Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der einundzwanzigste Tag im Danach: Normal und Unnormal

16. Februar 2021. Dienstag. Heute vor fünf Wochen brach meine Welt auseinander, heute vor drei Wochen brach sie zusammen.

In der letzten Woche haben sich die Dinge verändert: Ich bin jetzt alleine in der Wohnung, habe praktisch nur telefonisch und per Mail Kontakt zu anderen Menschen. Ich bin oft traurig und niedergeschlagen, manchmal weine ich heftig. Gleichzeitig versuche ich, einen „normalen“ Tagesablauf beizubehalten, stehe morgens gegen sechs auf, erledige meine Morgenroutine, frühstücke spät, wozu ich wie gewohnt den Frühstückstisch decke, auch wenn ich das Frühstück selber ohne Appetit und mit großer innerer Unruhe einnehme. Sitze dann am Rechner oder erledige Einkäufe, versuche, sinnvolle Dinge zu tun: Mails zu beantworten, etwas zu arbeiten, Dinge in Bezug auf H. zu organisieren oder erledigen. Abends mache ich Yoga, und um die Zeit, wo H. normalerweise nach Hause gekommen wäre, telefoniere ich mit M., das hat sich ganz von selbst so ergeben. Dann mache ich etwas zu essen und sitze pünktlich zu den Nachrichten am Wohnzimmertisch, wegen der besseren Sicht nun immer auf H.s Platz. Bin früh im Bett und schlafe nach kurzer Zeit bei laufendem Fernseher ein.

Anders ist: Ich bin praktisch jeden Tag rausgegangen, habe lange Spaziergänge unternommen, was sonst Arbeitszeit gewesen wäre. Ich telefoniere nach wie vor etwa zehnmal so viel wie „normal“. Das ist gut, so vereinsame ich nicht total. Ich verwende etwa dreimal so viel Zeit aufs Schreiben: Hier, woanders, in privaten Mails und SMS. Therapieprogramm. Ich bin die meiste Zeit unkonzentriert und abwesend. Und abends bin ich fast immer hundemüde. Kein Gedanke an einen „normalen“ Fernsehabend oder gar ein Abendprogramm am Rechner in memoriam H. Schlafen tue ich trotzdem schlecht. Ich esse nach wie vor wenig und ohne Appetit und nehme weiter ab, wenn auch nicht mehr so rasant schnell.

* * * * *

Heute Nacht hingegen ganz gut geschlafen: Von etwa 21:00 bis 23:30 vor dem Fernseher („Inspector Barnaby“). Dann „Inspector Banks“ angeschaut bis gegen eins. Nochmal aufs Klo und ans Fenster: Früher am Abend musste es geschneit haben. Dann Fernseher und Licht ausgemacht und nur kurz wach gelegen. Geschlafen bis etwa halb acht, aber etwa stündlich aufgewacht. Brutto etwa neun Stunden. Gleicht sich mit den vier Stunden der Vornacht nur bedingt aus.
Schlafqualität: Besser, aber ich habe Kopfschmerzen. Das Wetter ändert sich, es wird wärmer.

Ich lege mir eine Erklärung für die nächtlichen Panikattacken zurecht, die nun deutlich nachgelassen haben (heute hatte ich erstmals gar keine): Wenn so etwas in dein Leben kracht, dann bekommst du Angst und verlierst erstmal jede Gewissheit, dass du sicher bist und die Dinge sich schon irgendwie regeln werden. Stattdessen wird dir bewusst, dass jederzeit etwas Furchtbares passieren kann. Und dass dir weiterhin furchtbare Dinge passieren werden. Und du kannst nie sicher sein, was oder wann. Und du bist jetzt alleine und auf dich gestellt, fühlst dich verwundbar, unsicher und ungeschützt.
Aber: Durch die nächtliche Selbst-Beruhigung weiß ich auch: Ich habe Ressourcen, innere und äußere, die mir im Notfall zur Verfügung stehen. Ich habe Wissen. Ich habe Kraft. Ich habe Menschen, an die ich mich wenden kann. Wenn also nicht die Welt an sich komplett zusammenbricht, werde ich klar kommen, auch wenn es hart wird.

* * * * *

Es schmerzt mich immer wieder, auf H.s Rechner unterwegs zu sein und viele Dinge einfach nicht zu wissen oder zu verstehen: Wie und warum er bestimmte Dinge so eingerichtet oder gemacht hat. Wer die Menschen sind, zu deren Geburtstagen Erinnerungen aufpoppen. Was er über dieses und jenes gedacht haben mag. Warum er diesen Newsletter abonniert hat. Was er mit jener Information anfangen würde.

So viel Wissen, Gedanken, Gefühle, Erfahrungen gehen mit einem Menschenleben unwiederbringlich verloren. Es bleibt nur, was wir geteilt, öffentlich gemacht, erklärt und eingeordnet haben. Und oft nicht mal das, wenn die anderen nicht zuhören, nicht verstehen, sich nicht interessieren.

Was ist die Essenz eines Menschen? Was macht ihn letztendlich aus? Die Dinge, die er in seinem Innersten verschlossen hat? Die Dinge, die er mit anderen Menschen geteilt hat? Oder die Summe aller Teile?

* * * * *

Nach wie vor fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. Ich beginne etwas, dann fällt mir etwas anderes ein, was ich machen oder nachschauen wollte, dann bleibe ich dort hängen, weiß nicht mehr, was ich eigentlich tun wollte, verzettele mich, starre vor mich hin, denke Gedanken, schreibe sie auf, und dann – Wo war ich? – ist es eine Stunde später.

* * * * *

Es ist interessant zu sehen, welche Abweichungen vom „Normalen“ ich mir erlaube und welche nicht:

Abends auf seinem Platz am Tisch sitzen, essen und fernsehen? Kein Problem. Ebenso in seinem Bett schlafen, abends lange den Fernseher laufen oder das Licht brennen lassen. Fertiggerichte (Dosensuppen) zum Abendbrot essen. Tagsüber Spaziergänge machen. Viel telefonieren, ohne darüber zu stöhnen, wie sehr mich menschliche Kontakte anstrengen.

Was nicht geht, sind zum Beispiel: Tagsüber den Fernseher anmachen, und sei es nur als Hintergrund-Geräuschkulisse. Das Frühstück in der Küche zubereiten. Nebenbei frühstücken, zum Beispiel am Rechner. Bei der vormittäglichen Arbeit (wo er normalerweise noch da wäre) einen Podcast laufen lassen. Musik hören. Vor dem Frühstück Yoga machen. Seine Sachen woanders hinräumen. Dinge in der Wohnung verändern.

* * * * *

Telefonat mit der Lieblingskundin. Über Schweres auf beiden Seiten gesprochen.
Yogaübungen bei Ischias.
Sehr spätes Frühstück zur Mittagszeit.
Anderthalb Stunden Projektarbeit, dazu Podcast ZEIT Verbrechen.
Kaffee und Kuchen (Rührteig-Apfelkuchen, den ich Samstag für meinen Sonntagsbesuch bei P. gebacken hatte).
Browsertabs aufräumen.
Nichts mehr denken können.
Müde werden.
Alles Übriggebliebene auf morgen verschieben.
Fotos bearbeiten.
Weinen.
Geschirr spülen.
Für den Schwager Informationen raussuchen.
M. anrufen.

* * * * *

H.s Freund B. ruft an, er kommt nächste Woche und bringt mir den Rollator für M. vorbei.

Telefonat mit dem Schwager. Er drängt auf eine Entscheidung in Bezug auf das Haus. H. ist gerade mal drei Wochen tot. Was ist mit manchen Menschen?

M. ist zickig am Telefon. Sie tarnt das als Sorge um mich, dabei geht es um ihre eigenen Sorgen: Das Alleinsein („Brauchst Du mich?“). Was tun bei und nach der Beisetzung („Ich will nicht, dass Du da allein bist!“). Was, wenn ich doch – ohne sie – ins Haus ziehen will („Die sollen nicht so hetzen, Du musst doch erstmal Zeit zum Überlegen haben!“).

Die Rückenschmerzen sind abends deutlich besser. Ich tausche die Matratzen aus, denn ich möchte wieder auf meiner Seite des Bettes schlafen. Austesten, ob es wirklich die Matratze ist oder vielleicht der Lattenrost.

Zum Abendbrot brate ich mir Buletten, das habe ich seit Jahren nicht gemacht, das war immer H.s Domäne. Ich bin uninspiriert, was das Würzen angeht, aber sie werden lecker. Dazu Pellkartoffeln und gekochte Möhre.

Auf ARTE eine Doku über Rupert Murdochs Medienimperium: Der Aufstieg der Murdoch-Dynastie. Sehenswert, auch wenn ich nur zwei von drei Teilen schaffe.

Woran ich mich erinnern will:
Wie schön, wenn der Schmerz nachlässt – und mit dem Schmerz die Angst. Werkzeuge!

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Dem inneren Rhythmus folgen.
Yoga.
Arbeiten.
Bei bestimmten Anrufen nicht ans Telefon gehen.
Mich um mich kümmern.
Kochen.

Begegnungsnotizen:

Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.