Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der zweite Tag in der Hölle: Mit dem Schlimmsten rechnen und das Beste hoffen

13. Januar 2021. Mittwoch. Kein nächtlicher Anruf aus der Klinik. Gemäß H.s Motto „No news is good news“ bin ich sehr erleichtert.

Die Nacht war hart, das letzte Mal schaute ich um 00:45 auf die Uhr, das erste Mal danach um 3:15 Uhr. Aufgestanden dann um kurz nach fünf, ohne nochmal eingeschlafen zu sein. Schlafpensum heute Nacht: 2,5 Stunden. Wie soll ich damit funktionieren?

Nachts versucht, die Angst zurückzudrängen. Angst vor dem, was mir bevorsteht, Angst, mich bestimmten Sorgen und Situationen zu stellen und mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Angst vor den Dingen, bei denen mir H. sonst eine immense Hilfe und Unterstützung ist oder die gleich er erledigt.

Irgendwann gegen vier finde ich ein Mantra, das mich vorübergehend ein klein wenig beruhigt: Das sind Aufgaben, keine Bedrohungen. Und mit Aufgaben kenne ich mich aus, die kann ich in Listen sortieren und in Teilschritte unterteilen und abarbeiten und delegieren und auf später verschieben. Es werden jetzt eben zumindest vorübergehend mehr Aufgaben, weil ich einige von H. mit übernehmen muss.

So starte ich in den Tag, und natürlich „hilft“ das nur sehr, sehr oberflächlich, denn in meinem Magen ist ein dicker Knoten.

Zum ersten Mal habe ich nachts den Wind in dem Baugerüst an der Kirche heulen gehört wie in einer riesigen Windharfe. H. hatte das schon mal gehört und sich über die Obertöne begeistert; heute Nacht hörte ich es auch, es war sehr laut.

M. schläft ein bisschen mehr als ich. Ihr leises Schnarchen erinnert mich an H. und lässt mich für Momente vergessen, vor allem später, als ich schon am Rechner sitze und sie noch nebenan schnurchelt.

Ich versuche mich an „Business as usual“: vertraute Routinen und Techniken sollen ein klein wenig beruhigen.

Die Liste, was jetzt alles zu tun ist, ist über Nacht gewachsen. Am wichtigsten erscheint mir heute, das Arbeitsleben zu organisieren und zu strukturieren: ich muss geordnet Kontakt zu den Kund:innen aufnehmen, mit denen ich aktuell zu tun habe und die Situation erklären, aber gleichzeitig versichern, dass die Arbeit weitergeht. Ich kann mich jetzt nicht ausklinken, ich muss nun Geld für zwei Haushalte verdienen. Außerdem wird mich die Arbeit zumindest kurzfristig ein wenig ablenken. Business as Usual. Routinen zur Beruhigung, Aufgaben.

Dann muss ich mir einen Überblick über H.s Geschäfte und Finanzen verschaffen: Stehen Kundentermine an? Kann ich welche davon übernehmen oder können sie verschoben werden? Gibt es Rechnungen, die gestellt werden können? Was ist mit Zahlungsterminen: Worum muss ich mich kümmern? Ist genug Geld da? Habe ich alle Informationen, um das für ihn zu erledigen? Wie komme ich an die Passwörter zu seinen Arbeitsdaten? Zum Online-Banking?

Das Thema Geld steht ganz oben auf der Liste, ein alter Bekannter. Und gerade der Bereich, wo mich H. immer wieder mit Ideen, Strategien, Anrufen besonders unterstützt hat.

M. fährt vormittags kurz nach Hause, ein unaufschiebbarer Termin, außerdem möchte sie sich noch Sachen aus ihrer Wohnung holen. Es ist eine solche Erleichterung, sie hier zu haben und jederzeit sprechen zu können. Alleinsein wäre jetzt der Horror.

Ein Telefonat mit der Lieblingskundin nimmt mir etwas Druck: Sie ist bereit, nach außen hin, die Kommunikation mit einigen Endkund:innen zu übernehmen. Dann kann ich mich auf die eigentliche Arbeit konzentrieren und nervenzehrendes Kommunikations-Ping-Pong wird reduziert.

Ich informiere die Agentur des GroßenGrausigenProjekts, sie kennen H. auch, er hatte mir vor Jahren sogar den Kontakt zu ihnen vermittelt, weil er schon länger für sie tätig ist. Auch ihnen schlage ich vor, für eine Weile die komplette Kundenkommunikation zu übernehmen, so dass ich mich auf die eigentliche Programmierarbeit konzentrieren kann.

Die Klinikverwaltung ruft an. Eine sehr rabiate Frau weise ich zurecht. Das Problem: H. ist nicht krankenversichert. Die Intensivmedizin verschlingt aber natürlich Unsummen. Die Verwaltungsfrau nun zu mir: „Wie komme ich dann an mein [sic!] Geld?!“ Ich werde eiskalt: „Sie haben die Pflicht, schwerkranken Menschen zu helfen, ob die nun Geld haben oder keins. Soweit ich informiert bin, greift in diesen Fällen der Staat unter die Arme. Sie werden Ihr Geld also schon bekommen, keine Angst! Machen Sie mir erstmal meinen Mann wieder heil, dann schrubbe ich von mir aus bis an mein Lebensende Ihre Fußböden, um das abzubezahlen!“ Sie rudert zurück, entschuldigt sich, ist ab sofort überfreundlich. Ich hoffe, es hält an.
Wenig später ruft eine Kollegin an. Auch hier weiß die eine Hand nicht, was die andere tut.

Ein Stapel Unterlagen trudelt ein, die ich ausdrucken, ausfüllen, unterschreiben, einscannen und zurückmailen muss: Ein Behandlungsvertrag, der im Wesentlichen Aspekte des Datenaustauschs und -schutzes betrifft und eine Zahlungsanweisung für eine Vorauszahlung für Behandlungskosten. 12.500 Euro. Die maximal mögliche Summe. Als Anzahlung. Darum muss ich mich kümmern – und ich wäre dankbar, wenn Leser:innen mir hier Tipps geben könnten:
An wen kann man sich zwecks Beratung wenden? Wer käme für eine mögliche finanzielle Unterstützung in Frage? Das Finanzamt?

Mittags im Krankenhaus angerufen und mit dem Oberarzt gesprochen. Mit dem CT vom Hirn gestern sind sie sehr zufrieden, es gebe keine Anzeichen für schwere Schäden. Dann meint er noch, ich dürfe „selbstverständlich“ kommen und H. besuchen, er werde das eintragen lassen. Außerdem lädt er mich zu einem persönlichen Gespräch morgen Nachmittag ein.

Ich hole M. mit ihren Sachen an der U-Bahn ab und erzähle ihr davon. Ich bin hin und her gerissen: Soll ich hinfahren oder bis morgen zum Gesprächstermin warten? Der Bauch sagt: Los! Der Kopf sagt: Teile Deine Kräfte ein, reicht es nicht, wenn Du ihn morgen siehst? Ruh Dich heute lieber aus, Du hast ja auch kaum geschlafen, und jeden Tag die Tour durch die Stadt ist anstrengend.

Wir gehen zusammen im kleinen Supermarkt einkaufen. Im Laden in der Kassenschlange bekomme ich eine kleine Panikattacke. Das Übliche: Der Laden ist extrem eng mit Erinnerungen an H. verbunden, schließlich erledigen wir hier den Großteil unserer Einkäufe und eben auch sehr oft zusammen (praktisch jedes Wochenende).
Es gelingt mir, das wegzuatmen, aber es kostet Kraft.

Als wir rauskommen, ist mir klar: Ich muss ihn sehen. Heute. Jetzt.
Wir gehen also heim, ich räume die Einkäufe weg, wir essen ein paar Bratkartoffeln (Salzkartoffeln, die von meinen letzten beiden Essen mit H. (Schnitzel) übriggeblieben sind), dann mache ich mich auf den Weg.

Zuerst zu H.s Wohnung, um den Briefkasten zu leeren, dann in die Klinik.
Es dauert ewig, es ist Berufsverkehr (ich komme erst gegen 15:00 Uhr los). Um kurz nach vier bin ich da. Es gibt ein wenig Palaver zwischen Sicherheitsdienst am Empfang und der Station, dann die erlösende Mitteilung: ich darf hoch und auf die Station.

Man ist dort sehr nett und zuvorkommend zu mir, der Arzt von gestern verspricht, später vorbeizukommen, dann könnten wir nochmal reden. Ich darf zu H. ins Zimmer, darf sogar seine Hand halten. Ich spreche mit ihm, verwende unsere üblichen Durchhalteparolen: Halt durch! Gib dem Scheiß keinen Millimeter! Kämpfe! You’re gonna fuckin‘ blow them away!
Und dann, mit Tränen in den Augen: Bleib bei mir. Komm zurück. Lass mich hier nicht allein. Ich brauche Dich.

Dann kommt ein Arzt mit einer Handvoll Medizin-Studenten. Das hier ist Lehrkrankenhaus und H. hat eine für die Ausbildung interessante Herzpumpe implantiert. Ich habe dafür Verständnis, fühle mich auch nicht besonders gestört, räume aber auch nicht meinen Platz. Die Gelegenheit, die Hand meines vielleicht sterbenden Lebensgefährten zu halten, ist mir wichtiger als die Diskretion einer Lehrsituation. Dem Arzt stinkt das, aber natürlich kann er nichts sagen.
Später begegne ich ihm nochmal. „Na, haben Sie vorhin was gelernt?“ fragt er spitz. „Eigentlich nicht besonders viel“ erwidere ich kalt. „Ich habe mal in der Branche gearbeitet und kenne mich mit den Geräten aus.“ Er guckt groß und zieht ab, ohne noch was zu sagen.

Diese Begegnung ist bisher die erste mit dieser Station, die einen etwas seltsamen Beigeschmack hat, ansonsten sind alle ungemein liebenswürdig, rücksichtsvoll, hilfsbereit und auskunftsfreudig. Sie sind nach Möglichkeit für die Angehörigen in fast demselben Maße da wie für die Patienten, das ist so wunderbar, das habe ich in noch keinem Berliner Krankenhaus so erlebt.

Der Arzt holt mich dann zum Gespräch ab, sogar der Oberarzt, mit dem ich vormittags telefoniert hatte, hat Zeit und ist dabei. Wir sitzen eine ganze Weile zusammen, und ich erfahre nochmal den ganzen Ablauf, was gestern und heute alles gemacht wurde, von dem Zeitpunkt als die Rettungssanitäter bei mir klingelten bis heute Nachmittag.

Ich erfahre alles zu den möglichen Prognosen: von vollständiger Gesundung am einen Ende des Spektrums = ein Wunder geschieht; über Herzunterstützungssystem und eventueller Herztransplantation irgendwo in der Mitte = aktuell wohl aus Sicht der Ärzte die wahrscheinlichste Option, wenn nicht ein Unglück geschieht; bis hin zum plötzlichen Tod durch einen Thrombus, einen Schlaganfall oder Herzversagen = die Option, die immer noch sehr wahrscheinlich ist.

Morgen werden sie beginnen, erste Marker im Blut zu bestimmen, die auf eine Hirnschädigung hinweisen könnten und einen erneuten CT-Scan vornehmen.

Neuer Meilenstein ist nun Sonntag: Wenn er bis dahin halbwegs stabil bleibt, werden sie ihn langsam und vorsichtig etwas aus dem künstlichen Koma herausholen, um neurologische Tests machen zu können.
Die große Hoffnung ist nun: Das Herz beschließt, wieder etwas kräftiger zu schlagen und mehr Blut alleine zu pumpen und das Hirn hat keinen großen Schaden erlitten.

Obwohl die Ärzte sehr zurückhaltend damit waren, mir irgendwelche Hoffnungen zu machen, verlasse ich das Krankenhaus leicht beschwingt: Zum einen habe ich das Gefühl, dass H. hier sehr, sehr gut aufgehoben ist und die optimale Behandlung erhält, zum anderen wurde erstmalig über die Möglichkeit eines Lebens nach diesem Ereignis gesprochen, auch wenn sie noch sehr fern, vage und klein ist.

Freund B., den ich per SMS über das Gespräch informiere, fasst es perfekt zusammen: „Mit dem Schlimmsten rechnen und das Beste hoffen“.

Kurz nach sechs bin ich wieder zu Hause, erzähle M. von dem Gespräch. Sie hat in der Zwischenzeit das Geschirr der letzten drei Tage gespült: auch eine Riesen-Erleichterung, nicht nochmal H.s Kaffeetasse in die Hand nehmen zu müssen oder den Topf, in dem ich seine letzte Mahlzeit gekocht hatte.

Die Nachbarin aus dem 5. Stock klingelt, fragt nach, bietet Hilfe an. Ich bin sehr gerührt, wir tauschen Nummern aus.

Abends rufe ich den Freund in K. an, frage auch nach dem Stand der Dinge in Sachen Scheidung nach – es tut gut, sich ein wenig abzulenken.

Wir machen uns die zweite Hälfte der gestern im Restaurant geholten Nudeln warm, schauen Nachrichten, trinken Glühwein und zappen uns durch verschiedene Dokus und AktenzeichenXY, wobei mir schon die Augen zufallen.

Woran ich mich erinnern will:
Erneut: Zuspruch und freundliche Worte. Fakten statt Spekulationen. Die sehr nette Ansprache der Ärzte: „Danke für Ihre Zeit“ verabschieden sie sich von mir, dabei bin ich doch diejenige, die ihnen lebenslang auf Knieen danken sollte.

What I did today that could matter a year from now:
Auf den Bauch hören statt auf den Kopf.

Was wichtig war:
Sprechen.
Erzählen, wie es mir geht.
Das Erlebte mit anderen Menschen teilen.
Mir Hilfe suchen.
Hinfahren.
Ihn sehen, anfassen.
Informationen bekommen.
Mich müde machen.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Kund:innen und Personal im kleinen Supermarkt.
Fahrgäste in Bussen und Bahnen (Masken, weitestgehend Abstand).
Krankenhauspersonal (Empfang, Security, Station; alle Masken und Abstand).
H. (ich FFP2-Maske, er natürlich keine; Abstand)
Nachbarin S. und ihr Hund.

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5 Gedanken zu “Der zweite Tag in der Hölle: Mit dem Schlimmsten rechnen und das Beste hoffen

  1. Ilona Germann schreibt:

    Auch ich, eine stille, aber begeisterte Mitleserin, wünsche Ihnen von ganzem Herzen alles Gute und eine baldmöglichste Genesung ihres lieben Mannes. Vor allem Ihnen ganz viel Kraft. Sie leisten wirklich Übermenschliches. Die besten Grüße

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