Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der zehnte Tag in der Hölle: Angst

21. Januar 2021. Donnerstag. Geschlafen! Ich habe geschlafen! Zwar schlecht und mit Angst-Alpträumen, aber ich habe zum ersten Mal seit über einer Woche nachts nicht stundenlang wach gelegen. Stattdessen: Einschlafen, aufwachen, auf die Uhr sehen, umdrehen, wieder einschlafen. Wiederholen Sie dies in neun Stunden zehnmal. Aber immerhin. Es bewegt sich etwas.

Mein ständiger Begleiter Angst drängt sich heute wieder massiv in den Vordergrund. Mir wird bewusst, dass die Angst eigentlich seit Jahren mein ständiger Begleiter ist. Den Großteil der Zeit kann ich sie zurückdrängen und in Schach halten, nur wenn die Abwehr schwach ist, bricht sie sich Bahn in vielerlei Form: Angst vor einem Telefonat. Angst vor einem Termin, einer Begegnung. Angst, in meiner Arbeit zu versagen. Angst, den Anforderungen (der Welt, des Lebens, desTages, einer Aufagbe) nicht gewachsen zu sein und zusammenzubrechen. Angst, auf mich allein gestellt zu sein.

H. hat mir immer Kraft gegeben, die Gewissheit: Wir schaffen das. Seine Ruhe, seine Zuversicht, seine Klarheit, seine teils sehr kreativen Lösungsideen, sein strategisches Denken haben mich geerdet und verankert.
Das fehlt mir nun. Zwar höre ich noch im Kopf seine Stimme, aber es wird sich zeigen, ob ich seine Sicherheit wirklich verinnerlicht habe und ohne seinen Zuspruch klar kommen werde, wenn die erste Überlebens-Energie abebbt, wenn Dinge schwierig werden, das Geld wirklich knapp, wenn es kein Sicherheitsnetz mehr gibt.

Heute nun hat sich die Angst ein paar schöne Themen ausgesucht:
Angst vor dem Anruf beim Sozialdienst. Werden mich dort schlechte Nachrichten in Bezug auf H.s Nicht-krankenversichert-Sein erwarten? Oder neue Aufgaben, die ich erfüllen muss, ganz dringend, und ganz unangenehm?
Angst vor dem Gespräch mit dem IT-Menschen, den ich mir zur Unterstützung erhoffe. Wird er esmachen wollen und können? Wird seine Arbeit preislich im Rahmen sein? Wie soll ich das alles H.s Kunden kommunizieren?
Angst vor dem Termindruck bei meiner eigenen Arbeit: Werde ich das Mini-Projekt bis morgen fertig bekommen?
Angst davor, für H.s Firma Rechnungen zu schreiben: Werde ich die notwendigen Informationen finden? Werden die Kunden die Rechnungen akzeptieren? Und zeitnah bezahlen?
Angst, dass ich H.s repariertes Keyboard nicht bekomme, das heute zurückkommen soll, weil: keine Postvollmacht.

Ich habe Angst vor der kleinsten Kleinigkeit. Aber das ist vielleicht auch keine Überraschung bei dem Chaos, das gerade in mir und um mich herum herrscht. Ich sollte mir das verzeihen können und auf meine Kraft vertrauen.
Aber gerade dieses Vertrauen fällt mir gerade unglaublich schwer.

Der Tag:

Einen Beratungstermin zum Thema Krankenkasse am 1.2. bekommen. Ich hoffe ja, dass bis dahin schon etwas mit dem Sozialdienst klappt, aber mal sehen. Jede Informationsquelle zählt.

Vormittags der Versuch, ein Kundenkonto bei einem Paketdienstleister einzurichten, um eine Sendung an H. an meine Adresse umzuleiten. Am Ende soll er per Post eine PIN zur Bestätigung bekommen. In „fünf bis sieben Tagen“. Das Paket soll morgen oder übermorgen ausgeliefert werden. Werde ich also in seiner Wochnung sitzen, um es anzunehmen. Mal sehen, wie gut mir das bekommt…

Vergebliche Anrufe beim Sozialdienst der Klinik. Morgen nochmal versuchen.

Mit M. einkaufen gehen und ein paar Minuten in der Sonne auf dem platz sitzen. So schön…
Einkaufen ist nach wie vor emotional schwierig für mich, ich verbinde das zu sehr mit meinem Alltag mit H.

P. ruft an und will mich für Sonntag zum Essen einladen. Ich kann das jetzt nicht. Vielleicht nächste Woche.

Ich teste einige Einstellungen in H.s Fernwartungstool. Versuche, mir etwas Sicherheit zu erwerben. Schließlich klappt es leidlich, aber das ist nichts, worauf ich mich verlassen kann.

Mittagsimbiss: Salat mit Blattsalat, Kohlrabi, Möhre, Zitronensaft. Vitamine!

An H. gerichtete Job-Mails beantworten. Fassungslosigkeit und Genesungswünsche von allen Seiten.
Ich kann ja vergessen, die Firma weiterzuführen, um Einkommen zu generieren: Jeder Dienstleister wird dasselbe oder mehr als H. verlangen, da wird überhaupt nichts dran verdient. Ich kann das nur machen, um die Kunden zu (er)halten, sonst nichts. Ich setze mir eine erste Deadline bis Ende Februar: Wenn bis dahin nicht klar ist, ob und wie H. jemals wieder arbeiten kann bzw. er bis dahin nicht ansprechbar ist, werde ich die Kunden woanders hinschicken. Ich kann sein Business nicht neben meinem managen.

Erste Rechnungen in seinem Namen verschickt; ich bin gespannt, wie schnell seine Leute zahlen. Da ich das nicht einschätzen kann, versende ich in den nächsten Tagen noch weitere Rechnungen; vielleicht reicht es ja, um die Miete zu bezahlen.

Am Spätnachmittag ein Wartungstermin bei einer Kundin von H.; alles geht glatt. Trotzdem macht mir das ganze Procedere mit all seinen Unsicheheiten Angst. Sicher könnte ich mich da reinfummeln, eine ähnliche Souveränität gewinnen wie H., aber warum sollte ich mir das neben meinem Job antun?

Abends Kleinkram für meine Kunden: Fragen beantworten, Inhaltsänderungen machen. Peanuts.

Ich bin müde, traurig, überfordert.
Ist das jetzt mein neues Leben?
Dann hätte ich bitte lieber mein altes wieder…

Das warme Abendbrot lassen wir ausfallen, stattdessen gibt es frisches Brot (selbst gekauft).

Woran ich mich erinnern will:
Wie schön es ist, in der Sonne zu sitzen und für einen Moment nichts zu denken.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Weitermachen.
Rohkost essen.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Kund:innen und Personal im kleinen Supermarkt (alle Maske und leidlich Abstand)



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