Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreißigste Tag im Danach: Mit einem Toten sprechen

Reden und Zuhören führt von tiefer Traurigkeit über Nachdenkenswertes zu aufmunternden Worten und neuer Motivation.

25. Februar 2021. Donnerstag. Sehr unruhig geschlafen, die nächtlichen Angstgefühle konnte ich größtenteils durch Konzentration auf meinen Atem in den Hintergrund drängen.
Geschlafen: Spät gegessen (nach neun), dann aber sofort müde und schläfrig. Um zehn fielen die Augen zu – bei laufendem Fernseher und brennendem Licht. Heute mal umgekehrt: Licht aus gegen eins, Fernseher aus gegen zwei. Bis dahin stündlich aufgewacht. Dann geschlafen bis etwa vier, fünf, sechs. Dazwischen Unruhe. So bleiben von den acht Stunden brutto vielleicht sechseinhalb netto mit schlechter Qualität.

Verspannter Nacken, Kopfschmerzen. Anflug von Migräne.
Noch sind die Gefühle unklar. Wie gerne würde ich mir die Euphorie des gestrigen Nachmittags und Abends bewahren. Aber sie ist genauso übertrieben wie die bodenlose Traurigkeit vorgestern. Bipolare Schwankungen, extreme Ausschläge auf der Gefühlsskala. Verständlich, nachvollziehbar, aber nicht wirklich hilfreich. Und nicht wirklich authentisch.

* * * * *

30 Tage.

Mein Umgang mit dem Verlust scheint momentan darin zu bestehen, Dinge, die ich von H. erhalten habe, stattdessen nach Möglichkeit von einer Vielzahl anderer Menschen zu erhalten: das Miteinander-Reden, den Austausch über alltägliche und aktuelle Themen, das Rausgehen, die Bewegung in der Natur, das Planen von Ereignissen, gemeinsame Vorhaben, die Bewältigung von organisatorischen oder administrativen Problemen.

Was sich nicht ersetzen lässt, fällt nach wie vor schwer: Einkaufen, kochen, alleine essen. Nachrichten lesen. Die abendliche Geborgenheit beim Einschlafen fehlt ebenso wie ein allgemeines Sicherheitsgefühl. Und ich möchte nicht daran denken, was ich ohne mein Arbeitspensum machen würde. Freie Tage, Wochenenden, Ausflüge, „Ferien“ – undenkbar.

Es ist gut, dass wir unseren Alltag ziemlich voneinander entkoppelt hatten: Viele Dinge habe ich schon immer alleine gemacht, auch wenn wir im letzten Jahr tagsüber deutlich mehr Zeit miteinander verbracht haben als früher. Diese Dinge fallen mir im Großen und Ganzen nicht schwerer, aber es sind die „langweiligen“ Dinge, die Organisation des Haushalts oder meiner Erwerbsarbeit beispielsweise. Die „schönen“ Sachen hingegen sind eng mit H. verknüpft, und da werde ich noch lange brauchen, bis ich die wieder mit Freude und Genuss ausführen kann. Wenn überhaupt.

Was schwer wiegt, sind die intellektuellen und mentalen Einschränkungen. Mit den Gefühlsschwankungen komme ich noch halbwegs klar, aber nicht denken, nicht planen, mich nicht konzentrieren zu können, macht mir wirklich zu schaffen. Ich höre, dass eine Hirnforscherin behauptet hat, es könne Monate, ja Jahre dauern, bis nach einem Verlust die ursprüngliche mentale Kapazität wieder erreicht sei. Sie komme wieder, aber es dauere. Jahre?!

Viel hängt auch davon ab, ob es mir gelingen wird, stabile Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, die über die Zeit des „Trauer-Bonus“ hinaus funktionieren. Ich bin ja kein ganz einfacher Mensch, habe mich mit Freundschaften immer sehr schwer getan. H. hat mich angenommen und gemocht, mit all meinen Macken, ihm gegenüber konnte ich mich vollkommen öffnen. Solche Menschen gibt es meiner Erfahrung nach nicht viele.

* * * * *

Und immer noch verursacht das morgendliche Nachrichtenlesen mir Herzschmerz. Warum? Weil H. diese Dinge nie erfahren wird? Weil ich mich mit jeder Neuerung weiter von ihm und unserem gemeinsamen Leben entferne? Weil mein Leben weitergeht und seins nicht? Und mein bisheriges eigentlich auch nicht? Weil jede Nachricht Veränderung signalisiert? Die ich doch um jeden Preis vermeiden will? Weil das Lesen und Abspeichern zwischen all den alten Nachrichten der letzten Jahre an „normale“ Zeiten erinnert?

* * * * *

Ich denke weiter darauf herum, warum ich solch ein großes Bedürfnis habe, H.s Leben nachzuahmen, mich mit ihm zu identifizieren, Dinge so zu tun, wie er sie getan hat. Angefangen vom Tagesrhythmus (spät aufstehen, tagsüber schlafen, abends lange sitzen) über Ess- und Trinkgewohnheiten, Arbeitswille und Selbstdisziplin, Sichtweise und Reaktion auf Dinge, Menschen und Situationen usw.

* * * * *

Ich bin schon morgens mit dem Wunsch nach einer klärenden, erdenden Morgenmeditation aufgewacht. Wie ich zu meiner großen Freude feststelle, bietet Adriene auch kurze Meditationen an, das probiere ich aus. Der „Erfolg“ ist durchschlagend: ich fange nach einer Minute an, heftig zu weinen. Das war zwar nicht, was ich mir erhofft, aber offensichtlich das, was ich gebraucht hatte.
Reinigend. Klärend. Beruhigend. Erdend. Öffnend.

* * * * *

Liebe Ladenbesitzer: Bitte lasst in Euren Geschäften keine Musik laufen, vor allem kein Radio. Jeder Song ist ein Trigger, auf die eine oder andere Weise. Und es gibt momentan kaum noch Läden, wo ich einkaufen kann, weil überall Musik dudelt. Ich muss aber essen!

* * * * *

Telefontermin mit einer Kundin, der in ein sehr persönliches Gespräch mündet. Sie steht ebenfalls vor einem großen Umbruch in ihrem Leben, wenn auch aus völlig anderen Gründen als ich. Durch ihre Arbeit kennt sie sich aber in Trauererfahrungen gut aus und gibt mir nicht das Gefühl, Dinge gleichzusetzen. Mir tut es gut, mir auch die Sorgen anderer Menschen anzuhören, nicht nur um mich zu kreisen.

Ich habe das Gefühl, dass Menschen, die um meine Situation wissen, mir momentan ehrlicher auf meine Frage „Wie geht es Dir gerade?“ antworten. Vielleicht stelle ich die Frage auch anders. Aber irgendwie scheint die Tatsache, dass ich diese Frage stelle, zu signalisieren, dass ich wirklich an einer ehrlichen Antwort interessiert bin.

Ich kann Stille nicht ertragen und rufe die Lieblingskundin an. Sie spricht über die Sorgen mit ihrem jüngeren Sohn, ich über den Termin beim Bestatter gestern. Alles auf Augenhöhe, ohne Wertung, ohne Hierarchie.
Tut das gut.

Ich beschreibe jemandem in Kurzform meine aktuelle Situation, und es laufen schon wieder die Tränen. One of those days…

* * * * *

Spätes Frühstück zur Mittagszeit.
Die Sonne scheint, es ist warm (19 Grad). Es zieht mich raus. Ich muss ohnehin zum Briefkasten und zur Bank, also drehe ich eine Runde.

Sitze anschließend noch im Park auf einer Bank.
Höre seine Stimme: ‚Du solltest Dich da nicht so reinsteigern, sondern lieber tun, was jetzt notwendig ist. Natürlich trauerst Du, das sollst Du ja auch, aber Du musst Dich doch nicht dauernd nur minutiös mit Deinen Gefühlen beschäftigen. Es muss jetzt mal Geld aufs Konto kommen, kümmere Dich um Deine Arbeit und Deine Kunden. Wenn Du die Miete nicht zahlen kannst und aus Deiner Wohnung fliegst, nützt Dir die schönste Gefühlsanalyse nichts…‘
Er wusste schon, wie er mich motivieren konnte.

* * * * *

Wieder zu Hause Unterlagen lesen, Mails beantworten, Anrufe erwidern, einen Wochenplan erstellen, ein neues Projekt einrichten. Telefonate mit P., dem Schwager, M. Musik querhören, die eventuell auf der Trauerfeier gespielt werden könnte. Noch ein paar Pflaumen im restlichen Sud einlegen. Abendbrot machen.
Nichts richtiges im Fernsehen.

Eine Kundin von H., eine sehr alte Dame mit einem bewegten Leben, schrieb mir einen Kondolenzbrief. Von Hand, weil sie gerade keine Druckerpatrone mehr habe. Sie entschuldigt sich, dabei ist solch ein handgeschriebener Brief doch ein regelrechter Schatz.
Natürlich ist sie erschüttert und schockiert. Andererseits hat sie schon viele Menschen gehen sehen und verabschiedet. Wird es dadurch irgendwann leichter oder resigniert man einfach nur? Sie schreibt vom Tod einer gemeinsamen Bekannten im letzten November. Auch sie war eine sehr bemerkenswerte Dame mit einem bewegten und intensiven Leben gewesen. Am Ende waren – wegen Corona – drei Menschen bei der Beisetzung. Aber immerhin wird jetzt ein Buch mit Erinnerungen an sie entstehen.
Ich bin traurig, dass H. von diesem Todesfall nicht mehr erfahren hat. Andererseits: Er hätte (falls möglich) zur Beisetzung gehen oder wenigstens den Hinterbliebenen sein Beileid aussprechen und Hilfe anbieten wollen. Wenn nun aber der Tod in den November fiel, dann wohl gerade in die Zeit, wo wir in K. waren und es begann, ihm nicht so gut zu gehen. Das hätte dann wieder zu inneren Konflikten geführt: Zurückfahren oder nicht? Kann man überhaupt etwas tun?
Vielleicht ist es besser so.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Zwiesprache mit H. halten und von ihm motiviert werden.

What I did today that could matter a year from now:
.

Was wichtig war:
Sprechen.
Zuhören.
Kontakt suchen.
Dranbleiben.
Rausgehen.
Finanzen regeln.
Arbeiten.

Begegnungsnotizen:
Menschen auf der Straße und im Park.

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