Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der fünfte Tag im Danach: Zwiesprache und Tränen

31. Januar 2021. Sonntag. Und wieder eine 4-Stunden-Nacht: Gesessen und geschrieben bis eins, dann geschlafen bis fünf, dann aufs Klo, dann teils wach gelegen, teils eingedöst bis 6:45 Uhr.

Langsam packt mich die große Angst, dass ich sehr ungesund mit H.s Verlust umgehe. Nach C.s traumatischem Tod 2014 habe ich so sehr gelitten, dass ich irgendwann das Gefühl hatte, nun sei alle Trauer, die mir möglich ist, für den Rest meines Lebens aufgebraucht. Als kurz darauf die Schwiegermutter starb, weinte ich keine Träne, obwohl ich sie 10 Jahre lang kannte und sehr mochte und H. sehr unter ihrem Tod und der Begleitung dorthin litt. Dasselbe bei Menschen aus dem Bekanntenkreis oder bei den beiden Nachbarn, die im Sommer auf so tragische Weise kurz hintereinander starben. Ich nahm den Tod hin, als Fakt, und gewöhnte mich schnell daran, dass der gestorbene Mensch nicht mehr da ist. Keine Traurigkeit, keine Träne.
Das Leben geht weiter.

Ich dachte auch die ganze Zeit: Wenn meine Eltern oder irgendjemand aus meiner Familie stirbt, dann werde ich das emotional wegstecken, denn: Es ist keine Trauer mehr übrig. Der Tod kommt unausweichlich, what will be, will be.

Dass es mir aber mit H.s überraschendem Tod genauso gehen könnte, hätte ich niemals in Erwägung gezogen – das ist doch undenkbar! Die Liebe, das Zentrum meines Lebens ist plötzlich weg, und ich mache einfach weiter? Nein.
Aber nun fühlt es sich so an als würde genau das geschehen.

Und das macht mir Angst.

Ich will nicht glauben, ich hätte mich ja schon lange mental und emotional auf einen drohenden Verlust vorbereitet – wie soll man sich bitte auf ein solches Ereignis tatsächlich vorbereiten können?! Und ich will mir nicht einreden, ich sei ohnehin besser geeignet als H., alleine klar zu kommen, also sei das alles schon irgendwie in Ordnung.

Ich will den Schmerz nicht verdrängen oder abspalten, ich will die Bedeutung des Verlustes nicht leugnen, will ihn nicht als weniger schwer sehen als er tatsächlich ist – egal ob aus Angst, es nicht aushalten zu können, oder um seinen Tod letztendlich nicht wirklich akzeptieren zu müssen.

Ich will den Schmerz spüren!

Und kann es nicht. Und das macht mich fassungslos.
Wie kann ich versuchen, die Rolle, die er in meinem Leben eingenommen hat, herunterzuspielen, damit ich nicht trauern muss?
Was für eine Geliebte bin ich, die keinen Schmerz um den Tod des Geliebten spüren kann?
Was für ein Monster?

* * * * *

Ich bekomme gemeldet, ich verlange mir gerade insgesamt zuviel ab, das mag stimmen, das ist eine meiner Schwächen: Sobald ich etwas durchdacht habe, muss es Wirklichkeit werden, ohne Rücksicht auf Bremser wie Gefühle, Schwächen, äußere Umstände, fehlende Energie oder ähnliches. Klappt es dann nicht, Denken und Handeln in Einklang zu bringen, bin ich frustriert.

Es ist gut, das zu hören, denn da war H. immer mein Regulativ, meine Bremse, und die fehlt mir jetzt.

Ich glaube, er war einerseits fasziniert von meinem immer aktiven, denkenden, schnellen Kopf, andererseits fand er es wohl manchmal auch ein wenig gruselig und meinte, das viele Denken könne mir auf Dauer nicht gut tun, der Kopf müsse sich doch auch mal erholen.
Er konnte zum Beispiel gar nicht verstehen, wie ich nach einem Arbeitstag, Gesprächen und einem intensiven Film im Bett noch lesen konnte: „Dir muss doch der Kopf platzen! Immer noch mehr Input, das kann doch nicht gut sein!“
Für mich ist das aber gar kein zusätzlicher Input, sondern Entspannung: einer Geschichte zu folgen, anstatt selber denken zu müssen. Beim Lesen kommen die Gedanken zur Ruhe und müssen diszipliniert einem vorgegebenen Weg folgen, anstatt loszustürmen und sich zu überschlagen.

* * * * *

Ich versuche, mich mit H. zu identifizieren bzw. ihm in Kleinigkeiten nachzueifern, um ihm weiterhin nahe zu sein, um ihn bei mir zu spüren. Wenn ich einfach „Ich“ bin, habe ich noch stärker das Gefühl, ihn ganz schnell aus meinem Leben zu radieren. Ich würde so gerne noch eine Weile im „wir“ verharren, bevor ich mein verändertes, neues „Ich“ werde.

* * * * *

Ich hätte mich nicht sorgen müssen: Heute begann die Wahrheit einzusickern und die Traurigkeit sich Bahn zu brechen. Ich begrüßte sie mit offenen Armen.

Sah die Fotos der letzten beiden Jahre durch auf der Suche nach einer schönen Aufnahme von H. für die Todesanzeige/ Benachrichtigungskarte, für die Kapelle oder für was auch immer.
Weinte heiße Tränen und plötzlich, plötzlich spürte ich seinen Verlust geradezu körperlich, konnte seelisch erfassen, was dieses „nie mehr“, das mir mental so leicht von den Lippen geht, tatsächlich bedeutet.

Weil sich ein Anruf von H.s Nichte, die ihm wohl die engste und liebste Verwandte war, auf den Abend verschob und draußen wunderschön die Sonne vom blauen Himmel strahlte, überwand ich mich rauszugehen, in den großen Park, wohin wir Ende Dezember, Anfang Januar zweimal zusammen gegangen waren.

Auch dieser Weg war sehr schwer, schmerzlich und dennoch schön: Ich weinte um ihn, um uns, um mich, und ich konnte Zwiesprache mit ihm halten: „Ach guck, hier standen wir vor genau drei Wochen und sahen den Schwänen zu!“ – „Ich mag hier nicht lange stehen bleiben, mir ist kalt und es ist mir zu voll. Wie ist es für Dich?“ Und er war bei mir, und das war traurig und schön.

Und auf dem Rückweg begann ich, eine Abschiedsrede für ihn zu halten, sprach über die letzten Wochen und wie ich ihn wahrgenommen habe.

Und auf den Bildern sehe ich plötzlich, was mir im Alltag nicht aufgefallen war: Wie müde und erschöpft er aussah in den letzten Wochen. Wie alt er geworden ist, die Haut am Hals schlaffer, ein wenig zugenommen und dieser müde und leicht gequälte Zug um die Augen, selbst wenn er mir zuliebe lächelt. Er hatte stärkere Schmerzen als er zugegeben hat. „Nützt ja nüscht. Was soll ich mich über Schmerzen aufregen? Das muss weg!“

* * * * *

Die Schwester ruft an, voller Begeisterung, sie habe gestern Abend im Bett darüber nachgedacht, was ich gesagt hätte, also mein Vorschlag, dass jeder der Anwesenden etwas zur Trauerfeier beiträgt. Und nun habe sie sich überlegt, von Kindheitserinnerungen zu erzählen, „das weiß doch außer mir jetzt niemand mehr“. Dazu könnte sie passende Fotos zeigen. Mir gefällt das sehr, und ich hoffe, es klappt.

Sie beginnt auch gleich zu erzählen: von dem kleinen H., der in den ersten Nächten im eigenen Zimmer im neuen Haus aufwachte und nach dem Papa rief und weinte: „Die Grätzelchen kommen!“ und wie sie nie herausbekommen haben, was er meinte.

Und wie sie und ihr damaliger Freund und späterer Mann die Mutter und den zehnjährigen H. im Sommer nach dem Tod des Vaters mit nach Mallorca nahmen und er am Strand mit dem späteren Schwager Sandburgen baute.

* * * * *

Abends dann mit H.s Nichte gesprochen, die ich auch ein wenig kenne aus ihrer Zeit, als sie in Berlin lebte.
Er hatte sie sehr geliebt, ich denke, von der ganzen Verwandtschaft war sie ihm am nächsten, obwohl 18 Jahre Altersunterschied zwischen ihnen lagen. In ihrer Berliner Zeit wollte er sie unter seine Fittiche nehmen, aber es stellte sich bald heraus, dass auch sie ihm eine wichtige Stütze war in seinen Lebenskrisen. Sie war ihm wohl mehr etwas wie eine kleine Schwester.

Sie lebt in Großbritannien und ist sehr frustriert, dass sie wegen Corona höchstwahrscheinlich nicht zur Beerdigung kommen kann. Überhaupt hat auch sie ihre Schicksalsschläge gehabt: 2019 war die Mutter ihres Mannes sehr scwher erkrankt und gestorben, das Haus musste leer geräumt und verkauft werden, dann hoffte man auf ein besseres 2020, „und dann kamen Kack-Corona und der Scheiß-Brexit“, und nun beginne auch 2021 schon wieder „so richtig beschissen“.

Wir weinen zusammen und lachen zusammen, und sie stellt genau die richtigen Fragen: „Kann dich da niemand begleiten? Kann dir da niemand helfen?“
Und mir wird wieder bewusst, das sich zwar viele Bekannte habe, aber praktisch keine Freunde, und dass mein Sozialleben im Wesentlichen von H. gemanagt wurde.

Ich bin nicht gut im Pflegen von Kontakten; auch aktuell wächst die Liste der Leute, die ich dringend anrufen möchte und muss, und mir fällt das nicht nur wegen der besonderen Situation unheimlich schwer.

* * * * *

Nachmittags nach meinem Spaziergang essen M. und ich Rohkostsalat und den Rest von gestern (für jeden eine Viertel Kartoffel und ein Löffelchen Rahmporree), zu meinem persönlichen Gedenken an H. mache ich uns Glühwein warm (das hätten wir nach diesem Spaziergang heute auch gemacht).
Abends sind wir dann beide noch satt, machen uns nur ein paar Haferflocken (M.) bzw. Müsli (ich) mit etwas Obst.

Im Fernsehen ein schöner Bericht: Müritz: Menschen vom „Kleinen Meer“. H. hat die Müritz sehr geliebt und auch solche Porträtsendungen gern angeschaut, vor allem, wenn es Gegenden waren, die er kannte und darin etwas schräge Vögel mit seltsamen Leidenschaften vorkamen.

Wie der junge Mann mit der Gärtnerei am Ende vom Tod seines Vaters in diesem Jahr, in dem das Filmteam ihn begleitet hatte, spricht, macht mich ruhig und glücklich. Sinngemäß:
Zwei Tage bevor er starb, war er mir plötzlich sehr nahe und ich begriff, dass mit seinem Tod die Vergangenheit endet, aber auch die Zukunft, die ich mir für uns ausgemalt und gewünscht hatte. Dass er nie meine Kinder aufwachsen sehen wird. Dass er nicht erleben wird, wie es hier mit dem Betrieb und mit meinem Leben weitergehen wird. Das war hart. Aber jetzt trage ich ihn in mir und höre seine Stimme und profitiere von seiner Erfahrung. Er ist nicht mehr dort im Haus, ich kann nicht zu ihm hingehen, aber er ist trotzdem immer bei mir.

Wenn ich diesen Zustand einmal erreichen kann (und ich zweifle nicht daran, dass mir das gelingen wird), bin ich sehr, sehr glücklich.

Woran ich mich erinnern will:
Sonne und Schnee und Kinder und Hunde und Vögel. Dich spüren, mit Dir sprechen, um Dich weinen können.

What I did today that could matter a year from now:
Bilder ansehen.

Was wichtig war:
Der Traurigkeit Raum geben.
Sie umarmen.
Rausgehen, um mit ihm allein zu sein.
Ihn spüren.
Seine Abwesenheit spüren.
Aber auch seine Anwesenheit.
Sprechen.
Weinen.

Begegnungsnotizen:
M. (aktuelles Haushaltsmitglied)
Menschen auf der Straße und im Park (Abstand).

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