Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreizehnte Tag in der Hölle: Rückschläge

24. Januar 2021. Sonntag. Eine ganz andere Nacht als sonst. Nachdem M. um zehn ins Bett gegangen war und noch las und ich den Fernseher ausgeschaltet hatte, lag ich noch eine Weile wach, schlief dann aber ein, bevor die Angst wieder zukrallen konnte. Ich schlief stundenweise, immer wieder unterbrochen durch minutenlanges Halbwachsein. Gegen eins schlugen wieder wahnhafte Angstphantasien zu, die ich durch gezieltes Aufwecken und kurzes Analysieren bannen konnte. Dann weiter stundenweises Schlafen bis kurz nach sechs. Im Endeffekt waren das insgesamt neun Stunden On-Off-Schlaf ohne ein stundenlanges Wachliegen mitten in der Nacht. Auch hier bewegt sich also etwas.

M. steht kurz nach mir auf, wir reden ein wenig, ich zeige ihr etwas in meiner Bilder-Rategruppe bei Flickr und entdecke wieder ein Foto, wo H drauf ist, von hinten und ohne Kopf. Der Schmerz der Trauer durchzuckt mich sofort, auch bei anderen Bildern, die mich an gemeinsame Ausflüge oder Aktivitäten erinnern.
Ich grause mich davor, in naher Zukunft vielleicht mit seinem Tod konfrontiert zu sein.

M. fragt mich, warum ich „immer so negativ“ denke und „davon ausgehe“, dass er stirbt. Ich antworte, dass für mich die Fakten sagen, dass es immer noch auf Messers Schneide steht, ob er leben oder sterben wird. Und dass diese Gedanken Ausdruck meiner übergroßen Angst sind, dass er sterben könnte. Sobald sich sein Zustand stabilisiert oder positiver entwickelt, kann ich diese Angst vielleicht ein wenig loslassen, das hoffe ich sehr. Andererseits schwebt dann wahrscheinlich immer das Damoklesschwert eines erneuten schweren Infarkts über uns.

Und wer weiß denn, ob er auch bei einer teilweisen oder ganzen Genesung noch „derselbe“ ist.
Mein Leben, wie ich es kannte, ist definitiv vorbei, und ich werde und muss um dieses Leben trauern können. Noch ist nicht klar, wie sehr sich mein neues Leben von meinem alten unterscheiden wird, noch weiß ich nicht, worum genau ich trauern werde, deshalb ist dieses Gefühl momentan so wenig hilfreich.
Aber es markiert einen Übergang in meinem Leben, mit dem sich meine Psyche momentan beschäftigt und den sie zu bewältigen sucht.
Und dieser Übergang macht Angst, vor allem, weil er ins Ungewisse führt.

Der Tag:

Die Angst hat mich heute lange im Griff.

Und wieder habe ich einen Fehler gemacht: Der Gang zur Bank ist notwendig, um Geld einzuzahlen. Weil es gestern geregnet hatte, habe ich mir das für heute vorgenommen.
Bis mir plötzlich bewusst wird, dass ich mit H. denselben Gang vor exakt zwei Wochen gemacht habe. An diesem Tag ging es ihm nicht gut, aber es musste Geld aufs Konto, und er meinte, ein Spaziergang würde ihm „vielleicht ganz gut tun“.

Damals schien die Sonne, es war ein klarer, schöner Wintertag, gar nicht mal so kalt, aber H. fror, fror, fror. Auch da schon hatte er einen schlappen Kreislauf – ein Vorbote der jetzigen Probleme, mit denen das Krankenhaus kämpft?

Jetzt denselben Weg aus demselben Grund zu machen ist natürlich Wasser auf die Mühlen meiner Trauer.
Super gemacht!

Und dann ist in der Bank der Geldautomat kaputt, nein „vorübergehend außer Betrieb“, und nun muss ich denselben Weg morgen oder übermorgen nochmal machen.

Im Briefkasten liegt eine Mitteilung vom Amtsgericht, man könne keine Dringlichkeit erkennen, und außerdem seien die Unterlagen von der Klinik noch nicht da. Das Schreiben ist datiert vom 19. (da hatte ich das Fax geschickt), es kam gestern (23.1.).

Der Arzt sagt mir beim täglichen Anruf, es gebe Rückschritte: Die Rhythmusstörung am Freitag habe eine erneute Reanimation nötig gemacht, man gebe nun höchstdosierte Kreislaufmedikamente, aber „Ihr Mann ist schwerst herzkrank, alle drei Gefäße sind betroffen, das wissen Sie ja“. Nun, das wusste ich so bisher nicht, es war immer die Rede vom „am meisten betroffenen Gefäß“, ich hätte also durchaus mal nachfragen können. Aber was nutzt mir dieses Wissen? Ich habe nach wie vor Vertrauen, dass sie dort tun, was sie können.

Ich versuche zu arbeiten, aber die Konzentration fällt mir schwer. Babyschritte. Zehn Minuten um zehn Minuten zwinge ich mich, mich auf aktuelle Projekte zu konzentrieren.

Dazwischen starre ich aus dem Fenster oder in die Luft. Räume die gewaschene Wäsche weg. Koche Pellkartoffeln für das Abendessen. Denke an ihn. Schreibe eine SMS an die Nachbarin, die in schöner Regelmäßigkeit nach unserem Befinden fragt.

Rufe H.s Schwester an, die nur gute Nachrichten hören will und mich mit Fragen und Vermutungen löchert; sie scheint das Vertrauen in die Ärzte zu verlieren, weil sie mit deren Unsicherheiten nicht umgehen kann, und ich frage mich, ob ich nicht zu sehr vertraue? Mehr nachhaken sollte? Aber was würde das nützen?

Schreibe eine Mail an die Nachbarn im Dorf, schreibe von meiner Unsicherheit und Angst, wie zermürbend die Ungewissheit sei, dass es weiterhin um Leben und Tod ginge, dass ich mir aber – noch – nicht erlaube, um jemanden zu trauern, der ja irgendwie noch da ist.
Die Antwort kommt prompt: Trauern ist nicht, Kopf hoch und Daumen drücken, wir werden uns im Sommer alle im Dorf sehen. Ob sie das selbst glauben, oder es rheinischer Zweckoptimismus ist, der da spricht?
Genauso wenig, wie ich mir zu trauern erlaube, erlaube ich mir allzu große Hoffnung. Sollen andere das für mich übernehmen.

Zum Abendbrot koche ich alleine, zum ersten Mal seit wie lange? Zwei Wochen?
Es gibt unseren bewährten Auflauf aus Fenchel, Kartoffeln und Apfel, diesmal mit Schinkenwürfeln, weil M. Speck nicht mag. Den Fenchel habe ich wohl an diesem 2. Januar gekauft, als ich Schonkost für H. besorgt habe; der Auflauf war für den Dienstag bestimmt gewesen, als er umkippte.
Ich esse trotzdem mit Appetit und Genuss.

Im Fernsehen Katzen-Dokus, über denen ich einschlafe.

Woran ich mich erinnern will:
An den gemeinsamen Alltag. Seine Stimme. Seine Art zu denken.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Rausgehen.
Darüber nachdenken, ihm Briefe zu schreiben.
Mich den Dämonen stellen.
Die Dämonen wieder in die Kiste sperren.
Arbeiten.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Menschen auf der Straße und vor der Bank (meist mit Maske, immer mit Abstand)

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