Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der achtundzwanzigste Tag im Danach: Hilfsmittel

Pläne und Werkzeuge. Zuversicht. Tiefe Traurigkeit. Freunde.

23. Februar 2021. Dienstag. Heute vor sechs Wochen brach meine Welt auseinander, heute vor vier Wochen brach sie zusammen.
Zum ersten Mal denke ich morgens nicht gleich: „Heute ist Dienstag, heute vor x Wochen war es.“ Der eigentliche Tag spielt keine so große Rolle mehr, obwohl die Daten natürlich eingebrannt sind: 12. Januar, 26. Januar. Aber das Ereignis zählt, nicht der Tag, an dem es geschah.

In drei Wochen ist die Beisetzung.

Geschlafen: gut, aber gefühlt zu wenig. Vor dem Fernseher eingedöst, vielleicht eine knappe halbe Stunde, dann aufgewacht, umgeschaltet, anderthalb Stunden geschlafen, dann nochmal zwei Stunden ferngesehen und gelesen, dann vier Stunden geschlafen, aufs Klo, nochmal eine Stunde gedöst. Sieben Stunden insgesamt.

* * * * *

Pläne und Werkzeuge.
Wenn ich merke, dass sich morgens beim Lesen der Nachrichten ein Traurigkeitsknoten bildet, dann sollte ich das vielleicht mal lassen. Plan: Nachrichten nachmittags lesen.
Wenn ich merke, dass mir das Reden gut tut und mein Gedankenkarussell stoppt, sollte ich das vielleicht regelmäßiger und gezielter tun. Plan: Jeden Vormittag jemanden anrufen (oder treffen) und länger mit ihm/ihr sprechen.
Wenn ich merke, dass ich optimistischer in den Tag starte, wenn eine persönliche Begegnung mit einem Menschen geplant ist, dann sollte ich mir vielleicht mehr solche Tage schaffen. Plan: Wenigstens jeden zweiten/ dritten Tag jemanden treffen. Zum Spazierengehen, zum Reden, zum Zusammensitzen.
Wenn ich merke, dass ich mir zu viel zumute, weil ich allem und allen gerecht werden will, sollte ich meine Tage vielleicht anders strukturieren. Plan: Statt stundenweise Kommunikation, Verwaltung, Projektarbeit, Bewegung, H.s Wohnung und meinen Haushalt in einen Tag zu stopfen, sollte ich lieber Blöcke bilden und maximal drei Sachen/ Komplexe an einem Tag angehen. H.s Wohnung am Wochenende machen, eingerahmt von einem Spaziergang und einem Treffen mit WM auf der Bank oder Essen zum Mitnehmen als Belohnung.
Wenn ich merke, dass Gedanken wie „was würde H. jetzt an meiner Stelle tun“ nicht gut tun (manchmal tun sie gut, manchmal nicht), könnte ich vielleicht die Gedanken modifizieren. Plan: Statt „Was würde H. an meiner Stelle tun?“ besser fragen: „Was würde H. mir raten, wenn er jetzt hier wäre und es würde um jemand anderes gehen?“

* * * * *

H.s Freund B. kommt um 9:30 Uhr, das hält mich die Zeit vorher aufrecht. Er bringt einen gebrauchten Rollator seiner verstorbenen Frau vorbei, der weitergehen soll an M. Wir setzen uns eine halbe Stunde auf die Bank vor dem Haus und reden. Es tut gut. Könnte gerne noch eine Stunde länger dauern. Er ist immer noch niedergeschmettert von H.s Tod.
Er hat sich nach Jahrzehnten die langen Haare abgeschnitten. „Es ist eine Zeit von Verlusten für mich“ sagt er, „erst I. [seine Frau], dann H., dann meine Haare und jetzt auch noch ein Zahn [der gezogen werden musste].“ Wobei dann auch gleich wieder der Schalk durchkommt: „Das mit den Haaren ging aber nur, weil der Widerstand dagegen weggefallen ist.“ Seine Frau war immer gegen das Abschneiden. „Oppositionsverlust führt zu Haarverlust“ scherzt er.
H. und er waren sich auf Ebenen nah, wo beide wahrscheinlich wenig Gleichgesinnte fanden: Bei der Musik. Bei Wortspielen. Bei skurrilem Humor.
Wir verabreden lose, uns mal zu treffen. Dann kocht er vielleicht für uns.

* * * * *

Check-In, 10.30 Uhr:
Was fühle ich gerade jetzt? – Einen kleinen Knoten Traurigkeit im Magen. Einen ziehenden Sehnsuchtsschmerz im Herzen. Eine gewisse Unwilligkeit, dem Tag entgegenzutreten. Vorfreude auf das Telefonat mit der Lieblingskundin in einer halben Stunde. Horror vor dem Rest des Tages ohne Kontakte.
Was denke ich gerade jetzt? – Ich bin glücklich, gute und hilfsbereite Menschen in meinem Leben zu haben. Ich brauche mehr Ordnung und Struktur. Wäre H. einverstanden?
Was möchte ich gerade jetzt tun? – Menschen treffen. Reden. Einen Plan machen. Zur Ruhe kommen.

* * * * *

Die Lieblingskundin ruft an; sie hat ihre eigenen Probleme (Home Schooling, überraschender Tod des Lieblingslehrers des Sohns…), und wir tauschen uns kurz aus, bevor wir einen längeren Planungsdurchlauf durch alle laufenden Projekte starten.
Tut gut.

Terminvereinbarung für morgen mit dem Bestatter. Er steht gerade draußen und macht sein Motorrad startklar. Natürlich muss ich an H. denken, der ja früher auch gerne an Motorrädern geschraubt hat und immer interessiert war, wenn er jemanden traf, der auch eins hat.

* * * * *

Heute fühlt sich die Trauer an wie ein ziehender Schmerz in der Brust, ein intensives Sehnen. Ganz stark spüre ich den Mangel, das, was fehlt.

Muss aufhören, mich zu zwingen, alles so zu machen, wie wir es zusammen gemacht haben und stattdessen lieber Dinge so machen, wie sie mir – jetzt gerade – gut tun.
Also: Offizielle Erlaubnis, beim mittäglichen „Frühstück“ den Fernseher anzumachen, wenn ich das mag und gerne Ablenkung hätte.
Dass es sich trotzdem falsch anfühlt, kann ich bei Gelegenheit gerne analysieren, aber nicht jetzt (auch ein neues Werkzeug: Nicht jedem Gedanken sofort nachgeben, sondern ihn aufschreiben und sich später darum kümmern).

Es zieht mich raus: Das frühlingshafte Wetter, Menschen, Ablenkung.
Vielleicht kann ich meinen Arbeitsplan für die nächsten Wochen auch auf einer Parkbank machen?

* * * * *

Draußen ist es ein wenig drückend, die Sonne ist fahl, eine Art Dunst liegt über allem. 17 Grad. Je weiter ich laufe, desto schlechter geht es mir. Tiefe Traurigkeit. Sehnsucht. Schmerz. An Konzentration nicht zu denken. Ohnehin ist keine Bank frei, und als ich endlich eine finde, möchte ich nur heulen. Sitze ein paar Minuten, gehe zurück. Rücken und Füße schmerzen.

Gehe zum Supermarkt, kaufe das Nötigste: Brot, Milch, Wurst. Beim Käse muss ich schon wieder fast heulen, kann mich nicht entscheiden. Also kein Käse.
Schrecklich.

Auf dem Heimweg in seinen Briefkasten geschaut: nichts. Mich in seinem Hausflur aufzuhalten, zerreißt mir das Herz. Weiter. Drehe eine Runde um den Platz, es ist Markt. Der Trödler hat seinen Stand aufgebaut. Ich gehe nicht hin, um mit ihm etwas wegen der Wohnungsauflösung zu vereinbaren. Noch nicht.

Gehe heim. Im Kasten eine weitere Kondolenzkarte von einer Kundin von H. Lese ich später.

Zu Hause werde ich ruhiger. Heute war Rausgehen keine gute Idee, aber wäre ich hiergeblieben, wäre es mir auch nicht gut ergangen. Ich muss es eben jeden Tag neu ausprobieren.

Möchte etwas hören bei der Arbeit und finde den Trauer-Podcast „Ich bin hier und du bist tot„. Höre mehrere Folgen und arbeite natürlich nicht. Hörempfehlung, auch und gerade für Menschen, die Trauernden in ihrem Umfeld wirklich helfen möchten.

* * * * *

Ich mache mich endlich daran, meine über die letzten sechs Wochen gewachsene To-Do-Liste durchzugehen und Ordnung rein zu bringen.
Als erstes lege ich Kategorien an, in denen ich die Tasks einsortiere. Interessant – und bezeichnend – die Reihenfolge, die ich als erstes intuitiv wähle:

  • H.
  • H.s Firma
  • Kundenprojekte
  • ich

Ich sortiere um:

  • ich
  • H.
  • Kundenprojekte
  • H.s Firma

Und alles, was die Beantwortung von Mails oder Anrufen, Karten oder Mails angeht, das Verfassen der Trauerrede, die Planung der Beisetzung usw. geht in die Kategorie ICH.
Denn das sind Dinge, die ich machen muss, die ich nun letztendlich für mich tue und in meinem Sinne.

In die Kategorie H. kommen stattdessen Dinge, die sich um H. drehen, aber die ich für andere tue. Kram für die Krankenversicherung zusammensuchen, zum Beispiel. Wartung seiner Rechner.

* * * * *

H.s Hausbesitzerin/ Vermieterin ruft an, eine alte Dame, die im November die Hausverwaltung an ihren Steuerberater abgegeben hat. Sie möchte geschockt klingen, aber es kommt eher neugierig rüber: Was, wie, wann, wo. Vielleicht tue ich ihr Unrecht.

H. hat große Stücke auf sie gehalten, weil sie ihm im Laufe der Jahre viele Durststrecken hat durchgehen lassen. Fast immer war er mehrere Monate mit der Miete im Rückstand, weil anderes wichtiger war. Er hatte das immer im Hinterkopf, war auch immer bemüht, den Rückstand abzubauen, lebte aber trotzdem in ständiger Angst vor der fristlosen Kündigung, die sie anscheinend im Jahr 2003 auch mal ausgesprochen hatte; damals sprang das Sozialamt ein.

Ich hatte immer eher den Verdacht, die Frau habe einfach überhaupt keinen Durchblick – es gab auch nie eine Neben- oder Heizkostenabrechnung – und das schien sich zu bestätigen als jetzt vom Steuerberater die Nebenkosten-Abrechnung für 2019 kam, in der die Miete mit „500 Euro“ angegeben war – dem Betrag, den H. vor Jahren mit ihr als regelmäßige Zahlung vereinbart hatte, um nach und nach die Schulden abzutragen. Die tatsächliche Miete war etwa 100 Euro niedriger.
Von den ausstehenden etwa 5.000 Euro war nun plötzlich keine Rede mehr, und wir vermuteten, sie hatte einfach alles übergeben und nicht nachforschen lassen, was im Einzelnen noch offen sein könnte.

Im Gespräch war sie nun auch voll des Lobs für H.: Was für ein freundlicher und hilfsbereiter Mann! Und nie gab es irgendwelche Probleme!

* * * * *

Ich schaffe es nicht, aus den sortierten Tasks einen sinnvollen Plan zu machen, es ist zu viel, es ist zu spät, ich bin zu müde. Morgen.

Rufe M. an, wir reden fast anderthalb Stunden. Sie war bei der Ärztin, diese hat auf dem Röntgenbild anscheinend eine „Beule“ in einer Arterie gefunden. Was das bedeutet, hat M. nicht nachgefragt. Ob es die Ursache für ihre Kurzatmigkeit ist, soll bei einer Untersuchung Mitte April geklärt werden. Und bis dahin? frage ich. Abwarten. Und die Lunge? Wird wenigstens abgeklärt, ob die auch eine Rolle spiele? Nö. Man solle sich jetzt „nicht verzetteln“ so die Ärztin. Stattdessen wird ein Blutdruckmessgerät verschrieben und die Notwendigkeit einer Corona-Impfung diskutiert.
Ich könnte durchdrehen, aber das ist wohl nur meine Angst. Was M. an Angst zu wenig hat (oder zu erfolgreich verdrängt), habe ich zu viel.

Essen machen. Zwischendrin kurz bei H.s Freund B. anrufen, ob er morgen mitkomme zu Bestatter und Kapellenbesichtigung. Na klar, habe er doch auch geschrieben. Ich habe nichts bekommen. Ach, dann habe ich das vielleicht nicht abgeschickt.
So wird es wohl gewesen sein.

Spätes Essen gegen halb neun, dasselbe wie gestern: Kartoffelpüree, Chicorée, Apfel, Speck.
Nichts Besonderes im Fernsehen, eine Doku über Hohenlychen, etwas über die physiologischen und psychischen Auswirkungen von Isolation, NS-Dokus („Countdown zum Zweiten Weltkrieg“ – gibt es einen bekloppteren Titel? Als wäre der Krieg ein Sportereignis oder irgendein „Event“.)
Als Einschlafhilfe ideal.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Mit B. morgens im fahlen Sonnenlicht draußen sitzen und reden.

What I did today that could matter a year from now:
Spielt überhaupt irgendwas eine Rolle, das ich tue?

Was wichtig war:
Über Werkzeuge und Hilfsmittel nachdenken.
B. treffen.
Traurig sein.
Trauer-Podcast hören.
Mit Menschen sprechen.

Begegnungsnotizen:
H.s Freund B. (ohne Maske, mit Abstand, draußen)
Menschen auf der Straße und im Park.
Kund:innen und Personal im großen Supermarkt am Park (Maske, Abstand).

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