Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreiunddreißigste Tag im Danach: Erinnern und weinen.

Unermesslicher Schmerz und ein Meer von Tränen. Aber auch ein kleiner Moment der Ruhe. Und danach wird es leichter.

28. Februar 2021. Sonntag. Nach weniger als viereinhalb Stunden Schlaf um halb sieben aus irgendwelchen Träumen hochgeschreckt mit den Gedanken an die Dinge, die ich gestern von und über H. erfahren und gelesen habe. Diesmal muss ich von ihm geträumt haben, denn das Bild eines jüngeren H. schwebt noch kurz vor meinem inneren Auge.

Dieses Lesen der alten (hauptsächlich Geschäfts-)Unterlagen tut mir nicht gut, andererseits zieht es mich magnetisch an: Ich will erfahren, wie es war; ich will Dinge, die er mir erzählt hat, einordnen; ich will ihn mir vorstellen, in jüngeren Jahren; ich will verstehen; ich will in Gedanken seine Stimme hören, denn die spricht aus jedem (geschriebenen) Satz.

Aber dass ich dann so lange darauf herumdenke, um alles in mein Puzzle einzufügen – oder um Sachen passend zu interpretieren? – kostet unglaublich viel Zeit und Kraft. Und wozu? Sehe ich dadurch wirklich etwas grundlegend anders? Spüre ich irgendeine Verbesserung, Klärung? Was nützt es mir?
Denn sonst müsste ich es doch nicht tun?

* * * * *

Die Toten der letzten Zeit:
Ende Oktober – I., die Frau von H.s Freund B.
Ende November – Frau D.
Dezember/Januar – Die Bekannte DB
Ende Januar – H.
Geht das jetzt so weiter?

* * * * *

Im Kopf springt es wieder ständig hin und her: Gedanken über ihn. Fakten, Erinnerungen, die mir in den Kopf poppen. Der Versuch, das alles zu einem kohärenten Bild zu fügen. Gleichzeitig eine Art Zwiesprache mit ihm darüber, wie ich mich gerade fühle und verhalte. Seine Wertung, seine Sichtweise, seine Einstellung. Was er (vielleicht) sagen würde. Auch da oft zwei Versionen, denn auch er hat sich natürlich nicht immer gleich verhalten. Jetzt zusätzlich noch Freund B.s Wertung und Sichtweise.
Mir platzt der Kopf.
Tiefer Schmerz.

* * * * *

Diese Bildersache auf der Trauerfeier: Warum ist mir das so wichtig?
Für mich verbirgt sich hinter jedem Bild ein Aspekt von H.s Persönlichkeit, ein Ausschnitt aus seiner Geschichte.
Ich selbst versuche gerade, seine komplette Lebensgeschichte kennenzulernen, um so ein möglichst vollständiges Bild von ihm zu erlangen und ihn, seine Persönlichkeit und seine Geschichte in mich aufzunehmen. So als könnte ich fortan stellvertretend seine Erinnerungen abrufen und seine Meinungen und Ansichten vertreten.
Und irgendwie möchte ich allen, die nur einen Aspekt von ihm kannten, ebenfalls seine gesamte Lebensgeschichte präsentieren. Damit auch sie ihn „vollständig“ sehen können.
Ob sie das wollen, die Frage stellt sich mir gar nicht.

Wie ginge mir das auf der Beisetzung eines nahen Bekannten oder engen Freundes?
Ich würde mir Kinderfotos mit einem gewissen Interesse anschauen („Sah er sich selbst später noch ähnlich?“), Jugendfotos mit einem gewissen Amüsement („Ach ja, die Frisuren und Klamotten damals!“). Bilder aus einer mir fernen Zeit mit mir unbekannten Menschen nur oberflächlich. Interessieren würden mich wirklich nur die Bilder aus gemeinsam erlebter Zeit, mit Menschen, die ich auch kenne.
Diese könnte man aber auch (vielleicht besser?) im kleinen Kreis mal zusammen anschauen und in Erinnerungen schwelgen.
Insofern hat Freund B. schon recht mit seinen Einwänden gegen eine „Diashow“ bei der Trauerfeier.

* * * * *

Irgendwie könnte ich mir vorstellen, mit B. in einer WG zu leben. Könnte ein Zimmer bei ihm mein Rückzugsort in Berlin sein, wenn ich meine Wohnung aufgebe und ins Dorf ziehe?
Aber er ist 15 Jahre älter als ich, wer weiß, wie lange er noch in seiner Wohnung leben kann…

Immerhin lenkt mich die Beschäftigung mit anderen Dingen (z.B. B.s Lebensgeschichte) für ganz kurze Zeit und ein klein wenig von meinem Schmerz ab.

* * * * *

Ich überlege, ob ich meinen Plan, heute in H.s Wohnung zu gehen, wirklich durchführen soll.
Ja, ich muss weiterkommen, aber ist das heute und in meinem aktuellen Gemütszustand wirklich gut?
Andererseits: Hier allein sein fühlt sich gerade auch schrecklich an.

Was möchte ich tun? – Weiter in H.s Dokumenten lesen. mehr über ihn erfahren.
Was müsste ich tun? – Die Wohnung aufräumen (morgen werden Rauchmelder montiert), Geschirr spülen. Eventuell ein wenig arbeiten. Mails schreiben. An der Trauerrede arbeiten. Mich mit P.s Dingen in Sachen Pflegestufe beschäftigen.

* * * * *

Lotto mit seinen Zahlen vom letzten Jahr war nichts bzw. ein für ihn typisches Ergebnis: Drei richtige Zahlen in drei Spielen.
Ist das schlau, mit seinen Zahlen zu spielen? Er war kein Gewinner-Typ; er hatte nicht das Zeug zum Millionär. „Aber wenigstens tut man damit etwas Gutes.“

* * * * *

Ich lese ein bisschen weiter in den alten Geschäfts-Unterlagen. Angesicht der geballten IT-Kompetenz und des Selbstbewusstseins, das H. an den Tag legt, fühle ich mich klein und dumm. Obwohl das ja genau der H. ist, den ich auch kenne – aber ich hatte eben nie in diesem fachlichen Zusammenhang mit ihm zu tun, sondern habe das immer nur am Rande wahrgenommen.

Außerdem habe ich mich mit vielen Problemen ähnlichen Schwierigkeitsgrades (nur in anderen Bereichen) schon selbst herumgeschlagen – und Lösungen gefunden. Im Moment habe ich kein Vertrauen in meine Kraft und Kompetenz – vielleicht auch weil mein Gedächtnis so schlecht ist? Ich kann frühere Erfolge und Strategien nur schwer abrufen momentan.

Mir wird wieder bewusst, dass er in vielem so ganz anders gelebt hat (und war) als ich, vor allem, was den Tagesablauf und sein Energiemanagement angeht: Am Abend vor der Abfahrt nach K. noch Kartoffelsuppe kochen, würde mir im Traum nicht einfallen, selbst wenn es einen Mitbewohner gäbe, der die zweite Hälfte dann essen kann.
Überhaupt das (spät-)abendliche Arbeitenkönnen. Der Umgangston mit Menschen. Das Selbstvertrauen. Die Gelassenheit.

Ich lese von den massiven Geldproblemen und seinen Lösungsstrategien – die mir einige Jahre später in ähnlicher Situation zugute kommen sollten.

Nach fast drei Stunden Lektüre über vier Jahre bin ich leer im Kopf. Oder voll?
Ich ende kurz bevor wir zusammenkamen; wir kannten uns damals aber schon. Es ist genau der H., den ich in Erinnerung habe: Kompetent, souverän, selbstbewusst, klar. Aber auch der mit heftigen Geldproblemen. Der, der immer die Kontrolle behalten will. Der vermittelt, dass er ernst zu nehmen ist.

* * * * *

Dieses Kreisen um ihn – ich weiß, das ist mein Mechanismus, alles zu verarbeiten: Den Schnabel weit auf, alles runterschlingen, vereinnahmen, verdauen, und dann – irgendwann – damit abschließen. Ich kenne meine Mechanismen.
Es ist anstrengend. Psychisch und physisch. Vor allem psychisch.
Ich liebe ihn so sehr, es tut weh.
Liebe. Schmerz. Verlust. Die Endgültigkeit.

Ich habe den heftigsten Weinkrampf seit der Kremierung letzte Woche.
Schaue mir seine Bilder aus den letzten Wochen an: Das ist ein H., der doch ein klein wenig anders ist als der damalige. Ruhiger. Gelassener. Sorgenfreier, zumindest hoffe ich das. Geliebt, man sieht es ihm an. Ich sehe es ihm an.
Ich kann nicht aufhören zu weinen.
Und warum sollte ich?

Schreibe Freund B. eine Mail. Schaue ein Video von H. an, über 12 Jahre ist es alt. Ein Video, auf dem er lacht. Ich kann seit seinem Zusammenbruch sein Lachen nicht mehr in meinem Kopf hören, ich bin so dankbar, dass es diese Aufnahme gibt.

Seine Stimme in meinem Kopf mahnt mich wieder, mich um die Dinge zu kümmern, die jetzt wichtig sind, und die Menschen, die noch am Leben sind: „Der größte Blödsinn ist es doch, Energie und Zeit in etwas zu stecken, dass sich nicht mehr ändern lässt und das niemandem etwas nützt.“

Ich versuche, diesen Arbeits-H. aus den Unterlagen in den Hintergrund zu drängen. Den kenne ich zwar, aber das ist ja nur ein Aspekt „meines“ H., und meiner ist nachsichtiger, liebevoller und fürsorglicher als dieser professionelle Macher da.

Nach der Beerdigung und der Wohnungsauflösung – oder abends nach getaner Arbeit – kann ich gerne anfangen, eine Chronik seines Lebens zu verfassen, oder was auch immer mir dann einfällt. Wenn mir das bei irgendwas hilft, ist es ok.
Im Moment muss ich mich um anstehende Sachen kümmern. Es nutzt niemandem, wenn ich aus der Wohnung fliege, weil ich meine Miete nicht bezahle, weil ich lieber alte Briefe lese als Geld zu verdienen.

B. antwortet, auch ihm gehe es schlecht, das Treffen gestern habe gut getan. Er hat immerhin auch zwei Menschen, um die er trauert, der Arme. Er lenkt sich heute mit Hausarbeit ab, und das werde ich auch tun, schließlich kommen morgen Handwerker.

* * * * *

Im Schnelldurchgang die Wohnung gesaugt. Dann gedacht: Wenn ich jetzt weitermache, bin ich um fünf fix und fertig, und dann?
Sollte ich es vielleicht doch wie H. machen und mich jetzt mal bis kurz nach drei hinlegen und erst dann starten?

Tagsüber hinlegen ging bisher gar nicht, aber ich finde eine Zoosendung und döse dabei tatsächlich 20 Minuten weg. Den Rest der Zeit liege ich einfach da und entspanne mich. Hinterher bin ich zwar müder als vorher, aber es war ein wichtiger Test.

Dann: Kaffee trinken und ein paar Papiere von H. durchsehen – es geht um die Band. Schöne Fotos dabei.

Geschirr spülen, Wäsche waschen. Mich mit P.s Unterlagen zur Pflegestufe befassen.

Die Schwester ruft an. Um nicht über meine Befindlichkeiten zu sprechen, frage ich sie immer gleich als erstes, wie es ihr geht, dann redet sie eine Wiele und kommt dann zum Grund ihres Anrufs. Da ich normal antworte, nimmt sie wohl an, mir gehe es okay, also fragt sie nicht weiter nach.
Sie erzählt von H.s Anfangszeit in Berlin, und in mir geht das Rotieren der Gedanken schon wieder los. Ich muss mich zwingen, die Infos zu notieren und für den Moment wegzupacken. Die Leute erinnern sich in vier oder sechs Wochen noch genauso gut, ich kann sie jederzeit fragen.

Ich rufe bei P. an, aber ihm geht es nicht gut, wir beenden das Gespräch schnell. Ich mache mir sofort Sorgen, das ist wohl bis auf weiteres mein Fluch: Geht es jemandem schlecht, ist der Gedanke an einen plötzlichen Tod nicht fern.
Der H. in meinem Kopf mahnt mich, mich zu beruhigen. Es gelingt nur mäßig.
Also Ablenkung:

Ich räume die beiden Zimmer auf und sauge die Staubfäden von der Decke im Flur (so wie es H. getan hätte, nur nicht ganz so ordentlich und nicht in der ganzen Wohnung).
Recherchiere nach Rechten und Pflichten von Mietern in Bezug auf die Rauchmelder, die morgen installiert werden.
Räume den Schreibtisch auf.
Sichte das Fernsehprogramm und bin entsetzt, dass nichts kommt bzw. dass mich nichts anspricht. Ein Abend in Stille? Undenkbar!

Täglicher Anruf bei M., ich habe nichts zu sagen, sie kann mit meiner Traurigkeit nicht umgehen, vermutlich löst die bei ihr dieselbe Angst aus wie bei mir irgendwelche Hiobsbotschaften zum Gesundheitszustand.

Plane grob den morgigen Tag. Gehe die Mails durch, die Freitag Nachmittag und Samstag gekommen sind. Bearbeite sogar eine Kleinigkeit für die Lieblingskundin.
Gehe die Discounter-Angebote für die kommende Woche durch. Gartenkram und Werkzeug. Na toll. Trigger, olé!

Mach Essen. Räume die Küche auf. Hier müssen die Monteure zwar nicht hin, aber es muss auch nicht so müllig aussehen.

Setze mich vor die Nachrichten und esse: Restesalat mit Chicorée, Apfel, Paprika, Tomate. Dazu ausgelassene Speckstücke und getoastetes Vollkorn-Baguette. Heute vergesse ich auch die Knoblauchzehe nicht, mit der wir immer unser getoastetes Weißbrot einreiben, weil H. das von früheren Spanien-Urlauben so kannte.

Die gewaschene Wäsche aufhängen. Nochmal schnell über die Planung gehen. Keine Lust mehr, die geplanten (privaten) Mails zu schreiben. Kommt auch noch auf den Zettel für morgen. Wie soll ich das alles schaffen?

Auch heute wird also nichts daraus, abends noch Kleinigkeiten oder Privates zu erledigen, für das im Tagesablauf kein Platz gewesen ist. Das wäre etwas, das ich wirklich gerne von H. übernehmen würde, vielleicht nicht bis nachts um halb zwei, aber so ein Stündchen nach dem Essen noch. Aber das ist mir wohl nicht gegeben, nach dem Essen werden ich immer hundemüde.

Nichts im Fernsehen also lasse ich auf der ARTE-App zwei Dokus laufen, eine über Omar Sharif und eine über einen Mordfall in Finnland: „Notruf„.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Ein Nickerchen am Nachmittag machen können und mich danach etwas besser fühlen.

What I did today that could matter a year from now:
.

Was wichtig war:
Weinen.
Verstehen.
Mir Zeit nehmen.
Ablenken.
Eine Hand ausstrecken, und sie wird ergriffen.
Hausarbeit.

Begegnungsnotizen:
.

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