Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der zwölfte Tag in der Hölle: Vorgezogene Trauer

23. Januar 2021. Samstag. So saß ich nun die halbe Nacht am Rechner, so wie H. es oft tut, sortierte, las, schrieb. Therapie. Ob es ihm wohl ebenso geht in diesen ruhigen Nachtstunden, in denen ein Bier nach dem anderen in ihm verschwindet und er endlich Ruhe und Muße hat, Dinge zu ordnen, zu sortieren, über Dinge nachzudenken, Musik zu hören?
Und tut er sich ebenso schwer, ins Bett zu gehen, einfach nur, weil es vernünftig ist, denn morgen muss man ja wieder fit sein für die neuen und alten Anforderungen und Zumutungen, die auf einen warten?
Oder tut irgendwann das Bier seine Wirkung und macht Augen und Geist angenehm träge und schwer?

Letzteres will ich nicht ausprobieren; einen Rausch will ich nicht, und einen Kater kann ich nicht gebrauchen.
Aber sitzen und lesen und schreiben und denken, das geht, das tut gut.

Kurz nach zwei gehe ich ins Bett, liege noch eine halbe Stunde wach, dann unruhiger, von Angstträumen geplagter Schlaf bis sechs, aufstehen, aufs Klo, nochmal hinlegen, halb dösen, halb schlafen bis sieben. Schluss, mehr geht nicht. Wieder nur gute vier Stunden.

In diesen frühen Morgenstunden, wenn ich im Bett liege und versuche zu schlafen, bin ich mir ganz sicher, dass er nicht zurückkommt. Dass unser gemeinsames Leben vorbei ist.
Dann erfasst mich eine unermesslich tiefe Schwärze und Leere in der Seele, die alles, was ich je an Schmerz und Trauer empfunden habe (und das war nicht wenig), in den Schatten stellt. Eine Angst krallt sich um mein Herz, die mir die Luft nimmt. Der Kopf ist hellwach, kann aber keine schützenden, einordnenden Gedanken mehr denken, da ist nur noch AngstSchmerzVerlustAngst.

Und dann stehe ich auf, und setze mich wieder an den Computer, und die Angst bleibt noch ein wenig da, ein, zwei Stunden, aber nach und nach gelingt es wieder, sie durch Gedankenkraft und Ablenkung und Tun in ein stilles, dunkles Kämmerchen irgendwo weit hinten zu schubsen.
Und wieder einen Tag zu leben.

Ich lade weiter die Fotos von unserem letzten Sonntagsspaziergang hoch. Ich hätte sie mir besser nicht angesehen. Die Eindrücke und Gefühle, die ich an diesem Tag hatte, werden plötzlich wieder lebendig und springen mich mit voller Macht an. Schmerz und Trauer überwältigen mich, und endlich!, endlich kann ich ein paar Tränen weinen. Tränen um H. um uns, um unser Leben, um alles, was wir hatten. Und wieder wird mir bewusst, wie wenig Hoffnung ich habe, dieses Leben – oder irgendeins mit ihm – zurückzubekommen. Und wie große Hoffnung trotzdem, dass er nicht stirbt.

Und nun, einmal losgelassen, strömen die Erinnerungen mit Macht auf mich ein:
Eine bestimmte Sorte Fleisch im Supermarktprospekt (wie gern hat er das gegessen, und wir haben auch noch ein Riesenstück davon im Tiefkühler, das wollten wir jetzt irgendwann machen).
Ein Wischmop-Set in einem anderen Prospekt (gerade jetzt kurz vor Weihnachten hat er endlich sein eigenes aus meiner Küche entfernt und zu sich genommen – vor Jahren hat er damit ein- oder zweimal meinen Küchenboden gewischt; er schwor auf dieses Ding, mit dem ich mich nie anfreunden konnte. Nun steht es, immer noch im Reisekoffer verpackt, in dem er es mit rüber nahm, in seinem Flur).
Eine Nachricht auf tagesschau.de (das hätte er heute morgen im Bett mit Interesse gelesen, samt dümmlichen und hetzerischen Nutzerkommentaren, und später hätten wir darüber gesprochen, während er am Fenster steht und seine Morgenzigarette raucht).

Die Alltagsdinge verschwören sich gegen mich, und jedes Ding schreit: Erinnere Dich!
Und nirgends bin ich sicher.

M. hat den richtigen Tipp, den ich natürlich auch kenne: Machen. Lenk Dich ab, konzentrier Dich auf was anderes.
Ich widerspreche: Es tut mir auch ein bisschen gut, mich jetzt mal gehen zu lassen, die Anspannung muss raus, ich möchte meine Gedanken und Gefühle nicht mehr wegsperren.

Ich merke selbst, dass sich das nur halb richtig anhört, denn meine Seele möchte in ein tiefes Loch fallen, möchte nichts mehr sehen und hören von dieser Welt. Und eine Depression ist das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann und würde mir ja auch nicht helfen.

Unter der Dusche halte ich Zwiesprache mit dem H. in meinem Kopf. Und auch er ist natürlich fürs Nicht-Nachgeben: Wenn Dein Kopf Amok läuft und die Gedanken Karussell fahren, ist Dir damit auch nicht gedient. Du brauchst Ruhe, kein obsessives Gedankendrehen.

Also machen. Ich tobe mich im Haushalt aus: Betten beziehen, saugen, Geschirr spülen, Wäsche waschen.
Dann kurz an den Rechner, zwei Rechnungen für H. schreiben, sein Mailprogramm aufräumen.

Dann ist es halb zwei und Zeit für einen Mittagsimbiss (2 Knäckebrote). Im Fernsehen kommen Zoo-Sendungen, die schaue ich mir zusammen mit M. an, schlafe wohl auch eine halbe Stunde ein.
Dann Kaffee trinken und ein paar Kekse essen.

Um vier ein hoffnungsvoller Anruf im Krankenhaus. Auch hier geht es wieder einen halben Schritt voran und einen viertel Schritt zurück: Die Lunge macht gut mit, heute morgen hat H. sogar kurz die Augen aufgemacht – natürlich ohne was richtig mitzubekommen. Aber: Der Kreislauf ist miserabel, der Blutdruck viel zu niedrig, irgendein Infekt tobt wohl im Körper und schwächt ihn, er bekommt starke kreislaufunterstützende Mittel. Niedriger Blutdruck nach einem Infarkt erhöht das Sterberisiko massiv, lese ich im Internet; es ist wohl also vielleicht eher ein halber Schritt nach vorne und ein ganzer zurück, wer weiß.

Trauigkeit und Hoffnungslosigkeit senken sich wieder über mich.

Mit Mühe konzentriere ich mich eine Stunde lang auf Projektarbeit, die Welt bleibt ja nicht stehen.

Dann vertiefe ich mich nochmal in H.s Geschäftsprozesse, denn es gibt da einen Part, den könnte ich schon selbst übernehmen, zumindest teilweise. Also schaue ich und rechne und kaufe Lizenzcodes und hoffe, dass das alles so aufgeht, wenn ich es genauso mache wie er. Es würde dann wenigstens ein bisschen Geld reinkommen.

Dann noch etwas Buchhaltung fürs Häuschen. Gas wird nur geringfügig teurer werden, und für letztes Jahr bekommen wir eine Rückerstattung, das sind gute Nachrichten.

Abends fühle ich mich fast wieder etwas hoffnungsfroh – wenn das doch nur mal ein wenig anhalten könnte, zumindest über Nacht!

Zum Abendbrot die zweite Hälfte Gemüsesuppe von gestern. ich esse eine Portion, die für mich fast normal groß ist. Vielleicht wird das mit dem Essen auch langsam wieder besser.

Auf ARTE eine Doku über Ozeanriesen, Luxusliner im Transatlantikverkehr zwischen Europa und Amerika. Ich denke an den jüdischen Schwager meines Großvaters, der auf diesem Weg aus Europa entkommen ist, und normalerweise hätte ich mir diese Sendung gern in Ruhe und konzentriert angesehen. Nun aber nutze ich sie hauptsächlich als Einschlafhilfe: ich lege mich ins Bett, schließe die Augen, lausche der Stimme des Erzählers und döse darüber immer wieder ein.

Woran ich mich erinnern will:
Die Dinge langsam wieder soweit in den Griff bekommen, dass ich ein Gefühl von „das muss jetzt alles mal etwas langsamer gehen, ich brauche mal eine Auszeit“ bekommen kann. Das war bisher im existenziellen Überlebensmodus undenkbar.

What I did today that could matter a year from now:
Rechnungen schreiben.
Verhalten üben.

Was wichtig war:
Weinen.
Nicht in der Trauer versinken.
Reden.
Hausarbeit, Bewegung.
Weitermachen.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).

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4 Gedanken zu “Der zwölfte Tag in der Hölle: Vorgezogene Trauer

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