Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der erste Tag im Danach: Selbstzweifel

27. Januar 2021. Mittwoch. Holocaust-Gedenktag. Heute hat H.s Lieblingscousine Geburtstag, das hätte ich so wohl kaum erfahren; aber vielleicht hätte er es auch irgendwann nebenbei erwähnt, so wie er es wahrscheinlich tatsächlich mehrfach in den letzten Jahren getan hat, nur ich hätte es einfach nicht weiter beachtet, mir nicht gemerkt. Nun aber poppt seit ein paar Tagen auf seinem Rechner die Erinnerung auf: „D. GT“.

Diese D. schrieb mir gestern noch Erinnerungen an ihn, das finde ich unheimlich schön: Zu hören, wie andere ihn gesehen haben, was sie mit ihm verbinden. Es macht mein Bild von ihm vollständiger.
Leider habe ich D. nur vor Jahren einmal kurz gesehen und vielleicht drei Sätze mit ihr gewechselt. Aber die beiden waren sich wichtig, also hat nun auch sie einen Platz in meinem Herzen.

Geschlafen habe ich diese Nacht praktisch nicht: Gestern Abend von neun bis halb zwölf, dann habe ich eine Stunde wachgelegen und bin schließlich aufgestanden. Habe Mails und SMS gelesen und beantwortet, Informationen für H.s Schwester und Schwager zusammengeschrieben, Nachrichten gelesen.

Kurz nach vier wieder ins Bett und wachgelegen bis um sechs. Am ganzen Körper gezittert. Aufgestanden, Müsli gegessen und Kaffee gemacht. Müde und zerschlagen auf den Bildschirm gestarrt.
Morgenroutine. Versuch, eine Art Normalität aufrecht zu erhalten.

Die Angst konzentriert sich jetzt auf mich: Was wird nun aus mir? Was, wenn mit mir etwas ist? Wer hilft mir dann? Wer kümmert sich um mich, wenn ich krank bin? Wenn ich im Krankenhaus liege? Wem kann ich Vollmachten erteilen? Wer unterstützt mich, wenn die Eltern sterben? Wer kocht mir Suppe, wenn ich Grippe habe? Wer entwickelt mit mir Strategien bei schwierigen Kunden oder sonstigen Problemen? Werde ich je wieder in die Pilze gehen können?
Ich fühle mich vollkommen alleine und hilflos.
Ich habe Myriaden von Bekannten und Verwandten, aber keine nahe Seele, keine wirklichen Freunde, niemand, der mir annähernd so vertraut ist, dass ich ihm auch nur einen Teil der Sorge um mich übertragen möchte, die H. ganz selbstverständlich allein getragen hat, so wie ich die Sorge um ihn.

Der Tag:

Ich versuche, eine Art Alltag aufrecht zu erhalten: Mails abrufen. H.s Kontostand prüfen: Kann ich die Miete zahlen? Ja. Planen. Den Bestatter anrufen. Mich sehr aufgehoben fühlen. Die Mail des Schwagers zum Thema Krankenversicherung lesen. Ihm von dem Bestatter schreiben. Den Anruf des Mannes vom Sozialdienst des Krankenhauses entgegennehmen, der sich wirklich extrem reinhängt in den Fall und mir weitere Infos zum Thema Betreuungsrecht liefert. Dabei ist das abgegessen, das Gericht faxte gestern, die ärztlichen Unterlagen vom Krankenhaus seien nie angekommen, also könne man gar nichts tun. Ich sage ihm das, er ist ähnlich frustriert wie ich. Immerhin hat er noch neue Infos für mich über die wahrscheinliche ungefähre Höhe der Krankenhausrechnung. Und das ist gar nicht so horrend viel, wie ich gedacht hatte. Das ist alles gar nicht sein Job, aber ich bin ihm unendlich dankbar und sage ihm das auch. Wir versprechen uns, einander auf dem Laufenden zu halten. Wie dankbar bin ich für solche Menschen!

Mit M. einkaufen. Sie wünscht sich: Wir nehmen eine Thermoskanne mit Kaffee mit und setzen uns auf dem Platz in die Sonne. Eine sehr gute Idee, das machen wir dann auch. Erstmal in zwei Läden, dann ich zum Briefkasten, dann ab auf die nächste Bank. Ich lasse ein wenig los. Das Zurückbringen der letzten Bierflaschen, die H. getrunken hatte, ist mir schwer gefallen. Hinterher denke ich: Musste das jetzt sein? Hätten die nicht stehenbleiben können? H. hat so wenig individuelle Spuren in meiner Wohnung hinterlassen, musste ich die jetzt aus lauter Routine beseitigen? Aber nun ist es zu spät. ein paar Tränen weine ich doch um diese Bierflaschen. Und dann weine ich beim Gedanken an seine Grabbepflanzung um seinen heißgeliebten Garten, den er nie wieder sehen und erleben wird. Endlich ein paar Tränen.

Als wir zurückkommen, steht eine kleine Vase mit drei weißen Tulpen vor meiner Tür, eine Gabe der WG aus dem ersten Stock. Ich bin gerührt. Habe ich von irgendwem eine Telefonnummer, um eine SMS zu schreiben? H. hat sicher was, er war mit so etwas besser, war ja im Herbst auch herumgegangen und hatte mit allen gesprochen, als im zweiten Stock das türkische Ehepaar kurz nacheinander gestorben war.

Er war so viel besser mit solchen Dingen als ich, war immer gleich „Da müssen wir was tun, da müssen wir helfen, da müssen wir Bescheid sagen.“ Nicht, um sich hervorzutun, sondern um anderen Menschen Ungemach zu ersparen. Und er hat immer gleich Kontaktdaten ausgetauscht, ein „wir bleiben in Verbindung“, hat Pläne entwickelt, wie es weitergehen, was die nächsten Schritte sein können, wo ich dann eher immer so bin: „Warum sollen wir uns da auch noch reinhängen, wir haben doch schon genug mit unserem eigenen Kram zu tun.“
Manchmal fiel es ihm auf die Füße, weil Leute dann tatsächlich in Verbindung geblieben sind, halt auch mal in ungünstigen Zeiten angerufen und um Gefallen gebeten haben. Das hat ihn dann schon gestresst. Aber bei ihm überwog das gute Gefühl, „das Richtige“ gemacht zu haben und seinem eigenen Bild vom guten und hilfsbereiten Nachbarn zu entsprechen. Dörfliche Prägung? Oder Erbe seines Vaters, der wohl auch ein sehr gutmütiger Mensch war?

Er wäre von der Geste mit den Blumen zutiefst gerührt gewesen und hätte sich bestätigt gefühlt, dass das hier „wie ein Dorf“ ist und wie schön das alles sei, wie die Menschen zusammenhalten und dass man ja wohl was richtig gemacht haben muss, wenn man solche Zeichen erhält.
Und ich denke: Oh je, jetzt muss ich da irgendwann hingehen und die Vase zurückbringen und mit denen reden und denen auch alles erzählen, oder vielleicht stelle ich die Vase einfach mit einem Zettel vor die Tür?
Ich bin ein Vermeider, er war ein Kontaktknüpfer.

Und ich beschließe: Wenn ich hier etwas von ihm lernen kann, dann sollte ich das tun und handeln, wie er gehandelt hätte: Hingehen, klingeln, reden, Nummern und Namen austauschen. Mich besser fühlen.

Eine Fernwartung mache ich noch, die Frau schuldet H. noch etwas Geld, das wir jetzt gut gebrauchen können. Es wird wohl der letzte Job-Termin sein, ich schauspielere ihr was vor, tue so als wäre es letzte Woche: Alles ungewiss, wechselhafte Nachrichten, Zustand stabil, aber nicht ansprechbar.

Dann noch ein Anruf bei einer anderen Kundin, der gegenüber ich ehrlich sein will. Sie ist die erste Kundin, die es erfährt. Sie ist so ehrlich entsetzt, dass mir doch wieder die Tränen kommen. Ich fühle mich schon ganz seltsam, weil ich überall so cool und gefasst rüberkomme. Hier kann ich ein klein wenig loslassen, denn die Dame ist vom Fach.

Zusammen mit M. mache ich Salat als Mittagsimbiss, ich brauche Vitamine.
Schaue aus dem Fenster. Die Schuldgefühle legen los: Vernachlässige ich H., wenn ich jetzt „Business as usual“ mache? Wenn ich nicht entsetzt, gelähmt, schockiert, in Tränen aufgelöst bin?

Aber ich bin ja schockiert, ich merke, wie die Seele mich vor mir selber schützt und nur einen minimalen Prozentsatz der vorhandenen Gefühle hochkommen lässt. Gerade so viel, wie ich verkraften kann. Ich muss mir da jetzt selbst vertrauen, dass das schon richtig ist, wie ich es mache. Und dass H. der letzte wäre, mir Vorwürfe zu machen, weil ich „nicht genug“ um ihn trauere.

Ich entschuldige mich mental bei ihm: „Das sieht jetzt hier aus, als wäre mir das alles egal – Das ist es nicht, aber ich kann damit gerade nicht anders umgehen.“ Und ich höre seine Antwort: „Das ist doch alles kein Wunder, guck mal, was jetzt alles ansteht. Ich weiß auch gerade nicht, wo mir der Kopf steht, ich kann das alles noch gar nicht fassen.“ – „Ich denke halt, ich müsste jetzt traurig sein und verzweifelt und zusammenbrechen, aber ich kann das nicht.“ – „Und was würde das nützen? Es muss doch weitergehen!“ – „Okay. Ich möchte nur nicht, dass Du mich für gefühllos hältst oder so was.“ – „Quatsch. Ich weiß doch, dass das nicht so ist!“
Und dann würden wir uns in den Arm nehmen, er würde unter meinem Rückenstreicheln die Schultern fallen und den Kopf auf meine Schulter sinken lassen und sich merklich entspannen und wohlig brummen. Dann würden wir uns ein Küsschen geben und er mir ein „Hab Dich liieeb!“ ins Ohr flüstern.

Vielleicht ist es auch einfach viel zu viel, und ich würde verrückt werden, wenn ich jetzt alles einfach zuließe. So sorgen Körper und Seele für etwas Erholung und Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen.

H.s Freund K. ruft an, bietet mir auf seine unnachahmlich reizende Art jede erdenkliche Hilfe an. Ich merke, er sucht selber Halt, möchte über H. sprechen, kann es aber gerade nicht. Er hat H. auf seine Art sehr geliebt. Nach wenigen Sätzen bricht er in heftige Tränen aus und das Gespräch ab.
Und ich fühle mich wieder wie ein Monster, weil ich nicht so weinen kann.

Der Freund aus K. ruft an, auch er erstmal sehr betroffen, nach und nach gewinnt aber auch bei ihm ein sachlicher Ton die Oberhand. Wir schützen uns alle, so gut es geht. Und das Leben geht ja weiter.

Ich weiß doch, wie es ist, wenn man eine solche Nachricht erhält – wir waren oft genug am anderen Ende, haben die Todesnachricht eines Bekannten oder gar Freundes oder Verwandten empfangen: Man ist geschockt, weint auch vielleicht ein wenig, dann geht das Grübeln los: Warum der? Warum jetzt? Und dann kommt ganz bald ein Gefühl von Dankbarkeit, dass es nicht einen selbst oder den einem selbst am nächsten stehenden Menschen getroffen hat, sondern „nur“ den oder die. Und man rationalisiert: So, wie der gelebt hat, überrascht es ja auch nicht wirklich. Immerhin war sie ja auch schon ganz schön alt und hatte ein schönes Leben. Und wenn dann der Tod noch gnädig schnell und schmerzlos gekommen war, kann man sich noch zu so etwas wie Dankbarkeit durchringen – immerhin musste er/sie nicht leiden – und dann das ganze abhaken und weitermachen. Manchmal dauert das Schockiertsein und Weinen ein wenig länger, aber man geht doch recht schnell wieder zur Tagesordnung über: Nochmal davongekommen!
Wobei: H. hat das immer bedeutend schwerer und persönlicher genommen, aber er hatte auch eine spezielle Beziehung zum Tod, der ihm früh den geliebten Vater genommen hat.

M. fängt an Geschirr zu spülen, kann aber nicht so lange stehen, der Rücken schmerzt zu sehr. Auch beim Kochen ist das so. Wie führt sie eigentlich ihren eigenen Haushalt?
Ich übernehme, zwischendrin ruf P. an, bestellt Grüße von der Verwandtschaft, von Onkel F. und Tante L.; Tante R: wird wohl später anrufen. Erklärt mir was zu seinem Computer, wie ich an wichtige Daten komme. Er ist nochmal aufgerüttelt worden, denn ich muss ja durchblicken, wenn was mit ihm ist. Teils ist das wohl tatsächliche Fürsorge, teils vielleicht auch die Angst, ohne H. käme ich damit nicht zurecht.

Beim Spülen durchzuckt mich ein Gedanke: Ich spiele ja schon mit den Möglichkeiten, ob ich beispielsweise mich doch weiter um das Häuschen bemühe, weiter die Raten abzahle, vielleicht sogar dorthin ziehe, um hier Kosten zu sparen, und nach meinem Tod fällt es dann regulär an H.s Nichte und Neffen.
Das ist noch zu wenig durchdacht, ich muss erstmal herausfinden, ob das noch meine künftige Lebensplanung sein soll. Aber wenn: Wäre es dann nicht doch besser, H. gleich dort zusammen mit seiner Mutter zu bestatten? Er hätte ja dort leben wollen.

Aber stimmt das? Hätte er das wirklich wollen? War die Sorge um meine Eltern nicht auch ein wenig vorgeschoben, um die Entscheidung für eine endgültige Übersiedlung aufzuschieben? War er nicht im Grunde ganz zufrieden mit dem Setting, den Lebensmittelpunkt hier in Berlin zu haben und das Häuschen als eine Art Ferienwohnung zu nutzen, Hauptsache es wird erhalten?

Ich recherchiere, unter welchen Umständen und zu welchen Kosten eine spätere Überführung seiner Urne möglich wäre und entscheide: Er bleibt erstmal hier.

Zum Abendbrot gibt es Reste von gestern: Broccoli mit Käsesoße, dazu etwas Rest Salat vom Mittag, eine Scheibe Schinken, ein Butterbrot. Na ja. M.s Küche ist hilfreich, aber nicht befriedigend, ich bin anderes gewohnt.

Schlafe gegen halb neun vor dem Fernseher ein.

Woran ich mich erinnern will:
So viel Zuwendung von so vielen Menschen. Hilfsangebote ohne Ende. Erschütterung. So viel Liebe für H.

What I did today that could matter a year from now:
Mit dem Bestatter sprechen.
Wichtige Informationen weitergeben.

Was wichtig war:
Weinen.
Weitermachen.
Reden.
Zuhören.
Dran bleiben.
Nachdenken, reflektieren.
Mir selbst verzeihen.
Seine Stimme hören.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Personal und Kund:innen im Drogerie- und im kleinen Supermarkt (Kundschaft mit Maske aber nicht immer Abstand, Personal ohne Maske, aber mit Spuckschutz)

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