Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der neunte Tag in der Hölle: Emotionale Achterbahn

20. Januar 2021. Mittwoch. Obwohl ich gestern ein wenig Hoffnung geschöpft hatte und der Tag fast „normal“ war, war die Nacht wieder schlimm: Frühes Einschlafen vor dem Fernseher, dann hochschrecken, dann wieder einschlafen und erneut von Todesängsten geweckt werden, dann stundenlang wachliegen, lesen, sinnieren, dösen, dann gegen vier nochmal einschlafen. Insgesamt viereinhalb oder fünf Stunden ohne wirklichen Erholungswert.

Morgens das übliche Gefühl der Verzweiflung: Es ist alles viel und komplex und miteinander vernetzt. Wo anfangen? Wie entscheiden, was jetzt akut am wichtigsten ist?
Atmen. Vertrauen. In meine Fähigkeit zum Organisieren, zum Planen, zum Entscheiden und zum Machen.

Die vielen Ängste: Was, wenn nun ein Kunde mit einem unlösbaren Problem anruft? Was, wenn ich H.s Firma an die Wand fahre? Was, wenn das Geld nicht reicht? Was, wenn es M. schlechter geht und ich mich um sie kümmern muss? Was, wenn etwas mit P. ist? Was, wenn ich selbst krank werde???

Diese „What if’s sind aber vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass mein Kopf langsam aus dem Panik-Überlebens-Funktionier-Modus herauskommt und sich an seine üblichen Mechanismen erinnert, alles zigfach in Frage zu stellen und bis zum bitteren Ende durchdenken zu wollen.

Ich bemühe mich um Entspannung. (Merkste selber, ne?)
Atmen. Aus dem Fenster schauen. Atmen. Regelmäßig essen und trinken. Atmen.

Vormittags Telefonate: Die Betreuungsbehörde ruft an, erklärt, wie es jetzt weitergeht, auf welcher Basis das Gericht über eine Betreuung entscheidet. Eine nette, hilfsbereite Mitarbeiterin, die mich mit Telefonnummern versorgt für weitere Nachfragen zu verschiedenen Themen.
Ein Gespräch mit der Lieblingskundin. Viel Privates, etwas Projektarbeit.
Anruf bei einer kirchlichen Beratungsstelle zum Thema Betreuung. Die Dame ist mir sehr sympathisch: ruhig, organisiert, strukturiert, mit einer angenehmen Stimme.

Zwischendrin kleine Arbeiten für meine Kunden, die mich ob ihrer Alltäglichkeit sehr erden: Eine kleine Codekorrektur, ein Bild austauschen usw.
Mit M. besprechen, wann sie wohin zum Röntgen gehen soll.
Meine Notizen ordnen.
Eine Mailanfrage an die Clearingstelle mit Bitte um einen Beratungstermin (Thema Krankenversicherung).
Wäsche waschen.
Mittagsimbiss (Müsli).

Kurz vor zwei breche ich auf Richtung Krankenhaus, dort bin ich kurz vor drei. Wer zum Arztgespräch geladen ist, muss sich anscheinend nicht umständlich anmelden und registrieren. Auch interessant.

Vor der Station warte ich erstmal, es könne dauern, bis der Arzt Zeit habe, ich solle draußen warten. Auf der langen Holzbank sitzt ein älterer Mann im Pseudo-Army-Outfit und döst. Ich setze mich ans andere Ende. Wie sich herausstellt, wartet er darauf, die betreuende Ärztin seines Vaters zu sprechen.

Nach einer Viertelstunde kommt der Arzt heraus: Er hole jetzt gleich H. aus dem OP ab (die ECMO sollte entfernt werden), danach müsse er ihn „kurz“ versorgen, dann könnten wir sprechen. Ich rechne also mal mit noch einer Stunde und bedanke mich.
Kurz darauf kommt nochmal die Schwester: H. sei im OP, das könne dauern, ich solle nach Hause fahren, wenn ich in der Nähe wohne, und später wiederkommen. Oder im Park spazieren gehen. Oder mich in die Caféteria setzen. Ich vertraue auf die Aussage des Arztes und bleibe sitzen.

Dann pingt der Fahrstuhl, und H. wird an mir vorbeigefahren. Ich erhasche einen Blick auf ihn, er sieht unverändert aus – aber wie soll er auch aussehen?

Dann kommt die Ärztin für den Mann auf der Bank und geht mit ihm fort; ich wechsle auf sein Ende der Bank, dort hat man den besseren Überblick. Krame den Notizblock heraus, mache Listen, plane die nächsten Tage und Schritte. Nirgends bin ich so sehr im Hier und Jetzt wie in diesen Warteräumen. Lesen, Musik hören, das wäre mir alles nicht möglich. Hier kann ich die Gedanken laufen lassen bis sie müde sind.

Etwas später, ich sitze inzwischen anderthalb Stunden hier, kommt der Arzt, berichtet, erklärt, erläutert Optionen. Ich hatte ihn am Telefon als angenehm sortiert und ruhig erlebt, jetzt merke ich: Auch er hat Schwierigkeiten, seine medizinischen Informationen in Aussagen zu verpacken, die Angehörige und Laien nicht beunruhigen, aber das ist auch schwer. So spricht er vor allem von den Dingen, die nicht gehen, Werten, die nicht gut sind, Verzögerungen. Als ich nachfrage, beschwichtigt er sofort, das sei eigentlich alles normal und zu erwarten.
Das verunsichert natürlich. Was denn nun: Alles ganz schlimm, oder alles ganz normal? Alles normal schlimm? Und was heißt das?

Ich wage es nicht, die Frage zu stellen, wegen der ich – auch – hergekommen war: Wird er leben?
Vermutlich hätte die Antwort eh nur gelautet: Das kann man wirklich nicht sagen.
Niemand will, niemand kann sich auf irgendwas festlegen. Das verstehe ich, aber genau danach verlangt die Seele: Nach einem Anker, einer Gewissheit.

Ich erbitte zum Abschied noch eine aktuelle Liegebescheinigung, e verspricht, sich darum zu kümmern. Während ich mich anziehe und auf ihn warte, treffen drei Frauen in meinem Alter ein, eine vielleicht ein wenig jünger, eine ein wenig älter. Auch sie klingeln, warten. Es sind die Angehörigen eines heute dort verstorbenen Mannes. Auch sie werden erstmal vor der Tür stehen gelassen und erst kurz darauf hineingebeten und in einen Besprechungsraum geleitet.
Ihre Anwesenheit versetzt mir einen physischen Schmerz in der Magengrube, und ich frage mich, wie ich mich jetzt an ihrer Stelle fühlen würde: Erleichtert? Zerschmettert? Taub?
Ich verdränge den Gedanken schnell, konzentriere mich auf mein Mantra: Im Moment lebt er, und es gibt aktuell keinen Grund, daran zu zweifeln, dass er auch weiterleben wird. Er ist in guten Händen. Sie hätten doch nicht die ECMO entfernt, wenn sie nicht Anlass hätten zu glauben, dass es gut geht.

Der Arzt kommt, gibt mir die Bescheinigung und verabschiedet sich: Machen Sie es gut.
Sie auch, antworte ich.

Ich gehe die Treppen hinunter und raus, im Westen ist der Himmel hell mit streifigen Wolken. zum ersten Mal seit Wochen sehe ich wieder etwas wie einen Sonnenuntergang. Der Himmel hätte H. auch gut gefallen, denke ich, und mir kommen ein paar Tränen der nachlassenden Anspannung.

Ich rufe Freund B. an: Soll ich jetzt zu Dir kommen?Na klar, ick warte hier auf Dir, macht er sich über den Berliner Dialekt lustig.
Eine Viertelstunde später bin ich bei ihm, in der riesigen Wohnung, in der einst eine Familie mit fünf Kindern und einem Dutzend Katzen und anderem Getier lebte, und wo er nun nach dem Tod der Frau im Oktober alleine wohnt.
Die Wohnung ist vollgestopft wie eh und je, die Frau hatte seit Jahren die Wohnung kaum, in den letzten zwei Jahren gar nicht mehr verlassen, und ihre Zeit mit Käufen und Verkäufen auf eBay verbracht. Es stapeln sich gebrauchte und neue Dinge, Dinge, die sie einfach schön fand und haben wollte, Dinge, die „man immer gebrauchen kann“, Dinge, die sie wieder verkaufen wollte.
Nun hat der Mann die Mammutaufgabe übernommen, die Sachen durchzusehen, zu sortieren und zu verkaufen.

Sie war klein und dick gewesen wie ich, also eigentlich kleiner und dicker, aber Freund B. meinte, vielleicht wolle ich etwas von ihren Kleidungsstücken haben, die würden vermutlich ohnehin im Reißwolf landen.
Ich vermutete hinter dem Angebot eher das Bedürfnis nach Besuch und Kontakt und hatte zugesagt. Nachdem wir eine Weile gesessen und geplaudert hatten, wühlen wir uns also durch drei Umzugskartons und zwei Müllsäcke voll Klamotten, und ich nehme ein paar T-Shirts, eine Hose und eine Tasche mit, aber eher, damit er sich die Mühe nicht umsonst gemacht hat.

Eine Stunde bin ich da, dann fahre ich heim. Der Aufenthalt in der Wohnung mit diesem Menschen und dieser Wohnung hat mich nochmal ein wenig heruntergezogen.
Die Rückfahrt über bin ich wie in Trance, aber vermutlich einfach nur höllenmäßig erschöpft.

M. begrüßt mich betont fröhlich, sie will aufheitern. Sie hat Geschirr gespült und Bidens Amtseinführung angeschaut. Vielleicht hat es ihr auch ganz gut getan, mal fünf Stunden allein zu sein.

Ich erzähle, rufe H.s Schwester an, wir essen. Ragout Fin aus der Dose, dazu eine Scheibe Brot. Kein Festmahl, aber warm, nährend und lecker. Comfort Food.

Woran ich mich erinnern will:
Zuspruch. Eine schöne, bunte Tasche.

What I did today that could matter a year from now:
Viel getan, aber wer weiß, was davon in einem Jahr eine Rolle spielen wird?

Was wichtig war:
Sprechen.
Zuhören.
Fragen stellen.
Geduld haben.
Freundlich bleiben.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Fahrgäste in U- und S-Bahn und Bussen.
Krankenhauspersonal: Der Mann am Empfang, die Schwester, der Arzt. Der Mann auf der Bank. (Alle mit Maske und reichlich Abstand)
Freund B. in seiner Wohnung (ohne Maske, aber mit Abstand und Belüftung)


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