Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der neunzehnte Tag im Danach: Ablenkung und Rückenschmerzen

14. Februar 2021. Sonntag. Geschlafen: Neuneinhalb Stunden von etwa halb neun bis sechs. Stündliches Aufwachen. Schmerzen in der Pobacke und im Fuß, vor allem beim Umdrehen. Keine Panikattacken.

Zum Glück hat der Valentinstag bei uns nie eine Rolle gespielt, allenfalls als Signal, jetzt – endlich – die vertrockneten Zweige von Weihnachten zu entsorgen und den Frühling ins Haus zu holen: Mit Korkenzieherweide und bunten Tulpen.
Da ich aber momentan in einem Museum leben will, entfällt das erstmal. Nächste Woche brauchen die Blumenläden auch noch Umsätze. Oder übernächste. Oder nach der Beerdigung. Oder Ostern.

Immerhin blüht am Fenster eine der kleinen Narzissenzwiebeln, die ich Montag beim Discounter gekauft hatte. Diese Narzissen und die drei Hyazinthenzwiebeln werde ich aufs Grab setzen. Dann blühen sie im nächsten Frühjahr und geben H. ein Gefühl vom Garten. Traubenhyazinthen brauche ich noch, aber das kommt, wahrscheinlich nehme ich nächstes Mal welche aus dem Garten mit.
Das mit den Frühlingsblumen hatte ich beim Grab seiner Mutter ja auch vor, aber da funktionierte das nicht so richtig, weil dort zu viel herumgegraben wurde. Ich sollte es jetzt nochmal versuchen.

Draußen ist es grau und kalt, die Bäume sind mit Rauhreif überzogen. Trotzdem machen die Spatzen Alarm, und in der Ferne huhuut eine Ringeltaube.
Sie wollen jetzt Frühling.

* * * * *

Getreu dem Prinzip der zwei Pole bin ich heute wieder eher traurig und melancholisch.

Das ist auch schön, denn anders als an diesen guten Tagen, wo ich wirklich nicht das Gefühl habe, dass H. fort ist, geschweige denn für immer, spüre ich an den traurigen Tagen eine intensive Nähe zu ihm.
Ich weiß, dass die Erinnerung an ihn irgendwann verblassen und er in die Tiefe meiner Vergangenheit herabsinken wird, und dann wird es neue Menschen und Erlebnisse und Pläne geben, aber momentan will ich an ihn noch nicht als „Erinnerung“ denken, sondern nach wie vor als „Gegenwart“. Ich sage „er war“ und fühle „er ist“.
Und das Wissen, dass er „nicht mehr ist“ macht mich dann endlos traurig.
Aber das ist okay, so soll es sein.

Deswegen will ich momentan auch noch alles bewahren: Die Dinge, die er in meiner Wohnung hinterlassen hat, die Dinge in seiner Wohnung, seine Infrastruktur mit den diversen Rechnern, die Ablage und Sortierung seiner Daten und Unterlagen, das Haus.
Irgendetwas ändern hieße anzuerkennen, dass er nie wiederkommt.

Was derzeit am meisten schmerzt: ich kann mich nicht an sein Lachen erinnern.

* * * * *

Ich denke an den Rettungseinsatz. Wie da zeitweise drei Rettungswagen in der schmalen Straße standen. Und ich ertappe mich bei dem Gedanken, wie ich ihm eines Tages davon erzählen werde: „Denk nur, drei Autos, alle Deinetwegen!“ – „Ach Du meine Güte. Und dann?“
Nein.

* * * * *

Der Freund aus K. hat heute Morgen gemailt: Ruf mich unbedingt an; ich habe Fragen.
So ist er: Kein Wort, worum es geht, kein Wort zur zeitlichen Erreichbarkeit. Kein „falls Du kannst“.
H. hat das immer wahnsinnig gemacht, und er hat versucht, ihn dazu zu bringen, anders zu kommunizieren, aber mit wenig Erfolg.

Ich rufe also an. „Das passt gerade überhaupt nicht, ich habe eine Videoschalte mit [ein gemeinsamer Freund] in Berlin!“ – „Ja, ok, ich wollte Dir nur sagen, ich muss in einer halben Stunde weg…“ – „Ja, gut, aber ruf mich nachher unbedingt noch an!“ – „Ich wollte Dir gerade sagen: ich kann nachher nicht!“ – „Ach so…“ – „Also frühestens abends, ich weiß aber nicht, wann ich zurück bin.“ – „Ja, gut, dann eben dann, egal, aber unbedingt!“ – „Wann gehst Du denn ins Bett?“ – „Früh, so um zehn.“ – „Na gut, ich versuche es vorher.“ – „Ja, ok.“

Worum es geht? Kann ich nur raten.

* * * * *

Ich bedanke mich bei der Freundin für den Spaziergang gestern und schreibe von vorsichtig positiven Entwicklungen.
Und von H.s letztem Gespräch über sie, zwei Tage vor seinem Zusammenbruch.

Sie antwortet sehr lieb, anscheinend bin ich ihr nicht auf den Wecker gefallen. ich weiß, ich habe die Tendenz, sie anzustrengen, sie war mit H. enger als mit mir.
Sie schreibt sehr süß von ihrer neuen Küche, die sie H. nun nicht mehr zeigen konnte, und wann wir uns wohl das letzte Mal gesehen hätten. Ihn hat sie in den vergangenen Jahren ein wenig öfter gesehen als mich, zum einen, weil er doch wenigstens einmal im Jahr wegen Computerkram bei ihr war, zum andern weil er abends immer auf dem Weg zu mir am Stammlokal vorbeigekommen ist und sie von Zeit zu Zeit dort saß. Außerdem hatten sie ab und zu telefonisch Kontakt, wenn bei ihr etwas hakte; zuletzt im November, als wir im Haus waren.
Sie hat ihn sehr, sehr gemocht, vor allem, weil er immer an ihren Sohn geglaubt hat, der als Jugendlicher massiv mit Depressionen zu kämpfen und auch Selbstmordversuche unternommen hatte Bei dem Thema war H. ohnehin extrem sensibel und mitfühlend, und hat die Freundin immer bestärkt, zu ihrem Sohn zu halten und an ihn zu glauben.
Nun hat der Sohn, mit Mitte Zwanzig, eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, und sie hat Recht: Darüber hätte H. sich unglaublich gefreut… „Wow!“ hätte er gesagt, „Wow! Super! Das sind ja gute Neuigkeiten! Dann grüße ihn ganz herzlich von mir! Gut gemacht!“

* * * * *

Ich fahre zu P. Zum ersten Mal seit Weihnachten. Zum ersten Mal, seit „es“ passiert ist. In den letzten 17 Jahren war ich kaum mal alleine dort, immer mit H.
Erinnerungen überfluten mich, vor allem natürlich an das letzte Mal, am 25. Dezember, wo H. es sich nicht nehmen ließ, den Strauß (in einer Tüte) zu tragen, obwohl es ihm schwer fiel, denn die Haltung verursachte ihm Schmerzen. Aber ich sollte nicht alles alleine schleppen.
Denselben Weg gehe ich heute, allein.
Und es ist hart, nicht nur, weil ich selber vor Rückenschmerzen (eingeklemmter Ischiasnerv?) kaum gehen kann.

An P. bemerke ich eine vorsichtige Zugewandtheit, die tut gut. Ich bemühe mich, nicht zu abwesend und unkonzentriert zu sein, sondern mich auf ihn einzustellen. So wie H. es täte.

Wir besprechen Notfallpläne, er weist mich in seine Unterlagenstruktur auf seinem Rechner ein. Auch ein sehr ordentlicher und systematischer Mensch. Sollte ich mir als Beispiel nehmen; die Sortierung entspricht mir auch mehr als H.s Ordnung.

Wie immer Berge von Essen: Ein dickes Hühnerbein mit krustig gebratener Haut, dazu Kartoffelpüree und eine Gemüsemischung aus Mais, Erbsen und Paprika.
Wir sitzen wie immer am Tisch, H.s Platz bleibt frei. Auf dem Tisch noch dieselben Tischdecken wie Weihnachten, an meinem Platz Soßenflecke. Ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht loszuheulen.

Um halb sechs breche ich auf, P. geht es nicht gut dieser Tage. Er spendiert mir ein Taxi, damit ich „in der Kälte“ (und mit meinem Rücken) nicht laufen muss. Ich fühle mich uralt, bin aber gerührt über seine Art, Zuneigung zu zeigen.
das Taxi ist ein Segen und gar nicht so teuer wie erwartet (na ja, mit Trinkgeld sind es 30 Euro). Hätten wir doch Weihnachten auch eins genommen, wie ich es H. vorgeschlagen hatte, aber ausnahmsweise wollte er nicht.

* * * * *

Wieder zu Hause rufe ich den Freund in K. an. Er hat eine Million Fragen zu den Details der Bestattung: Wie viele kommen (dürfen), wie das abläuft, ob es Parkplätze gibt, wer wie wo was. Ich antworte, so gut es geht, beschwichtige aber auch dauernd: Es ist doch noch ein Monat Zeit…

Er erzählt von seinen Plänen: Das Haus teilweise verkaufen, sich selbst ein lebenslanges Wohnrecht sichern, den Job kündigen (mit 61 Jahren…), sich einen Job suchen, wo er nicht mehr so hart körperlich arbeiten muss und ansonsten bis zur Rente vom Geld aus dem Hausverkauf leben.
Die wichtigsten Fragen hat er alle noch nicht geklärt, er verlässt sich auf Aussagen einzelner Leute, die durchaus eigene Interessen haben (wie z.B. der Immobilienfuzzi). H. wäre entsetzt. Ich fühle mich ein bisschen verantwortlich, ihm ins Gewissen zu reden, aber das bleibt wahrscheinlich – wie immer – ziemlich fruchtlos.
H. und ich würden uns nach diesem Gespräch wieder die Köpfe heiß reden und denken. Und H. würde wohl anfangen, das eine oder andere zu recherchieren und nachts eine lange Mail mit Gegenargumenten und Fragen an den Freund schreiben.

Immerhin hat die Freundin nun Kontakt zum Arbeitsamt und Unterstützung beantragt, die Scheidung wird eingereicht.

* * * * *

Abendlicher Anruf bei M. Sie ist traurig, niedergedrückt. Auch sie trauert um H. und kanalisiert wohl gerade in diesem Trauergefühl viel an eigenem Ballast: Das Wieder-allein-sein, Corona-Frust, seit einer Woche nur einmal kurz draußen, um Brot zu kaufen, keine Kontakte, Zukunftsangst.
H. war uns auf eine versteckte Art und Weise eine ziemlich Stütze, ein Garant für Sicherheit, für ein Gefühl von „Das kriegen wir schon hin“, für ein „Alles wird gut“.
Nun wird nichts gut, sondern alles immer schlimmer, wir werden älter und kränker und schwächer und einsamer.

* * * * *

Needful Things“ im Fernsehen tut mir nicht gut, obwohl ich den Film an sich mag.
Stattdessen schaue ich mir in der ARTE-App mehrere Folgen von „In Therapie“ an. Bis auf die Titelmusik, die mich aus unerfindlichen Gründen unglaublich traurig macht, ist das ein wunderbares Programm, um runterzukommen und ein wenig einzudösen.

Woran ich mich erinnern will:
Mit dem Taxi heimfahren – was für ein Luxus!

What I did today that could matter a year from now:
Zu P. fahren, obwohl unklar ist, welcher Art seine aktuelle Erkrankung ist.
Einsichten und Informationen.

Was wichtig war:
Trauern.
Rausgehen.
Kontakt.
Ablenkung.
Gespräche.
Orientierung suchen.

Begegnungsnotizen:
Menschen in der U-Bahn.
P. in seiner Wohnung (ohne Maske, teils ohne Abstand, ohne Lüftung. Russisch Roulette.
Taxifahrer (ich mit Maske, er ohne, Spuckschutz/Trennfolie)

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