Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der zweiunddreißigste Tag im Danach: Auf Spurensuche

Der Freund nimmt mich so warm auf, wie es ihm möglich ist. Welche Spuren wir hinterlassen.

27. Februar 2021. Samstag. Besser, aber weniger geschlafen: Vor dem Fernseher von 21:45 bis 22:30 gedöst. Dann wollte ich noch einen Film sehen, bei dem bin ich aber nach wenigen Minuten eingeschlafen. Um eins aufgewacht, der Fernseher war aus. Aufs Klo, Strom aus, Licht aus. Wach gelegen, aber nicht lange. Dann geschlafen bis 5:00. Wach gelegen bis 5:45, dann aufgestanden. Netto-Schlaf also höchstens sieben Stunden.

Ich fühle mich etwas dumpf und traurig, aber nicht furchtbar schlecht. Freue mich auf das Treffen mit H.s Freund B. heute Mittag. Ablenkung!

* * * * *

Check-In, 27.2.2021, 08:15 Uhr:

Was fühle ich gerade jetzt? – Müdigkeit. Traurigkeit. Ich sehe die Fotos auf der Karte an, und mir kommen die Tränen. Die Bilder zeigen einen fröhlichen, zu Quatsch aufgelegten, freundlichen Menschen. Dieser Mensch fehlt einfach so unglaublich, es ist kaum zu ertragen.

Was denke ich gerade jetzt? – Wie sehr Fühlen und Handeln auseinandergehen können. Ich kann auf einer Ebene ganz normale Dinge tun und auf einer anderen fühlt es sich an, als wäre meine Welt in tausend Scherben. Und das beides gleichzeitig. Und: Ich bin dankbar, dass ich beim Zusammenbruch bei ihm war, denn im Grunde habe ich ihn sterben sehen.

Was möchte ich gerade jetzt tun? – Weinen. Und nie wieder aufhören.

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Der Vormittag vergeht mit Planen, Mails beantworten, Terminen machen, Anrufbeantworter abhören, SMS schreiben, Mailbox aufräumen, Fahrverbindungen recherchieren (wir sind mehrfach zusammen zu den Freunden gefahren, aber ich kann mich nicht erinnern, welche Strecke wir meist gewählt hatten, seine oder meine – oder hin so und zurück anders?).

Ich habe eine kurze Aufmerksamkeitsspanne heute und bleibe immer wieder an Dingen hängen: gerade in seinen Unterlagen nachlesen, woher er diese oder jene Kundenempfehlung hatte; gerade mal die Fotos von der Renovierung seines Zimmers hier in Berlin anschauen; gerade mal in einem Trauerforum etwas posten; gerade mal schnell Nachrichten lesen oder einen Blick ins Fernsehprogramm werfen (und sofort wieder vergessen, was ich mir anschauen will); gerade mal nachlesen, womit er sich im Herbst und Winter 2004 so beschäftigt hatte, als wir uns zusammentaten.

Schneller Getränke- und Blumen-Einkauf. Supermärkte sind nach wie vor extrem schwer, und gerade der samstägliche Getränkeeinkauf war lange Zeit eines unserer gemeinsamen Rituale, wenn auch im letzten Jahr nicht mehr so oft, weil er da eher in der Woche ging.

Meine Notizen für eine Art „Trauerrede“ sortieren und ausdrucken.
Spätes Frühstück.
Duschen.
Zwei Bund Tulpen aus dem Supermarkt zu einer Art Strauß zusammenstellen (noch immer kann ich nicht zu „unserem“ Blumenladen gehen, geschweige denn zu einem anderen).

Ich bin nervös: Ich bin bei H.s Freund B. eingeladen, wir wollen uns zusammen an die Trauerrede machen, und er will für uns kochen, das tut er so gerne (und auch gut), und seit dem Tod seiner Frau im Oktober hat er kaum noch Gelegenheit.

Warum nervös?
Ich habe Angst, mich blöd zu verhalten. Oder bei unserem Treffen am Mittwoch blöd verhalten zu haben.
Ein solches Treffen wäre ein Highlight in H.s und meinem Monat gewesen – wir waren selten bei den Freunden, aber gern, weil es immer großartiges Essen und gute Gespräche gab. Ich habe in den letzten Wochen wohl fast genauso viel Kontakt zu B. gehabt wie H. im ganzen letzten Jahr (wenn auch von deutlich anderer Qualität).
Ich verstehe ihn immer sehr schwer, weil er unglaublich leise und nuschelig spricht. Das macht ein Gespräch schwierig.
Wir sind beide leicht im Asperger-Spektrum unterwegs. Mit ihm fühle ich mich unwohl, wenn ich kein Gesprächsthema habe, und dann drehe ich aus Unsicherheit auf. H. hatte mit ihm immer was zu reden, und ich mit seiner Frau auch, und sei es, dass ich sie nach irgendwas gefragt habe und sie erzählen ließ.

* * * * *

Gegen halb zwei breche ich auf – ich beschließe, H.s Route für den Hin- und meine für den Rückweg zu nehmen.
Sie kommt mir ein wenig bekannt vor, wir haben sie wohl ein-, zweimal genommen. Vielleicht überlagern sich hier aber auch Erinnerungen, weil ich lange den ähnlichen Weg zur Arbeit hatte – vor H.s Zeit.

Freund B. ruft an, da bin ich gerade in der S-Bahn. Das Essen sei fertig, ob ich wenigstens schon unterwegs sei? Er hatte die verabredete Zeit anders in Erinnerung; dachte „zwei“ statt wie angesagt „zwischen zwei und drei“.
Ich muss hingegen gleich wieder drüber nachdenken, wie unterschiedlich H. und ich selbst ein so kleines belangloses Gespräch geführt haben: Ich verteidige mich gleich: „Du hast doch gesagt…“, H. hätte überrascht reagiert: „Huch?! Schon fertig? Ich dachte…“

* * * * *

Das Essen ist dann weniger aufwändig als ich dachte, aber lecker: Saure Kartoffeln, ein Gericht, das seine Frau oft gemacht hatte und das in dieser Form vielleicht von ihrer schlesischen Mutter stammt.

Dann sitzen wir in der Küche, trinken erst Kaffee, dann fränkischen Rosé und reden: Über B.s Asperger-Diagnose 2018, darüber, wie das die Beziehung zu seiner Frau verändert hat, über H.s Probleme mit der Krankenversicherung und dem Geld sowie über die Geschichte der Band und wie sie sich alle kennengelernt hatten, damals Ende der 1980er in Westberlin.

Irgendwann kommt eine Frau, die etwas aus einer Kleinanzeige abholen will.
Kurz darauf wechseln wir ins „Arbeitszimmer“ an den Computer. Sprechen über Computerprobleme, er zeigt mir ein Foto, das er sich für die Trauerfeier vorstellen könnte, es ist das aus der Band-Zeit, das mit der Gießkanne. Das gefällt mir, es bringt einen schrägen Aspekt rein.
Vielleicht auf der anderen Seite der Urne noch ein anderes, gefälligeres Bild.

B. überzeugt mich halb, das mit der Bildprojektion zu lassen, es lenke zu sehr vom Geschehen ab. Ich merke aber, ich will Bilder, denn sie repräsentieren für mich die verschiedenen Aspekte von H., seine Lebensphasen. Jeder habe doch seine eigenen Bilder im Kopf, sagt B., und was sagten ihm dann die anderen?
Wie gesagt, ich bin nur halb überzeugt.

Er zeigt mir weitere Fotos, unter anderem von den Abrissarbeiten am Gartengrundstück vor etlichen Jahren, wo H. zusammen mit ihm und einem Sohn mit Begeisterung tätig war. Solche Hilfe leistete er immer gerne. Auch weil er sich immer ein wenig in B.s Schuld fühlte wegen der Schulden und all der Einladungen und Geschenke.

Wir sprechen über die Trauerfeier und die Rede. Beginnen eine Art Materialsammlung, um einen roten Faden zu entwickeln. Es passt nicht zu meinen Gedanken, aber vielleicht ist das genau das, was ich brauche, um zu starten: Etwas Struktur. Werkzeuge. Mind-Maps waren auch sehr H.s Ding.

Nebenbei immer wieder Musik. Als ich komme, läuft das Radio, am Rechner klickt B. verschiedene Musikdateien an, um sie mir vorzuspielen. Und ich frage mich wieder, warum ich so einen verkrampften Umgang mit Musik habe. Um zu stöbern und zu entdecken, fehlen mir Ansatzpunkte, und das Angebot ist zu überwältigend; ich bin auf die Musikauswahl anderer angewiesen, und das passt selten. Ich kann Radiogedudel nicht ertragen, Musik als Hintergrundbeschallung ist mir unerträglich. Wohlgemerkt: Allein zu Hause ist das so. Bei anderen kann ich das durchaus genießen und mag auch die Stimmung, wenn irgendwo ein Radio läuft. Lasse mich von Stücken überraschen, die sie entdeckt haben, kann die auch gut finden. Aber mit mir alleine passt es nur sehr selten, dass ich gezielt Musik anmache und noch seltener, dass ich mich auf Entdeckungsreise begebe.

Zum Abschluss sehen wir den Film vom Band-Konzert 1993 in Nürnberg. Einen jungen H. sehe ich dort, noch nicht 34 Jahre alt. Trotzdem ganz unverwechselbar er: Die Haltung, die Bewegungen, die Mimik. Keine Rockstar-Attitüden, ruhig und selbstbewusst bewegt er sich über die Bühne, spielt er seinen Part. Bassist K. ganz genauso, und Schlagzeuger B. erinnert sehr an The Animal von den Muppets. Sänger M. hingegen macht Show, das passt aber auch alles.
Sie waren wirklich gut, und die Musik gefällt mir viel besser als ich immer gefürchtet hatte.
Bei einer Großaufnahme, in der H. in die Kamera lächelt, muss ich kurz schlucken, ansonsten kann ich das sehr gut anschauen.

Etwa ein Jahr später verließ K. Berlin für zwei Jahre, und die Band war im Grunde Geschichte. Ihr Zusammenwirken war so speziell und gute Bassisten so rar, dass sie sich schließlich schweren Herzens auflösten und jeder eigene Projekte weiterverfolgte.
Natürlich blieben sie Freunde, spielten auch weiterhin zusammen, drei von ihnen gründeten einige Jahre später sogar zusammen eine Firma. Die Bandzeit wurde in ihrer aller Erinnerung legendär, und sie blieben beste Freunde bis zuletzt.

* * * * *

Um halb zehn breche ich auf, ich bin müde, kann nicht mehr denken. Energie aufgebraucht.
Eine feste Umarmung zum Abschied, ein Schluchzen von Bernd.
Rufe draußen vor der Tür kurz M. an, damit sie sich keine Sorgen macht.

Schon auf der Straße beginne ich zu schluchzen. Im U-Bahnhof beim Warten auf den Zug das starke Gefühl von: Endgültig vorbei. Nichts mehr. Over.
Angesichts der Endgültigkeit kommen mir die Tränen.
Schmerz.

Dieser junge Kerl in dem Video, voller Hoffnungen und Träume. Und Möglichkeiten.
Die er zuletzt in seinem Leben wieder zu verwirklichen versuchte – in Sachen Musik, in Sachen Zukunft.

Und dann der andere aus den Beschreibungen: Der sich allen Vorschlägen in Bezug auf Wiedereintritt in die Krankenversicherung verweigerte („Wir hatten für ihn Angebote rausgesucht mit 50 Euro im Monat“) . Der niemals einen Job irgendwo annehmen wollte („hier ist eh nichts zu finden, man wird nur ausgenutzt und wie Dreck behandelt, ich lasse mich nicht ausbeuten“) – mit/als was hätte er sich auch bewerben sollen? Dazu sein der Widerstand gegen Machtstrukturen aller Art. Er wollte sein eigener Herr sein. Sein Glück machen. Aus eigener Kraft erfolgreich sein.

* * * * *

Zu Hause stöbere ich in seinen Unterlagen von 1997, um ein Gespür für ihn zu dieser Zeit zu bekommen. Was auffällt: Memos, Angebote, Briefe u.ä. werden häufig spät abends oder nachts (zwischen 22:00 und 2:00 Uhr) geschrieben, manchmal noch später / am frühen Morgen. Insgesamt klingt das Leben abwechslungs- aber auch arbeitsreich: wechselnde Arbeitsorte (zu Hause, Büro, vor Ort bei Kunden), mehrere Firmen und Projekte gleichzeitig. An manchen Tagen ist er vormittags (vor 8:00) im Büro der einen Firma und sitzt nachts noch um halb drei am Rechner zu Hause, um Memos für die Mitinhaber der anderen Firma zu schreiben.

Es klingt nach einem stressigen Leben, und ein wenig hat er das ja auch zu unseren Zeiten noch beibehalten: keinen vernünftigen Tagesrhythmus, Nachtsessions, viel Arbeit/ Gedanken/ Projekte…

Aber man muss natürlich relativieren: ich lese diese Dokumente in einem Rutsch, schaue auf die Erstellungszeiten der Dokumente – da erscheint das alles sehr gedrängt und hektisch. In Wahrheit liegen ja immer mehrere Tage zwischen den Unterlagen, Tage, in denen er offenbar nichts Schriftliches produziert hat – also vielleicht auch Tage, die einfach nicht stressig und voller Arbeit waren, sondern bestimmt von Routine oder Ausruhen oder Treffen mit Freunden usw.

Stil und Ton sind dem, was ich kenne, sehr ähnlich; bestimmte Formulierungen/ Sprüche hat er damals bereits verwendet. Insgesamt ist der Ton sehr „macherhaft“ und bestimmend. Das und bestimmte Argumentationen kenne ich bis heute.
Alles klingt so sehr nach ihm…
Vorbei.

* * * * *

00:50 und noch wach. Vollmond? Aufgedreht. Viel im Kopf.

* * * * *

Auf eine Art war dieser frühe Tod vielleicht unvermeidlich: Das Rauchen. Kein vernünftiger Tagesrhythmus. Immer wieder Nachtsessions. Viel Arbeit. Geldsorgen. Keine Krankenversicherung (was unterbewusst mit Sicherheit einen gewissen Stress und Druck erzeugt hat, gerade, wenn man sich nicht optimal fühlt). Kneipen.

* * * * *

Bis zwei Uhr sitze ich und lese in seinem (Arbeits-)Leben nach.

Ändert sich mein Bild von ihm? Nein. Es werden Schnipsel hinzugefügt, kleine Mosaiksteinchen, die mehr Details erscheinen lassen, aber das Gesamtbild nicht wesentlich verändern.
Ich fühle mich ihm nahe, werde an die Anfangszeit unserer Beziehung erinnert. Die hat sich in den letzten Jahren schon nochmal verändert.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Die Offenheit und Nähe, die Freund B. mir entgegenbringt. Das Vertrauen. Auch der Rat. Könnte das auch für mich ein Freund werden? Oder sind wir uns nur über H. nahe?

What I did today that could matter a year from now:
Jemanden zu Hause besuchen.

Was wichtig war:
B. treffen.
Dinge erfahren.
Reflektieren.
Diskutieren.
Fragen stellen.

Begegnungsnotizen:
Menschen in U- und S-Bahn (Masken, Abstand). Menschen auf der Straße.
Freund B. (in der großen Wohnung, ohne Maske, mit Abstand).

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