Stunde im Foyer. Um die Ecke gibt es Automaten (er kennt sich aus, hat hier schon viel Zeit verbracht) Ich ziehe mir einen Schokoriegel: Snickers. Den holte sich H. früher öfter, wenn er zu Kunden musste oder von Kunden kam und Hunger hatte. Meine Wahl wäre immer eher Mars oder Twix, aber nun schlinge ich die Erdnüsse rein: Gegen Hunger ist das schon besser.

Erneuter Anruf in der Station: Ob jetzt jemand Zeit für mich habe? Nein, es sei gerade Oberarzt-Visite. Eine halbe Stunde dauere es sicher noch. Beim nächsten Mal ist endlos lange besetzt und ich beschließe, einfach wieder hochzugehen und zu klingeln. Freund B. fährt nach Hause.
Es war schön, mit ihm über H. zu plaudern, er kennt ihn unglaublich lange, sie hatten zusammen Musik gemacht und eine Firma betrieben, er hatte H. Geld geliehen und lange auf die Rückzahlung warten müssen. In den letzten Jahren waren sie wieder näher zusammengerückt, es gab wieder Austausch über Musik und über private Themen, vor allem familiäre Probleme des Freundes.

Oben auf der Station werde ich erneut vertröstet, aber „in fünf Minuten“ käme ein Arzt zu mir. Es werden zehn, aber das ist ok, ich sitze endlich einem sehr netten Arzt gegenüber, dem das Gespräch sichtlich schwer fällt. Die Situation ist beschissen, H.s Leben ist momentan komplett von Maschinen abhängig, ob sein Kreislauf wieder selbst „übernehmen“ kann, steht in den Sternen, mögliche Hirnschäden durch die lange Unterversorgung mit Sauerstoff sind noch nicht abzusehen, auch wenn erste CTs vorsichtig positiv aussehen. „Ihr Mann war eine Stunde praktisch tot“ lautet das Fazit, und das stimmt natürlich, denn in dieser Zeit „lebte“ er nur dank Herzmassage und Beatmungsgerät. Ob das ausgereicht hat, wird sich zeigen, es kann aber Tage dauern. Bis dahin übernehmen Beatmungsgerät und Herzpumpe die Arbeit.
Ich müsse mich auf mindestens einige Tage Ungewissheit einstellen, so der Arzt.

Tanz am Abgrund.

Als ich aus dem Krankenhaus raus bin, rufe ich M. an, die sich kurz darauf mit einem Taxi auf dem Weg zu mir nach Hause macht. Im Restaurant unten, wo wir auch das Weihnachtsessen geholt hatten, holen wir uns Nudeln mit Soße. Auf der Karte steht Sauerbraten, das wäre jetzt mal ein schönes Wochenend-Essen mit H. gewesen. Wobei er vielleicht sogar etwas anderes gewählt hätte, aber egal. Ich bin froh, wenn wir überhaupt nochmal zusammen essen können, und wenn es Sägespäne sind.

M. bleibt über Nacht. Nach dem Essen sind erstmal wieder Anrufe angesagt: Freund B., der Freund in K., H.s Schwester, P.
M. schaut irgendeine Gesprächsrunde zur Situation in den USA, ich setze mich nochmal an den Rechner mache To-Do-Listen und schreibe eine Mail an die Lieblingskundin: Sie muss mir jetzt unter die Arme greifen.
Ich grause mich vor der Nacht, aber noch mehr vor dem Alleinsein morgen und in den nächsten Tagen.

Woran ich mich erinnern will:
Zuspruch und freundliche Worte.

What I did today that could matter a year from now:
Nicht lange warten und gucken, sondern sofort zum Telefon greifen.
Herzdruckmassage bei der Liebe meines Lebens.

Was wichtig war:
Präsent sein.
Reagieren.
Druck und Sorge auf viele Schultern verteilen.
Hilfe holen.
Geduldig bleiben.
Die Ängste zurückdrängen.
Atmen.
Mich beruhigen.
Kein schlechtes Gewissen haben, weil ich funktioniere und nicht zusammenbreche (und dadurch vielleicht kalt und unemotional wirken mag).
Durchhalten.

Begegnungsnotizen:
H (Haushaltsmitglied).
Eine Handvoll Rettungssanitäter in meiner Küche (alle mit Maske und Abstand, aber ohne Belüftung).
Fahrgäste in Bussen und Bahnen (Masken, weitestgehend Abstand).
Krankenhauspersonal (Empfang, Security, Station; alle Masken und Abstand).
Freund B. (Maske, Abstand so lala).
M. (erst Maske, später ohne; weitestgehend Abstand, lüften)

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9 Gedanken zu “Und dann bricht aus heiterem Himmel die Katastrophe herein

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