Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der vierzehnte Tag im Danach: Ruhig werden

9. Februar 2021. Dienstag. Heute vor vier Wochen brach meine Welt auseinander, heute vor zwei Wochen brach sie zusammen.
In den letzten vier Wochen war kein Tag auch nur annähernd „normal“, und ich habe praktisch nur Dinge getan, die ich sonst nicht tue oder getan hätte.

Geschlafen: Von eins bis vier, als ich plötzlich mit einer Panik-Fantasie aus einem Traum hochschrak. Ich konnte mich schnell wieder beruhigen und schlief zum Glück nochmal bis um sechs. Mit Nickerchen vor dem Fernseher wieder fünfeinhalb bis sechs Stunden Schlaf.
Heute zum ersten Mal seit vier Wochen wieder normaler Stuhlgang (bisher Durchfall).

Seit Samstag habe ich diese seltsamen Rückenschmerzen, die ich von Zeit zu Zeit bekomme: Der Schmerz zieht dann, vor allem beim Aufstehen und Stehen, aus dem unteren Rücken tief ins rechte Bein. Auch die Hüfte schmerzt dann etwas. Ich bemerke das seit Samstagabend, es wird jeden Tag ein wenig schlimmer, besonders beim Aufstehen bleibt mir vor Schmerz kurz die Luft weg.
Ich reibe die Stelle, die ich als Ursprung vermute, mit H.s Wärmesalbe ein.
So ist das: irgendwo ist etwas, da rennt man doch nicht gleich zum Arzt…

In den ersten zwei Wochen nach H.s Zusammenbruch habe ich drei Kilo abgenommen. Jetzt stagniert das, ich habe also wohl wieder ein Gleichgewicht zwischen Energieverbrauch und -zufuhr erreicht.
Weiter abnehmen wäre indes gar nicht verkehrt; von allen Seiten schreit es mir gerade wieder entgegen: Übergewicht ist ein Hochrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und schwere Verläufe bei Corona! Regelmäßige Bewegung beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor!
Sicher, es sind die üblichen Winterthemen, aber nun frage ich mich natürlich doch noch etwas ernsthafter als sonst: Lohnt es sich nicht, das jetzt endlich mal (wieder) konsequent anzugehen? Kann ich gegensteuern? Ein Schicksal wie H.s für mich abwenden? „Gesund“ alt werden?

H.s Risikofaktor war das Rauchen und vielleicht das Bier. Ansonsten lebte er recht gesund, er hatte nur sehr geringes Übergewicht (und auch erst in den letzten zwei, drei Jahren), er ernährte sich ausgewogen, und er bewegte sich erheblich mehr und mit weniger Mühe als ich. Wenn jemand ein Herzproblem entwickeln würde, hätte ich immer eher auf mich getippt.

Aber es hat ja auch Gründe, warum ich nicht abgenommen habe, warum ich mich wenig bewege. Ich muss an diese Gründe ran: Eine allgemeine Abneigung gegen Sport. Eine (zu) große Lust am Essen. Faulheit. Nicht wissen, was und wie ich es machen soll. Angst vor Überforderung und Verletzungen. Umständlichkeiten. Zeitmangel. Aktuelle Malaisen, die mich abhalten, die schmerzenden Stellen zu belasten. Notwendigkeit, den Tagesablauf anzupassen, um Zeit und Raum für mehr Bewegung zu schaffen. Nicht wissen, wie das in meinen Biorhythmus passt. Abneigung gegen Veränderung. Bequemlichkeit. Aufschieben („stimmt, das sollte ich mal machen“).

* * * * *

Heute konnte ich den Frühstückstisch decken, ohne zu weinen.

Ich merke, ich greife auf Ressourcen zurück, die ich in mir habe.
Mein Alltag nähert sich wieder dem von „vorher“ an. Ich beschäftige mich zwar inhaltlich teilweise mit neuen Menschen und anderen Aufgaben, kann aber auf meine Systeme und Routinen zurückgreifen, das gibt Sicherheit. Und Ruhe im Kopf.

Aber natürlich oszilliere ich sofort zum „verlustorientierten“ Pol, sobald mir etwas fehlt:
Wenn ich unterm Tisch versehentlich an seinen Stuhl komme und kurz denke, es ist sein Bein, und dann fehlt mir schlagartig die Berührung, die Wärme, sein Blick.
Oder wenn ich über etwas nachdenke, was ich ihn fragen würde, um seine Meinung dazu zu hören, und dann fehlt mir der Austausch, das Verständnis.
Oder wenn mir die Stille in der Wohnung bewusst wird, dann fehlt mir seine Anwesenheit, seine Stimme, selbst wenn wir nur über Belangloses reden.
Überhaupt, das Reden. Mit wem soll ich nun all die Alltagsdinge und -gedanken teilen und diskutieren, die permanent in meinem Kopf aufpoppen wie Popcorn?

* * * * *

Um mich mehr zu bewegen, dehne ich den Weg zum Supermarkt etwas aus. Gehe die Runde, die H. bei unserem letzten Spaziergang eigentlich gehen wollte und wo ich wegen Fußweh streikte, und am Ende war er froh darum.
Heute aber gehe ich diesen Weg, und ich gehe sogar noch weiter, eine ganze Stunde lang gehe ich und denke an ihn und uns und wie das jetzt wohl „normalerweise“ wäre, denn er wäre vermutlich heute Mittag lieber zu sich rüber gegangen, anstatt mit mir spazieren zu gehen, weil er vermutlich „scheißviel“ zu tun gehabt hätte, mit Kundentelefonaten und Recherchen und Rechnungen und was weiß ich.
Ich wäre also vermutlich in jedem Fall hier alleine unterwegs gewesen, mit überfrorenem Kanal und weiten Schneeflächen.
Das macht es etwas leichter.
Vermutlich hätte ich ihm begeistert davon erzählt und ihn ermutigt, sich doch mal „ein Stündchen oder zwei“ Zeit zu nehmen und mit mir durch den Schnee zu laufen. Vielleicht hätte er es gemacht, vielleicht das auch bis zum Wochenende verschoben: „Dann könnten wir ja vielleicht mal rausfahren und richtig laufen“.
Ja, vielleicht.
vielleicht wären wir am Wochenende an die Oder gefahren um „Brieger Gänse“ anzuschauen. Vielleicht auch nicht.

Der Einkauf fällt mir heute ein wenig leichter. Ich kaufe Radieschensamen, die kommen aufs Grab.

Ich habe Lust, ins Haus zu fahren. Schaue nach Zugtickets Ende Februar. Ja, ich habe die Freifahrten, aber wenn ich für 40 oder 50 Euro hin (und zurück) komme, brauche ich die doch jetzt nicht verschwenden.

* * * * *

Eine Kundin von H. ruft an, sie hat meinen Brief bekommen und ist ehrlich erschüttert. Ich bewundere ihren Mut: ich hätte nicht bei der Lebensgefährtin eines Dienstleisters angerufen. Aber vielleicht ist das auch ein Zeichen, wie nah H. seinen Kund:innen gekommen ist. Wie positiv für beide Seiten die Beziehungen waren, die er da geknüpft hatte. Und wir sprechen wirklich nett und sehr persönlich. Was für ein ungewöhnlicher Mensch er war, er hat überall Freundlichkeit und Mitmenschlichkeit verbreitet.
Und so bietet mir eine wildfremde Frau an, sie jederzeit anrufen zu dürfen, wenn mir „nach Reden“ sei. Unglaublich.

* * * * *

Ich schreibe erste Mitteilungen über den Bestattungstermin an die Freunde in K., denn sie haben die aufwändigste Planung.

Sende versprochene Informationen an die Floristin und den Bestatter und eine Mail an die Lieblingskundin und Lizenzcodes an einen gemeinsamen Kunden. Ich übernehme jetzt anscheinend doch ein paar von H.s Arbeiten; wir werden sehen, wie das läuft.

Räume Wäsche weg und mache Platz für eine Yoga-Session: Yoga for Grief | Yoga with Adriene (YouTube-Link). Die knappe halbe Stunde Yoga tut supergut. Ich schaue nach: Das letzte Mal habe ich im Juni Yoga gemacht, es wird also Zeit. Sicher tut das auch meinem Rücken gut.
Dusche und creme mich ein. So trockene Haut hatte ich jahrelang nicht mehr, ist wohl die Kälte.

Rufe M. an, auch sie hatte einen normaleren Tag heute, konnte sich wieder mit Dingen beschäftigen, für die sie vier Wochen keine innere Ruhe gehabt hatte.
Auch hier also eine gewisse Normalität.
Durchschnaufen.

Ich koche. Zwar nur Süßkartoffelpüree, aber dem ging eine fast normale Essensplanung voraus, zu der ich die letzten vier Wochen nicht fähig gewesen wäre: Es ist noch ein Rest Salat da, außerdem müssten die Süßkartoffeln weg, was fällt Dir dazu ein?
Mir fiel ein, dass ich Süßkartoffelpüree sehr mag, und dazu und zum Salat irgendeine Form von Bratwurst gut passen müsste. Es wurde eine Merguez.
Sehr gut. Dazu das letzte Glas guten Rotweins (Barbera), den wir noch zusammen getrunken hatten. Die vier Wochen Stehen in der verschlossenen Flasche haben ihm nicht geschadet.

Ich will länger aufbleiben, um so vielleicht auch langsam den Nachtschlaf wieder zu normalisieren. Nur mit Fernsehen funktioniert das nicht, da schlafe ich ein. Also lasse ich eine Doku auf ARTE laufen („Die Nazis, die Arbeit und das Geld„) und nehme mir dazu die mitgebrachte Tüte von Briefen und lose herumliegenden aktuelleren Papieren aus H.s Wohnung vor, die ich letztens mitgebracht hatte.

Ich öffne Unmengen von Briefumschlägen aus 2018 bis 2020, aber sie enthalten – und das wusste H. natürlich – nur Kontoauszüge, die er sowieso auch immer digital bekommt. Dazu noch ein paar Unterlagen zum Haus, die er vermutlich schon eingescannt und nur noch nicht abgelegt hatte. Und Notizzettel zu Kundenprojekten aus dem letzten Jahr. Manches verstehe ich, vieles nicht; weitestgehend erledigt ist vermutlich alles, er wollte wohl nur noch das eine oder andere Detail irgendwo notieren.
Ich werfe sie nicht weg, denn sie tragen seine Handschrift, und ich habe so wenig von ihm, weil ich nun auch nicht jeden Notizzettel aufgehoben habe (obwohl ich beim Wegwerfen schon immer dachte: „Heb das doch auf, wer weiß, was kommt, und du hast sonst nichts von ihm…“).

So beschäftige ich mich bis halb zehn, dann kuschele ich mich doch mal im Bett ein und schaue noch ein wenig weiter.

Woran ich mich erinnern will:
Ein fast normaler Tag, was für ein Glück das sein kann.

What I did today that could matter a year from now:
Ein Gespräch führen, offen sein.
Eine Geschäftsentscheidung fällen.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Spazieren.
Reden.
Offen sein.
Einen Hund streicheln (dieses seidige Fell am Kopf!).
Liebevoll an H. denken.
Yoga.
Send love to myself.

Begegnungsnotizen:
Personal und Kund:innen im großen Supermarkt und beim Drogisten.
Spaziergänger:innen auf der Straße und am Kanal (ohne Maske, aber weitestgehend Abstand).
Die Nachbarin von oben samt Hund auf der Straße (Abstand, keine Maske).

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